COCHABAMBA: Einflussnahme mit Fingerspitzengefühl

Die Nidwaldner Entwicklungshelfer Helen und Thomas Ittmann arbeiten seit einem Jahr in Bolivien. Nach und nach gibt es Erfolge.

Interview Romano Cuonz
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Thomas Ittmann bei einem Workshop mit Jugendlichen zur Gewaltprävention (Bild: PD)

Thomas Ittmann bei einem Workshop mit Jugendlichen zur Gewaltprävention (Bild: PD)

Interview Romano Cuonz

«Auf und davon!» hiess es im letzten Frühjahr für den früheren Buochser Schulleiter Thomas Ittmann (60) und seine Frau Helen (55), eine gelernte Pharmaassistentin aus Stans. Im Auftrag von Interteam siedelte das Paar für drei Jahre als Entwicklungshelfer nach Cochabamba um. Dies ist die viertgrösste Stadt Boliviens. Thomas Ittmann begleitet und motiviert Lehrpersonen. Dies bei der Organisation Fe y Alegria, die sich in den Bereichen Bildung und soziale Gerechtigkeit engagiert. Schrittweise soll in der Schule die individuelle Förderplanung eingeführt werden. Seine Frau Helen arbeitet bei IDH-Bolivia, einer Organisation, die sich in der Prävention gegen HIV/Aids und auch gegen sexuelle Gewalt engagiert. Weil sie als Schweizer die bolivianischen Arbeitsweisen noch immer nicht ganz durchschaut hätten, würden sich ihre Arbeiten oft recht schwierig gestalten, bilanzieren sie im Interview mit unserer Zeitung.

 

Woran, Thomas Ittmann, arbeiten Sie zurzeit konkret?

Thomas Ittmann: Aktuell kläre ich mit Interteam ab, ob es möglich sein wird, in den nächsten Jahren ein Bausanierungsprojekt für die Schule zu realisieren, an der wir rund 100 Kinder und Jugendliche mit geistigen Behinderungen betreuen. Zudem müsste didaktisches Unterrichtsmaterial angeschafft werden. Beides wäre dringend nötig.

Und Sie, Helen Ittmann?

Helen Ittmann: Wir möchten die medizinische Betreuung ausweiten und eine kleine Notfallapotheke einrichten. Dazu müssen wir uns um eine staatliche Bewilligung bemühen. Diese brauchen wir, damit wir HIV-positiven Patienten die benötigten, vom Staat bezahlten Medikamente selber abgeben dürfen. Derzeit gibt es nur eine einzige Abgabestelle für das ganze Departement Cochabamba!

Wo ergeben sich bei der Arbeit in Bolivien die grössten Schwierigkeiten?

Thomas Ittmann: Auch wenn hier schriftlich abgefasste Jahresplanungen erstellt werden, gestaltet sich die Realität oft überraschend anders. Bolivianer sind wahre Meister im Improvisieren, für mich als strukturierten Schweizer aber ist dies eine echte Herausforderung. Ich muss täglich lernen, mit neuen Situationen zurechtzukommen.

Helen Ittmann: Und doch wäre es falsch anzunehmen, dass die Menschen hier keine Ahnung haben. Was wir sollten und auch können: die Einheimischen im Zuge eines kulturellen Austausches inhaltlich und organisatorisch unterstützen. Für uns als Schweizer heisst das aber, mit Fingerspitzengefühl Einfluss zu nehmen. Die schweizerische Art des Arbeitens ist mit jener in Bolivien bei weitem nicht immer kompatibel.

Gibt es in diesem Land auch Erlebnisse, die unvergesslich bleiben?

Thomas Ittmann: Ja, der Kauf unserer Waschmaschine auf dem riesigen Markt in Cochabamba! Als wir sie endlich gefunden und bezahlt hatten, half uns ein Junge dabei, sie durchs Gedränge an den Strassenrand zu bugsieren. Als wir dort auf ein Taxi mit Ladefläche lauerten, mussten wir die Maschine mehrmals zur Seite rücken, damit der Bus passieren konnte. Man stelle sich so etwas einmal in Nidwalden vor! Aber es geht tatsächlich auch so!

Helen Ittmann: Um die Nebenkosten unserer Wohnung für Gas, Strom und Telefon zu begleichen, muss ich jeweils zur Bank gehen. Dort löse ich eine Nummer wie auf der Schweizer Post. Dann wird gewartet. Wenn man endlich an der Reihe ist, ist es meist nicht möglich, alle drei Rechnungen zu bezahlen, weil immer irgendein System nicht funktioniert. Die freundliche Erklärung lautet dann jeweils: «Venga mañana – kommen Sie morgen!»

Welche Ziele möchten Sie in den verbleibenden beiden Jahren erreichen?

Helen Ittmann: Für mich wäre es eine ganz grosse Sache, wenn in zwei Jahren die Medikamentenabgabe tatsächlich dezentralisiert wäre. Dann müssten die Patienten nicht mehr jeden Monat ganze Tagesreisen in Kauf nehmen, um dringend benötigte Medikamente zu bekommen. Und wir hätten etwas bewirkt.

Thomas Ittmann: Wenn in zwei Jahren «meine» Schule saniert ist und die 20 Lehrpersonen über genügend didaktisches Material verfügen, werde ich überglücklich sein!

Hinweis

Informationen zu den Entwicklungsprojekten unter www.interteam.ch

Helen Ittmann spricht mit Jugendlichen an der Expo Vida in Cochabamba. (Bild: PD)

Helen Ittmann spricht mit Jugendlichen an der Expo Vida in Cochabamba. (Bild: PD)