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BECKENRIED: Das sind Stoffe, die Geschichte schreiben

Wolfgang Ruf besitzt nach eigenen Angaben die weltweit umfangreichste Privatsammlung europäischer Stoffe aus sechs Jahrhunderten. Nun will er seine gesamte Kollektion verkaufen – und sich seiner zweiten Leidenschaft widmen.
Wolfgang Ruf (68) in seinem Reich aus Stoffen und weiteren Textilien. (Bild: Corinne Glanzmann (Beckenried, 24. März 2017))

Wolfgang Ruf (68) in seinem Reich aus Stoffen und weiteren Textilien. (Bild: Corinne Glanzmann (Beckenried, 24. März 2017))

Wenn es nach seinem Vater gegangen wäre, würde Wolfgang Ruf heute in der eigenen Bettenfabrik im deutschen Rastatt französische Betten verkaufen. «Aber irgendwann merkte ich, dass ich nicht mehr zu dem kam, was mir wichtig war, zum Orgelspiel. Zeit für meine kleine Tochter hatte ich damals auch nicht. Ich wollte etwas machen, an dem mein Herz hängt.» Ein Jugendfreund, der mittlerweile Direktor des Stoffmuseums in Lyon geworden war, brachte ihn auf die Idee, historische Textilien zu sammeln.

Ein Jahr lang kaufte der damals 32-Jährige von seinem Geld nur Seidenstoffe des 17. und 18. Jahrhunderts. Für seinen ersten Kundenbesuch bei der Abegg-Stiftung in Riggisberg, einem berühmten Museum, legte er sich einen speziellen Koffer zu, um seine Textilien vorzuführen. Er besitzt ihn heute noch und würde ihn um keinen Preis hergeben.

Klare Grenze zwischen Sammler und Händler

Sein Plan ging auf: Der Kunde kaufte ihm alle 40 Stoffe ab, mit leerem Koffer ging es nach Hause. «Das hat mich bestätigt.» Wolfgang Ruf blieb Kunsthändler, wie er sagt. Er zieht eine klare Grenze und versteht sich nicht als Sammler: «Ich behalte kein Textil, weil es mir wichtig ist. Ich bin froh, wenn es wieder weg ist. Je grösser die Sammlung ist, desto mehr Verantwortung hat man.» Was der 68-Jährige besitzt, sind nicht irgendwelche Stoffe. Es sind über 1300 historische Textilen von 1430 bis heute – seiner Einschätzung nach die weltweit umfangreichste und bedeutendste Privatsammlung europäischer Textilien.

Darunter sind Stoffe wie der, mit dem das Schlafzimmer der französischen Königin Marie Antoinette ausgestattet werden sollte. So weit kam es indes nicht. Sie wurde von den Revolutionären wegen ihres verschwenderischen Lebensstils verachtet und landete auf dem Schafott. Mit dem Stoff liess Napoleon später für seine Joséphine ein Zimmer in Schloss Fontainebleau ausstaffieren. «Heute gibt es nur noch zwei neuwertig erhaltene Stoffmengen», sagt Wolfgang Ruf dazu. «Die eine besitzt die Abegg-Stiftung.» Die andere er.

Allein die Qualität der historischen Stoffe ist nicht mit heutiger zu vergleichen. Wolfgang Ruf holt zwischen Seidenpapieren vorsichtig einen goldbroschierten Seidenstoff hervor und gewährt einen Blick durch die Lupe. Vergoldetes Metall windet sich um die einzelnen Gewebefäden. «Es ist flach geklopftes Messing in feinste Streifen geschnitten und um die Fäden gewickelt», klärt der Experte auf. Eine Arbeit, die heute unbezahlbar wäre. Ruf zeigt ein anderes Beispiel eines englischen silbernen Stoffes von 1680 mit magentaroten Blüten und wirft die Frage ein: «Wie viel Meter Faden sind wohl für einen Meter Stoff hergestellt worden?» Es sind 2,5 Kilometer. Weiter hängen an Garderobenstangen sorgsam verpackte Stoffe aus dem 20. Jahrhundert. Wer hätte gedacht, dass Maler wie Picasso, Chagall, Andy Warhol oder Salvador Dalí Stoffe designt haben?

Gutes Design überlebt die Jahrzehnte

Der natürliche Feind des Stoffs sind Licht, Feuchtigkeit, Mäuse und Ratten. «Gar nicht mal Motten», widerspricht Ruf dem gängigen Vorurteil. «In Seidenstoffe gehen die nur zur Not.» Seit 2001 lebt Wolfgang Ruf mit seiner Lebenspartnerin in einer Villa in Beckenried. Das Haus mit Seeanstoss ist so konstruiert, dass kein Wasser eindringen kann. Im Erdgeschoss stehen mehrere Orgeln und Hammerflügel. Sie sind Teil seines Zuhauses. Der in Fachkreisen als «Stoffkönig» bezeichnete Händler sammelt auch komplette Damenroben, Herrenanzüge und Kinderkleider – davon besitzt er zur Zeit 650, mit 700 dazugehörigen Accessoires. Aus Platzgründen lagert er diese im Nachbarort.

Insgesamt fünf Kleiderkollektionen hat Ruf bislang an international bedeutende Museen verkauft, wie etwa an das Kunstgewerbemuseum in Berlin, das Los Angelos County Museum oder das Kyoto Costume Institute. Finden konnte er seine Stoffe auch über bekannte Auktionshäuser wie Christie’s oder Sotheby’s. Für jedes einzelne Exemplar sind tagelange Recherche und eine Reise zum Auktionshaus notwendig. Allerdings sei der Markt leergefegt, hält Ruf fest.

Der Kunsthändler hat nun vor, seine komplette Kollektion von Textilien und Kleidern zu verkaufen, um ein Mode- und Textilmuseum zu etablieren, das sich auf Augenhöhe mit grossen Museen wie dem Metropolitan Museum in New York oder dem Victoria & Albert Museum in London befindet. Und sich dann seiner zweiten Leidenschaft widmen: Dem Aufbau einer Sammlung von Hammerflügeln.

Marion Wannemacher

marion.wannemacher@

nidwaldnerzeitung.ch

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