BUOCHS: «Vertrauen zu Fremden ist gewachsen»

Auf ihrer Reise wollen Antje Schley und Philipp Weiersmüller zwischen Kulturen vermitteln. Und nehmen dafür so manche Strapazen in Kauf.

Matthias Piazza
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Philipp Weiersmüller und Antje Schley.

Philipp Weiersmüller und Antje Schley.

Buochs ist weit weg. Rund 4500 Kilometer, um genauer zu sein. So gross ist nämlich die Distanz zwischen ihrem Nidwaldner Wohnort und den Kykladen. Auf dieser griechischen Inselgruppe in der südlichen Ägäis ist der momentane Aufenthaltsort von Antje Schley (28) und Philipp Weiersmüller (24). Das Buochser Paar brach im vergangenen Mai zu einer dreijährigen Reise nach Afrika auf. Hinter ihnen liegen Italien, Slowenien, Kroatien, Bosnien, Montenegro, Kosovo, Mazedonien, Bulgarien, Istanbul, Rumänien und weite Teile Griechenlands.

Vor ihnen liegen weitere 10 000 Kilometer, bis sie 2015 die Seychellen, das Ziel ihrer Reise, erreichen. Die Route führt sie über die Türkei, den Libanon, Israel, Palästina, Ägypten, Sudan, Äthiopien, Kenia, Tansania, Madagaskar. «Unser Vertrauen zu Fremden ist gewachsen», antwortet Antje Schley per E-Mail auf die Frage, wie sie die Begegnungen auf menschlicher Ebene geprägt hätten. «Mit jeder neuen Begegnung werden wir ein wenig offener und lernen uns durch ihre Augen selbst besser kennen.»

Positive Zwischenbilanz

Auf ihrer dreijährigen Reise haben sie eine Mission – das Projekt «Two to one» aufzubauen. Sie wollen den Menschen und Kulturen begegnen, die soziale Nachhaltigkeit fördern, in Hilfsprojekten mitarbeiten, mit jungen und engagierten Künstlern zusammenspannen sowie all dies dokumentieren und daraus ein Buch machen. Sie ziehen nach dem ersten Drittel eine positive Zwischenbilanz – abgesehen vom finanziellen Aspekt. «‹Two to one› ist bedeutend gewachsen, wir konnten enorm viel an Fotomaterial und Geschichten sammeln, wichtige Kontakte knüpfen, den Online-Shop aufbauen und unser Konzept weiter ausarbeiten.» Der Schritt in die Selbstständigkeit sei jedoch gerade unter ständig wechselnden Umständen kein einfacher. «Und nachdem wir jetzt so viel an Zeit, Energie und Geld investiert haben, hoffen wir nun, dass die viele Arbeit bald Früchte trägt und wir unser Projekt wie geplant weiterführen können.»

Ein Beitrag im Kleinen

Sie sind überzeugt, dass sie mit ihrem Beitrag Brücken zwischen den Kulturen bauen können – wenn auch im Kleinen. «Mit unseren unzähligen Berichten im Internet und all den Gesprächen, die wir täglich mit Leuten aus sämtlichen Ecken der Welt führen, ist uns das sicherlich mehr gelungen, als man das auf den ersten Blick vielleicht vermutet», meint Philipp Weiersmüller. «Jeder Gedanke von Toleranz, sei er auch noch so kurzlebig, den wir bei jemandem ins Rollen bringen, ist ein Tropfen auf den heissen Stein, und ich glaube, wir können mit ruhigem Gewissen sagen, dass wir schon einige Tropfen zum Fallen gebracht haben.»

Ohne Flugzeug unterwegs

Die gesamte bisherige Strecke bewältigten sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln, ein paar ganz wenige Kilometer per Autostopp. Fliegen ist tabu. «Selbst grosse Reisen kann man umweltbewusst machen, wenn man sich nur die Zeit dafür nimmt», ist für Philipp Weiersmüller klar. Besonders in Erinnerung bleiben dem Paar die fehlenden sozialen Institutionen für lernschwache Schüler und die tragischen Geschichten der Kinder in den Waisenhäusern von Rumänien. «Da die meisten Kinder völlig verwahrlost und unterernährt ins Heim kommen, sind viele von ihnen körperlich oder geistig zurückgeblieben und benötigen besondere Aufmerksamkeit, haben Mühe in der Schule oder soziale Kontakte einzugehen. Das macht es ihnen in einem Land wie Rumänien zusätzlich schwer, ein unabhängiges und sorgenfreies Leben zu führen, und nur sehr wenige unter ihnen können mit dem rücksichtslosen Tempo der Gesellschaft mithalten», blickt Philipp Weiersmüller auf den Rumänien-Einsatz zurück, bei dem die beiden in von einer Schweizer Stiftung getragenen Waisenhäusern für verlassene Kinder während zweier Monate aushalfen.

Fest in Philipp Weiersmüllers Gedächtnis prägte sich ein Grossbrand in einem Kloster vom vergangenen Februar ein. Er wollte im Kloster Treskavec in Mazedonien entspannen. Doch es kam anders. Eines Morgens bemerkte er enorm viel Rauch. Da nur der Mönch und er vor Ort waren, schafften sie es nicht, die Flammen zu kontrollieren, und mussten hilflos zusehen, wie diese das gesamte Kloster samt 25 Gästezimmern verschlangen.

Tausende von Geschichten

Als «ziemlich schräg und amüsant» kommt den beiden das Reggae-Erlebnis in den Sinn. «Mit unserem 50-jährigen Freund, der in Montenegro lebt und aus Manchester kommt, waren wir drei Tage lang an einem Reggae-Festival an der albanischen Küste.» Die Reise hinterliess bei dem Paar einen nachhaltigen Eindruck, veränderte ihr Menschen- und Weltbild. «Das Misstrauen, das bei uns gegenüber Fremden und Unbekannten weitgehend vorherrscht, ist deutlich geschwunden, jetzt, wo wir uns jeden Tag mit diesem Unbekannten befassen. Zudem wird das Denken bei einer solchen Tätigkeit wie der unseren globaler, und die Herkunft eines Menschen tritt deutlich in den Hintergrund», bringt es die 28-Jährige auf den Punkt.

Als schwierigste Hürde bezeichnen sie, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu kriegen und ein solches Projekt in der Ferne aufzubauen. «So liegen zehn arbeitsintensive Monate hinter uns und Tausende von Geschichten, Erlebnissen und Begegnungen.»

Rückkehr in zwei Jahren

Als Nächstes gehts zurück nach Istanbul, wo sie eine Fotoausstellung im öffentlichen Raum durchführen. Die nächste grosse Station ist das Grenzgebiet zu Syrien. Hier werden sie, falls die türkischen Behörden die Bewilligung erteilen, von Juni bis August als Freiwillige in einem Flüchtlingslager aushelfen und über die Situation dort sowie die Geschichten der Bewohner berichten.

Im Libanon wollen die beiden halbtags als Freiwillige in einem Behindertenheim aushelfen und die andere Hälfte des Tages damit verbringen, über die Situation der Behinderten im Land sowie ihre eigenen Erfahrungen zu berichten. Die Rückkehr in die Schweiz ist auf Frühling 2015 geplant. Mit unzähligen Erlebnissen und Eindrücken im Gepäck. Und Buochs als Zuhause.

Hinweis

www.twotoone.ch