DALLENWIL: Schülerin folgt den Spuren des Luchses

In ihrer Maturaarbeit hat sich Seraina Jung mit der Wiederansiedlung des Luchses in der Zentralschweiz beschäftigt. Sie stellt fest: Der Luchs ist eine Bereicherung.

Lukas Tschopp
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Seraina Jung - hier in der Tierausstellung des Kollegi Stans - beschäftigte sich in ihrer Maturaarbeit mit der Wiederansiedlung des Luchses. (Bild: Lukas Tschopp)

Seraina Jung - hier in der Tierausstellung des Kollegi Stans - beschäftigte sich in ihrer Maturaarbeit mit der Wiederansiedlung des Luchses. (Bild: Lukas Tschopp)

Lukas Tschopp

Im April 1971 wurde in Obwalden das schweizweit erste Luchspaar ausgesetzt: Eingeflogen aus der damaligen Tschechoslowakei, wurden die zwei eurasischen Luchse im Basler Zoo geimpft und schliesslich von «Luchsvater» Leo Lienert und seinen Begleitern im Banngebiet Huetstock im Melchtal freigelassen. In ihrer Maturaarbeit fragte die 18-jährige Seraina Jung aus Dallenwil nach den Hintergründen dieser Erstaussetzung, aber auch nach dem Einfluss der Luchspopulation auf den Wildbestand. «Eines Abends unterhielten wir uns in der Familie über die Luchs­aussetzung. Meine Mutter war der Ansicht, dass das Wild in den Wäldern wegen der Luchse immer scheuer werde», erzählt Seraina Jung. «Ich beschloss, der Sache nachzugehen, und habe den Luchs dann zum Thema meiner Maturaarbeit gemacht.» Ihr grundlegendes Interesse an der Biologie kam ihr dabei gelegen.

Intakter Lebensraum Schweiz

Warum wurde der Luchs vor gut 43 Jahren ausgerechnet in Obwalden wieder angesiedelt? Seraina Jung hat nachgeforscht: in der Literatur, aber auch in Gesprächen mit dem Obwaldner Kantonsoberförster Peter Lienert und dem Nidwaldner Wildhüter Werner Durrer. Als der Bund Ende der 60er-Jahre beschlossen hatte, den Luchs in der Schweiz wieder anzusiedeln, hielt man Ausschau nach geeigneten Gegenden. In Obwalden waren ausreichend Fläche und Nahrung vorhanden, auch schien die Wiederansiedlung des Luchses in der Bevölkerung akzeptiert. Der Luchs sollte dem bisweilen nur wenig widerstandsfähigen und kaum aktiven Schalenwild zu mehr Bewegung verhelfen: «Durch seine Jagdaktivität macht der Luchs die Rehe und Gämsen vorsichtiger, ausdauernder und wachsamer», erklärt Seraina Jung. «Indem der Luchs das Schalenwild jagt, bleibt es in ständiger Bewegung und verteilt sich besser. Und nicht zuletzt war eine gelungene Wiederansiedlung die Bestätigung dafür, dass die Schweiz einem Luchs intakte Lebensräume bieten kann.»

Skeptische Jäger

Trotz diesen Vorzügen stiess das Vorhaben der Wiederansiedlung bei den einheimischen Jägern vorerst auf Widerstand. Diese sahen im Luchs in erster Linie einen Konkurrenten bei der Regulierung des Wildbestandes. «Zum Zeitpunkt der Wiederansiedlung durfte ein Jäger in Obwalden jährlich rund drei Rehe schiessen. Heute muss sich ein Jäger mit einem Reh pro Jahr zufrieden geben.» Der Rückgang der erlaubten Abschusszahl wie auch der Wille, den Rehbestand selber zu regulieren, machte die Jäger skeptisch. «Schliesslich war es Leo Lienert zu verdanken, dass der Luchs trotzdem ausgesetzt wurde», führt Seraina Jung weiter aus. «Lienert bot der Jagdgemeinschaft einen Deal an: Gleichzeitig mit dem Luchs sollte in Obwalden auch der Hirsch wieder angesiedelt werden.» Da der Luchs selbst keine Hirsche reisst, blieb die Regulation des Hirschbestandes allein den Jägern überlassen. Dieser Schulterschluss war für die Aussetzung ausschlaggebend.

Der Luchs passt sich an

Weiter fragte Seraina Jung nach dem Einfluss der Luchspopulation auf den heimischen Schalenwildbestand. Dazu hat sie die Entwicklung der Bestände in den Zeiträumen von 1971 bis 1985 und von 2004 bis 2013 verglichen. «Mir ist aufgefallen, dass sich der Luchs grundsätzlich dem Schalenwildbestand anpasst: Die Luchspopulation steigt oder sinkt immer parallel zur Population der Rehe und Gämse», so die Erkenntnis der 18-Jährigen. Ähnlich sieht dies auch Oberförster Peter Lienert: «Das Schalenwild macht rund 60 Prozent der Luchsbeute aus. Ist mehr Wild vorhanden, hat der Luchs mehr zu fressen und vermehrt sich entsprechend stärker. Keinesfalls würde der Luchs seine Beute ausrotten.»

Den Bestand regulieren

Der Luchs sei sicher eine Bereicherung für die Artenvielfalt im Land, so Lienert weiter. Heute leben in der Zentralschweiz vermutlich etwa 75 Luchse. «Was als Nächstes ansteht, ist eine Diskussion über die menschliche Regulierung des Luchsbestandes.» Ohnehin hat der Mensch einen starken Einfluss auf die Tierbestände: Die wachsenden Freizeitangebote in Wald- und Gebirgslandschaften oder der Strassenausbau führten gerade bei Jungluchsen zu einer bestandsrelevanten Zurückdrängung und auch zu Todesfällen.