BÜREN: Strom kommt aus dem Geissenhäuschen

Zwei Familien bauen in ihrem Quartier ein eigenes Kleinwasserkraftwerk. Die Idee zum nicht alltäglichen Beitrag an die Energiewende entstand an einem Grümpelturnier.

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Heinz Barmettler (rechts) und Robi Kaufmann auf der Baustelle für ihr Wasserkraftwerk. (Bild Corinne Glanzmann)

Heinz Barmettler (rechts) und Robi Kaufmann auf der Baustelle für ihr Wasserkraftwerk. (Bild Corinne Glanzmann)

Matthias Piazza

Das Quartier Haldenweg/Ursprungsstrasse ist zurzeit eine Grossbaustelle. Ein Bagger hebt auf dem untersten Teilstück den Graben für die Druckwasserleitung aus. Weiter oben blickt man in ein grosses Loch. Eine Schlüsselstelle für das künftige Kleinwasserkraftwerk. Hierhin fliesst das überschüssige Wasser des Mühlebachs aus der Ursprungs- und Frongadmenquelle, das nicht als Trinkwasser gebraucht wird. Über eine Druckwasserleitung schiesst das Wasser dereinst in den Haldenweg hinunter, wo es eine Turbine antreibt. «Ab 4 Liter pro Sekunde kann die Turbine Strom erzeugen, 22 Liter sind das Maximum», erklärt Heinz Barmettler, der das Projekt mit Robi Kaufmann ausführt. Er geht davon aus, dass die Turbine während rund 270 Tagen pro Jahr läuft und so etwa 42 000 Kilowattstunden produziert. «Das entspricht einem Bedarf von zehn Haushalten.» Dank des sauberen Trinkwassers greife kein Sand die Turbine an, führt er einen Vorteil des Quellsystems auf.

Turbine darf kein Mü grösser sein

Noch ist es allerdings nicht so weit. Als nächstes stehen der Bau der Wasserfassung, die Leitungsbohrung unter der Strasse und der Einbau der Druckwasserleitung auf dem Programm. Und natürlich noch das Herzstück der ganzen Anlage – die Turbine. Normalerweise wird diese mit einem Kran an ihren Platz gehievt, das geht hier aber nicht. «Die Turbine kommt in das bestehende Holzhäuschen, dem einstigen Geissenhäuschen, das gerade mal zwei auf zwei Meter gross ist», klärt Heinz Barmettler auf. «Wir haben an den Seiten gerade mal je zwei Zentimeter Luft», lacht er. So bleibt nichts anderes übrig, als die Anlage vor Ort einzubauen. Doch das Gebäude eigne sich, und so habe man auf ein weiteres Baugesuch verzichten können.

Hinter dem Minikraftwerk steht nicht etwa ein Energieunternehmen, sondern zwei befreundete Familien aus dem Quartier. «Wir sind beide am Mühlebach aufgewachsen, wissen, dass der fast immer Wasser führt», erzählt Heinz Barmettler. Und eines späten Abends, nach einem Grümpelturnier, als er und sein Nachbar Robi Kaufmann über die Energiewende philosophierten, war die «Bieridee» geboren. «Wir bauen ein Wasserkraftwerk und leisten damit einen direkten Beitrag an die Energiewende.» Die beiden Familien gründeten eine Genossenschaft. Es konnte losgehen. Erste Pläne entstanden. Das war 2012. Viel Zeit kostete das Projektieren, das Bewilligungsprozedere. Vor einem Jahr stand das Vorhaben kurz vor dem Aus: Der Bund änderte die Ansätze für die kostendeckende Einspeisevergütung um rund 30 Prozent. «Das brach uns fast das Genick», blickt Barmettler auf diesen schwierigen Moment zurück. Doch auch diese Hürde meisterten sie – unter anderem dank eines Beitrages der Albert Koechlin Stiftung, die 20 Prozent der Kosten übernimmt (die Gesamtkosten wollte er nicht verraten).

Leute für Verbrauch sensibilisieren

Glatt ging dafür das Einspracheverfahren über die Bühne. «Sämtliche zwölf betroffenen Parzellenbesitzer gaben uns ihren Segen», windet Barmettler seinen Nachbarn und den zwei Landwirtschaftsbetrieben ein Kränzchen. «Unsere Idee stiess auf viel Wohlwollen, einige hielten uns allerdings für verrückt.» Kein Wunder. Schliesslich ist es alles andere als gewöhnlich, dass Private selber ein Kleinwasserkraftwerk bauen und finanzieren. Um die Kosten tief zu halten, packt das Duo selber mit an (zusammen mit Fachspezialisten), investiert dafür Ferien und Freitage.

Seit Sommer wird gebaut. Wenn das Kraftwerk in wenigen Wochen ans Netz geht, fliessen Wasser und Strom, nicht aber Geld. «Reich werden wir davon nicht. Mit den Einnahmen aus dem Strom, den wir ins öffentliche Netz einspeisen, können wir gerade die Anlage amortisieren», stellt Robi Kaufmann klar. Doch ums Geld gehe es auch nicht. «Wir wollen die Leute für den Stromverbrauch sensibilisieren. Strom kommt nicht einfach so aus der Steckdose, sondern muss irgendwo produziert werden. Und wie kann man das besser zeigen, als wenn man ein Wasserkraftwerk mitten im Quartier baut?»