Interview

Für ihn ist Volksmusik ein Herzensanliegen: Alois Gabriel blickt auf 25 Jahre kulturelles Engagement zurück

Die Reihe «Volksmusik im Konzertsaal» findet am Samstag ein letztes Mal unter der Leitung von Alois Gabriel statt. Mehr als zwei Dekaden lang förderte er in Stansstad einen neuen Umgang mit Volksmusik.

Otmar Näpflin
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Alois Gabriel aus Obbürgen tritt letztmals als Initiant und Programmgestalter der Stansstader Konzertreihe «Volksmusik im Konzertsaal» in Erscheinung. Für ihn ist Volksmusik ein Herzensanliegen. 25 Jahre lang stand er der Kulturkommission Stansstad mit viel Fachwissen und grossem Beziehungsnetz zur Verfügung. Im Interview blickt er zurück.

Alois Gabriel

Alois Gabriel

Bild: PD

Welche Unterschiede gibt es zwischen Volks- und Ländlermusik?

Alois Gabriel: Volksmusik ist in meinem Sprachgebrauch der Überbegriff für ein breites Musikschaffen, zu dem in der deutschsprachigen Schweiz die Ländlermusik als Teilbereich gehört. Mit dem Überbegriff Volksmusik bezeichne ich ein regional verankertes Kulturgut, das stark von der Mentalität und dem kollektiven Gedächtnis der Menschen in diesem Raum geprägt ist. Sie ist weltweit in einer unglaublichen Vielfalt vorhanden.

Aus welchen Überlegungen sind die Konzerte im Ökumenischen Kirchenzentrum in Stansstad entstanden?

Es war damals die Zeit, als einige Junge begannen, die lange stagnierende Volksmusik von innen her aufzumischen. Alle waren hervorragende, gut ausgebildete Musiker und alle waren sie auf der Suche nach geeigneten Plattformen für ihre neuen Melodien und Klänge, die weder in eine Festhütte noch in eine Volksmusikbeiz passen wollten. Für sie sollte das Stansstader Konzert ein interessiertes, offenes Publikum finden.

Haben sich diese Konzerte von den herkömmlichen Volksmusikveranstaltungen abgehoben?

Die traditionelle Ländlermusik dient in erster Linie dazu, in einer Gaststube oder Kaffeebude ein gemütliches Ambiente zu verbreiten, im Festzelt Stimmung zu machen oder Paare auf dem Tanzboden zum Kochen zu bringen.

Mir ging es darum, Konzerte zu organisieren, die den Interpreten die Möglichkeit bieten, auch ausgefallene Ideen, raffinierte Arrangements und vor allem neue Kompositionen wirkungsvoll darzubieten.

Dem Publikum, das bisher der Volksmusik eher uninteressiert und auch uninformiert begegnete, wollte ich durch die besondere Qualität und Vielfältigkeit einen neuen Zugang zu diesem Kulturgut anbieten.

Anhand welcher Kriterien haben Sie die Formationen ausgewählt?

Die Innovationskraft, aber auch die musikalischen und spieltechnischen Qualitäten waren entscheidend für die Auswahl. Es war von Vorteil, wenn ihr Instrumentarium den gängigen Rahmen etwas sprengte. Gesangseinlagen waren sehr erwünscht. Ich hatte auch den Anspruch, immer wieder neue Musikerinnen und Musiker zu verpflichten, sodass in den 25 Jahren nicht weniger als 134 verschiedene Interpreten auf dieser kleinen Konzertbühne musizierten – Chormitglieder nicht eingerechnet. Der Wunsch, ehrliche, authentische Musik zu bieten und nicht den Publikumsgeschmack zu suchen, wurde ausdrücklich formuliert.

Sind Ihre Erwartungen erfüllt worden?

Von Seiten der engagierten Gruppen auf jeden Fall. Das «Who’s Who» der innovativen Schweizer Volksmusikszene spielte in all den Jahren in Stansstad und begeisterte durchwegs die Konzertbesucher. Das Publikum hätte aber manchmal zahlreicher sein können.

Für viele hat Volksmusik ein zwiespältiges Image: langweilig, altmodisch, ja gar rechtskonservativ und chauvinistisch!

Das mag auf einzelne Menschen in dieser Szene zutreffen – mit der Musik an sich hat das gar nichts zu tun. Ich erlebe sie im In- und Ausland ganz anders: vielfältig, wandlungsfähig, hoch emotional, völkerverbindend und ungemein lebensbejahend. Es wäre also auch für moderne Zeitgenossen unproblematisch, sich darauf einzulassen.

Welches Publikum haben Sie damit angesprochen?

