BUOCHS: Nach drei Jahren Entwicklungszusammenarbeit: Ehepaar kehrt aus Bolivien zurück

Nach drei Jahren Entwicklungszusammenarbeit sind Helen und Thomas Ittmann aus Bolivien zurückgekehrt. Trotz Armut und Gewalt vor Ort haben sie viele lebensfrohe Menschen kennengelernt.

Romano Cuonz
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Neben einigen Andenken haben Helen und Thomas Ittmann viele Erinnerungen aus Bolivien mitgenommen. (Bild: Romano Cuonz (Stans, 16. März 2018))

Neben einigen Andenken haben Helen und Thomas Ittmann viele Erinnerungen aus Bolivien mitgenommen. (Bild: Romano Cuonz (Stans, 16. März 2018))

Romano Cuonz

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

«Die 26 Stunden dauernde Rückreise aus der bolivianischen Grossstadt Cochabamba nach Stans gab uns wenigstens genügend Zeit, den geografischen und auch kulturellen Wechsel einigermassen zu vollziehen», sagt der 62-jährige Nidwaldner Thomas Ittmann. Und seine 58-jährige Frau Helen ergänzt: «Bei einer unserer emotionalen Abschiedsfeiern in Cochabamba sagten uns Bolivianer nicht einfach nur Adiós, sondern auch ‹Hasta luego›, was so viel wie ‹Auf Wiedersehen› bedeutet.»

Die beiden Nidwaldner – Helen Ittmann ist gelernte Pharmaassistentin, Thomas ist Heilpädagoge und ehemaliger Buochser Schulleiter – sind nun bei «Interteam» drei Jahre lang als Fachleute im Einsatz gestanden. Ein wichtiges Ziel dieser Hilfsorganisation ist es, die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen vor Ort zu verbessern. Dies, indem Hilfe zur Selbsthilfe geleistet wird. «Unsere Vorfreude auf die Rückkehr in die Heimat war gross, doch lassen wir in Bolivien auch viele Menschen zurück, die uns ans Herz gewachsen sind», stellt Thomas Ittmann fest. Die Bilanz, die das Ehepaar nach seinem Einsatz ziehen kann, darf sich sehen lassen: Beide haben sie, fernab der Heimat, an getrennten Arbeitsplätzen vieles erreicht. Ebenso vieles haben sie mindestens in die Wege geleitet.

Schule behindertengerecht ausgebaut

«Wir hatten nie den Anspruch, in Bolivien im Stil einer ‹Mutter Theresa› Gutes zu tun», sagt Thomas Ittmann. Vielmehr hätten sie sich die Frage gestellt: «Wie können wir die Situation, in der die Menschen hier leben, in kleinen Details verbessern?» Als Ittmann seine Arbeit an der von Jesuiten gegründeten heilpädagogischen «Fe y Alegria-Schule» aufnahm, mussten Kinder mit Handicap noch mühsam Treppen hoch in obere Stockwerke getragen werden. «Da setzten wir uns mit ganzer Kraft für einen Um- und Neubau ein, unter anderem mit einer rollstuhlgerechten Rampe und zusätzlichen Therapieräumen», berichtet er.

«Dank Spenden, auch aus der Schweiz, kam das nötige Geld zusammen», freut sich Ittmann. Nicht weniger Zeit wendete der Schweizer dafür auf, Lehrer und Direktoren aus- und weiterzubilden. Künftig sollten rund 80 von ihnen fähig sein, Kinder mit individuellen Plänen wirksamer zu fördern. Wichtig war auch, dass für eine Ludothek das nötige didaktische Material beschafft und finanziert werden konnte. «Die öffentliche Hand unterstützt Fe y Alegria-Schulen leider nicht», bedauert Ittmann. Umso mehr staunten Bolivianer, dass Schweizer in ihr Land gekommen waren, um ihnen zu helfen. «Auch wenn wir kaum je konkret dem einen oder andern etwas zugutetun konnten, zeigten uns viele Kinder und Eltern grosse Dankbarkeit und Zuneigung», freut sich Thomas Ittmann noch heute.

Kinder werden zur Prostitution gezwungen

«Während der ganzen Einsatzzeit war es eine meiner Aufgaben, Ärzte von meiner Partnerorganisation im organisatorischen Bereich zu unterstützen», erzählt Helen Ittmann. Vor allem habe sie für Übersicht und Ordnung bei Medikamenten und ärztlichen Utensilien gesorgt, Kontrolllisten für die Warenbewirtschaftung erstellt. Viel Herzblut aber steckte Helen wie auch ihr Mann in ein Projekt, mit dem sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen bekämpft werden soll. Gerade Kinder aus ärmeren Quartieren würden immer wieder mit falschen Versprechen geködert, in andere Länder verschleppt und gar zur Prostitution gezwungen. «Dank Spendengeldern konnte meine Partnerorganisation 50 Lehrer so schulen und mit Lehrmitteln ausrüsten», sagt Helen Ittmann. «Mit dem Ziel, dass sie Kinder präventiv und wirksam vor Banden schützen, die Kinderhandel betreiben.»

Rückkehr nach Bolivien ist gewiss

Helen Ittmann schildert ein konkretes Beispiel. Dank Aufklärung im Unterricht rannte ein 11-jähriges Mädchen weg und holte Hilfe bei Nachbarn, als ein Taxifahrer es zum Einsteigen drängen wollte. «Froh darüber, richtig reagiert zu haben, erzählte es sein Erlebnis in der Schule um alle zu warnen», freut sich Helen Ittmann über diesen konkreten Erfolg einer Präventionskampagne.

Nun sind also Helen und Thomas Ittmann wieder zurück von ihrem Interteam-Einsatz. Die drei Jahre in Bolivien aber hinterlassen bei ihnen unvergessliche Eindrücke. «Nach dem Motto ‹Hasta luego› werden wir unsere Freunde sicher wieder einmal besuchen», versichert Helen Ittmann. Und ihr Mann meint: «Weil wir extrem viel erfahren haben, wollen wir gerne andere Leute motivieren, das Gleiche zu wagen.» À propos Erfahrung: «Wir mussten lernen, wie Bolivianer stets den Moment zu geniessen.» Diese seien nämlich kaum je bereit, vorwärts zu blicken in eine Zukunft, die man ja ohnehin nicht kennt.

Hinweis

Leben und Arbeiten in Bolivien: Helen und Thomas Ittmann berichten über Erfahrungen und Erlebnisse in der Entwicklungszusammenarbeit. Mittwoch, 2. Mai, 19.30 Uhr, Pfarreiheim Stans.