Der Dichter aus der Nägeligasse: Alt Landratspräsident Hermann Wyss verarbeitet die Pandemie in Reimform

Der frühere Stanser Politiker Hermann Wyss hält Augenblicke des Corona-Lockdowns in einem Buch fest – in Form von Reimen.

Romano Cuonz
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Der frühere Landratspräsident Hermann Wyss hat nochmals ein Gedichtbuch verfasst.

Der frühere Landratspräsident Hermann Wyss hat nochmals ein Gedichtbuch verfasst.

Bild: Romano Cuonz (Stans, 11. Juli 2020)

Nidwaldner Politikerinnen und Politiker, die zwischen 1988 und 1990 im Landratssaal sassen, werden es wohl nie vergessen: Nämlich, wie der damalige Ratspräsident Hermann Wyss jede Sitzung, anstatt mit eintönigen Worten zu den Traktanden, mit einem witzig pointierten und stets gereimten Vers eröffnete. Die Gedichte des FDP-Politikers waren legendär. Selbst die Medien machten sie ab und an zum Thema.

Inzwischen ist der frühere Sanitärtechniker und langjährige Geschäftsmann aus der Stanser Nägeligasse 78 Jahre alt. Sein Geschäft – er beschäftigte bis zu 35 Angestellte – hat er 2002 langjährigen Mitarbeitern übergeben. Auch ums Politisieren ist es dem einst engagierten Stanser Gemeinde- und Nidwaldner Landrat heute kaum mehr zu Mute. Etwas aber ist ihm bis heute geblieben: die grosse Freude am kreativen Arbeiten und vor allem am Schmieden von Reimen.

Schon Mitschüler kamen in den Genuss seiner Verse

In seinen Hobbys war diese immer schon zum Ausdruck gekommen. Wyss selber erinnert sich: «Schon als Zweitklässler habe ich angefangen, Gedichte in die Bücher der Mitschüler zu schreiben. Und je älter ich wurde, desto stärker wurde die Freude am schriftlichen Ausdruck.» Öffentlich auf sein kreatives Talent aufmerksam gemacht hat er auch mit Bildern, die er mit Acrylfarben auf rostige oder alte Blechtafeln malte. Anlässlich seines 65. Geburtstags erschien zu einer Ausstellung im Kulturzentrum Sust Stansstad sogar eine Publikation. «Rost und Reim» war sie getitelt. Und nun – 13 Jahre später – legt der inzwischen weisshaarige Doyen der Nidwaldner Liberalen erneut ein hübsches Büchlein mit 30 Versen und Fotos vor. Sein Titel: «Augenblicke».

Im Vorwort zu seinem neuen Werk reimt Hermann Wyss: «Denken wir doch um, vielleicht noch etwas krumm, aber fest entschlossen, wollen wir die steilen Tossen überwinden, die Ebene wiederfinden, die uns am Leben hält und auf gesunden Boden stellt.» Im Gespräch verrät er auch, wie er zu diesen Zeilen gekommen ist: «Während des Corona-Lockdowns verbrachte ich viel Zeit in der Natur, um meine gestressten Gedanken abzukühlen und Platz frei zu machen für das Umfeld, in dem ich mich bewegte.»

Vor allem in den steilen Wäldern am Stanserhorn war Wyss zu Hause. Wenn er unterwegs war, hatte er stets seine Kamera dabei. «Eines Tages entdeckte ich, wie eine Wanderwegmarkierung im Sonnenlicht rot und weiss leuchtete», erzählt er. «Ich fotografierte sie, und plötzlich wurde mir bewusst, dass das Beachten von Wegweisern in der Coronakrise eine neue Bedeutung erhalten hatte.» Zu Hause schrieb Wyss dazu gleich ein Gedicht in sein Notizbuch. Dieses endet mit den Zeilen: «So nimm den Hinweis wahr, entrinn der stetigen Gefahr, sich auf falschen Fährten zu bewegen, dies wär schade für dein Leben.»

Die Idee, Augenblicke bildlich festzuhalten und dazu nochmals Verse zu schreiben, war geboren. Ab jetzt entdeckte der Stanser in der Natur Sujet um Sujet. Spuren im Schnee, in einer Baumrinde ein Gesicht oder gar einen auf einem Stein stehenden Tannzapfen. Ein mit grünem Moos bewachsener Baum liess in ihm Hoffnung aufkommen. Sein Ratschlag: «Halt mit der Hoffnung Tritt und du wirst erleben, dass stets sie dir ergeben.»

Die Schnecke sorgt für Optimismus

Treffend symbolisch ist auch das Bild einer Weinbergschnecke, die sich bei drohender Gefahr in ihr sicheres Haus zurückzieht. Doch der Dichter Wyss sah zeitlebens nie nur das Negative. Auch angesichts der Schnecke denkt er schon wieder an eine Zukunft nach Corona. Er reimt dazu im «Schneckenoptimismus»: «Wenn das Glück sich findet und der Spuk vorbei, zählt sie dann auf drei, macht die Fühler lang, und sich so freuen kann.»

Zu Beginn zeigt Wyss noch die heile Welt vor der Coronakrise: mit einem Ausblick vom Berg auf sonnenbeschienene Dörfer. Mit Spuren im Schnee, einem Bänklein oder Holzstoss. Doch eines Tages erschrak ihn eine Wurzel, weil sie dem Coronavirus glich. «Ablösen von der Luxuserde, muss sich nun die grosse Herde», kommentiert er das Bild.

Nur die hochdeutsche Sprache ist ungewohnt

Doch bei Wyss obsiegt die Freude. Über Blumen oder einen Nistkasten am Baum. Typisch für ihn ist auch, dass das Buch mit Bildern seiner Enkelkinder endet. Dazu findet man Gedichttitel wie «Schauen wir nach vorne» oder «Ein Lächeln». Hermann Wyss ist ein Dichter und Künstler, der dem guten alten Reim zeitlebens treu geblieben ist. Ein wenig ungewohnt ist nur, dass er sich nun erstmals der hochdeutschen Sprache und nicht mehr des wunderschönen Nidwaldner Dialekts bedient.

Hinweis: «Augenblicke» von Hermann Wyss ist im Verlag Bücher von Matt in Stans erschienen. Erhältlich ist es in der Buchhandlung oder unter www.vonmatt.ch.