Es war ein durchmischtes Publikum, das bereit sein musste, sich auf einen neuen Umgang mit Volksmusik einzulassen. Erfreulicherweise entwickelte sich schnell ein Stammpublikum, das kein Konzert verpassen wollte. Die Freunde der traditionellen Ländlermusik fühlten sich nur vereinzelt angesprochen.

Wie wird sich die Volksmusik entwickeln?

Diese Frage kann ich nicht beantworten, weil ich den Einfluss der immer präsenteren Digitalisierung und Globalisierung auf den Musikkonsum und -geschmack der Menschen nicht abschätzen kann. Viele meiner Beobachtungen deuten aber darauf hin, dass Singen, Musizieren und Tanzen – und das durchaus vermehrt auch mit volksmusikalischem Bezug – ganz neue und nicht zuletzt auch urbane Bevölkerungsschichten erreicht. Da entwickeln sich neue Ansätze. Vom Studiengang Volksmusik an der Hochschule Luzern erwarte ich eine grosse Aufwertung dieses Kulturguts. Noch ist dieses Angebot zu wenig gefragt, aber es braucht diese professionelle Sicht auf die Volksmusik unbedingt. Das zeigen erfolgreiche Entwicklungen im Ausland, wie ich sie in Österreich oder in den skandinavischen Ländern beobachte, eindrücklich.

Bleibt die traditionelle Ländlermusik in ihrer bisherigen Form erhalten?

Die Formulierung «in ihrer bisherigen Form» überrascht mich in dieser Frage.

Was heute als traditionell gilt, war einmal ganz neu.

Zur Tradition werden Melodien erst, wenn sie es über Jahrzehnte schaffen, immer wieder gespielt zu werden, und das oft bewusst möglichst nahe am Original. Das wird auch mit Kompositionen geschehen, die man heute noch der sogenannten Neuen Volksmusik zuordnet. Genauso wie die Neue Klassik für die Beliebtheit von Bach, Mozart und Beethoven keine Gefahr ist, wird die Neue Volksmusik das Traditionelle nicht verdrängen. Das Neue ist in beiden Fällen eine wertvolle Bereicherung. Ich liebe Formationen, die sowohl das Neue als auch das Traditionelle bewusst pflegen. Das nächste Konzert mit Adrian Würsch und seiner Gruppe wird ein eindrückliches Beispiel dafür sein.

Ihr Sohn Andreas wird Ihre Nachfolge antreten. Welche Ideen werden Sie ihm mitgeben?

Ich freue mich sehr, dass die Kulturkommission Stansstad diese Konzertreihe nun in die nächste Generation überführen will. Andreas ist noch wesentlich intensiver in der Volksmusikszene integriert als ich, freut sich sehr auf diese Aufgabe und wird deshalb mehr als genug Ideen haben.

Adrian Würsch und Gäste spielen in Stansstad

Im Konzert vom kommenden Samstag möchte Adrian Würsch die musikalische Entwicklung des Schwyzerörgeli aufzeigen. Der erste Teil des Konzerts wird von den drei Instrumentalisten Adrian Würsch (Schwyzerörgeli), Pirmin Huber (Kontrabass) und Robin Mark (Schwyzerörgeli) bestritten. Sie werden aufzeigen, wie stark ihre Musik von den Innerschweizer Örgeli-Pionieren Josef Stumpf und Balz Schmidig oder dem Bündner Schwyzerörgeli-Virtuosen Josias Jenny geprägt ist.

Die zweiten 20 Minuten gehören der Sängerin Simone Felber und ihren beiden Begleitern Adrian Würsch und Pirmin Huber. Dem Trio mit dem Namen Simone Felbers Iheimisch gelingt es, ihre musikalisch unterschiedliche Herkunft von Klassik, Jazz und Volksmusik zu einem eigenen Stil zu vereinen.

Im letzten Teil des Konzerts verlassen Pirmin Huber und Adrian Würsch dann die traditionelle Volksmusik. Sie bewegen sich als Duo – und Adrian Würsch als Solist – im Kontext von Alpiner Volks- und Weltmusik, mit Stücken, die Letzterer selbst geschrieben hat. Auch wenn Würschs Band Lectrø in Stansstad nicht anwesend sein kann, lernt das Publikum in den Soli von Adrian Würsch das Schaffen der Gruppe kennen, das sich im Bereich von freier Improvisation, Jazz und elektronischer Echtzeitklangveränderung mit Effektgeräten bewegt.

Das Konzert findet am Samstag von 20 bis 21.30 Uhr im Ökumenischen Kirchgemeindehaus Stansstad statt. Der Eintritt ist frei, es gibt eine Kollekte. Vor Ort gilt eine Maskenpflicht. (ON)