Leserbrief
Das Neo-Giesskannenprinzip

«Gemeinderat will Gutscheine verschenken», Ausgabe vom 28. April

Fritz Renggli, Hergiswil
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Politisch interessierten Personen ist der Begriff «Giesskannenprinzip» bestens vertraut. Da wird etwa von den roten Giesskannen gesprochen, allgemeiner ausgedrückt von den Linken, die dazu tendieren, öffentliche Gelder mit beiden Händen auszugeben. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie gar nicht wüssten, woher das Geld komme. Sie möchten einen Sozialstaat realisieren, in welchem die Mittel buchstäblich versickern. Die Folgen: rote Zahlen in den Budgets und noch rötere in den Jahresabschlüssen.

Die grünen Giesskannen sind eine jüngere Spezies, welche erst in den letzten Jahren aufs Tapet kam und sich ganz der Umwelt verschrieben hat. Sie möchten die Welt retten, sagt man, doch sie merkten nicht, dass die Natur doch in der Lage sei, sich selber zu regenerieren. Besonders Jüngeren und Frauen wird nachgesagt, dass viele von ihnen diese elementare Logik ausblendeten. Sie sprächen von Waldsterben, von Klimaerwärmung und dem Anstieg der Meeresspiegel, ohne zu bedenken, dass sich das in ein paar Jahren von selbst wieder regle. Das seien nun einmal die Launen der Natur.

Die dritte Spezies, oft auch die schwarzen Giesskannen genannt, haben den Begriff «Giesskannenprinzip» ursprünglich generiert, um die Masslosigkeit der roten Giesskannen bildlich vor Augen zu führen. Diese Schwarzen, oft auch Bürgerliche genannt, haben seit jeher ebenfalls mit Giesskannen hantiert, haben dabei aber einzelne Löcher der Brause gezielt verstopft oder ganze Bereiche abgedeckt, um Wasser, sprich Geld, zu sparen.

Die einseitigen Brausen haben tatsächlich einen haushälterischen Effekt, sofern man seine Pflanzen am richtigen Ort platziert hat. Deren Exponenten wurden auch schon ermahnt, dass Beschneiungsanlagen oder Sportbahnen nicht unbedingt zu den «staatstragenden Dingen» gehören.

Nun geht ausgerechnet Hergiswil den Weg der schwarzen Giesskannen, obwohl diese Gemeinde – oder zumindest geschätzte Dreiviertel davon – dieses Manna gar nicht nötig hat. Worum geht es? Als Unterstützungsmassnahme für Covid-19-geschädigte Firmen soll jedem erwachsenen Einwohner ein Bon im Wert von 500 Franken überreicht werden; dieser kann jedoch nur beim Ortsgewerbe eingelöst werden. Dieser Akt lässt sich mit Neo-Giesskannenprinzip umschreiben. Wie wäre der Vorschlag zu gewichten, die dafür budgetierten 2,5 Millionen Franken in einen Fonds zu legen und gezielt an Leidtragende und Hilfsbedürftige der Coronakrise zu verteilen.

Doch das verursacht Verteilkämpfe und Unzufriedene. Da ist das Neo-Giesskannenprinzip doch viel einfacher, bringt zudem Stimmen und wird wohlwollend aufgenommen. Und so gönnen wir Hergiswiler uns demnächst ein feines Gratismenu im Restaurant, mit Lammfilet aus Neuseeland, edlem Wein aus Südafrika, neuen Kartoffeln aus Israel, Blumenkohl aus Spanien, Heidelbeeren aus ..., dem Neo-Giesskannenprinzip sei Dank.

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