Der neue Feuerwehrchef von Stans findet das Milizsystem «allmählich ausgereizt»

Er ist erst 38-jährig, der neue Chef der Stützpunktfeuerwehr Stans. Als Unikat sieht sich André Imboden deswegen noch lange nicht. Im Gespräch mit unserer Zeitung äussert er sich zu Erwartungen in der Öffentlichkeit und zur Tauglichkeit der heutigen Organisation.

Oliver Mattmann
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Chef über 120 Feuerwehrmänner und -frauen: Feuerwehrkommandant André Imboden. (Bilder: Nadia Schärli (Stans, 14. März 2019))

Chef über 120 Feuerwehrmänner und -frauen: Feuerwehrkommandant André Imboden. (Bilder: Nadia Schärli (Stans, 14. März 2019))

Wasser ist eines der vier Elemente. Wenn es um Wasser, konkret um Löschwasser geht, dann fühlt sich André Imboden im Element. In seinen Adern fliesst durch und durch «Feuerwehr-Blut». Sein Grossvater und sein Vater leisteten in der Feuerwehr als Offiziere Dienst, sein Bruder Stefan ist ebenfalls Offizier und nun führt André Imboden als Kommandant die Stützpunktfeuerwehr Stans. Und das im Alter von gerade mal 38 Jahren. Darauf angesprochen muss er schmunzeln:

«Auch wenn meine Vorgänger bei Amtsantritt tatsächlich älter waren, bin ich in der schweizerischen Feuerwehrlandschaft kein Unikat.»

An Erfahrungen mangelt es dem jungen Kommandanten freilich nicht. Er ist im frühstmög­lichen Alter von 18 Jahren der Feuerwehr beigetreten und hat alle Kaderstufen vom Gruppenführer über den Offizier bis hin zum Instruktor und Kompaniekommandanten durchlaufen. Als es im vergangenen Spätherbst darum ging, den Posten von Kommandant Fredy Achermann neu zu besetzten, deponierte André Imboden beim Gemeinderat sein Interesse. «Ich habe in der Feuerwehr schon immer gerne Verantwortung übernommen. Nun ergab sich die Chance, dass ich diesen Teil mit meinem beruflichen Hintergrund aus der Betriebswirtschaft kombinieren konnte», sagt der Familienvater zur Hauptmotivation für seine Bewerbung.

«Ich spüre die Unterstützung des Korps»

Inzwischen leitet André Imboden seit dem 1. Januar die Geschicke der einzigen Nidwaldner Stützpunktfeuerwehr mit rund 120 Männern und Frauen. «Der Posten bereitet mir sehr viel Freude. Ich spüre die Unterstützung des Kommandos und des Korps.» Diese kann er in der Startphase besonders gut gebrauchen, denn eine zusätzliche Herausforderung stellt sein aktuelles Pensum von nur 20 Prozent für die Feuerwehr dar, weil er bis Ende Mai noch als stellvertretender Geschäftsführer der Stanser Sondermaschinenbaufirma Rodotec wirkt. Deshalb muss im Moment vieles parallel und in der Freizeit laufen. «Ich habe gewusst, dass das erste Halbjahr eine sehr strenge Zeit wird. Der Spagat zwischen den beiden Aufgaben ist anspruchsvoll. Aber die Familie und mein Umfeld stehen hinter meinem Entscheid.» Ab Sommer erhöht sich sein Pensum für die Feuerwehr auf 60 Prozent.

Spezialisten auszubilden ist eine Daueraufgabe

Einsatzplanung und -nachbearbeitung, Dokumentationen, Einführung digitaler Hilfsmittel, Budgetberechnung, Zusammenarbeit mit Organisationen und Unternehmen, die in Ernstfällen auf die Stützpunktfeuerwehr zurückgreifen wie das Bundesamt für Strassen (Astra) oder die Zentralbahn. Dies sind nur einige Beispiele aus dem Tätigkeitsbereich von André Imboden. Aktuell liegt unter anderem ein Dossier auf seinem Tisch, bei dem es um ein Einsatzkonzept während eines mehrmonatigen Baustellenbetriebs auf der Autobahn A2 in Hergiswil geht. Kein Wunder, beschreibt er seinen Posten als «sehr vielfältig und spannend.»

André Imboden.

André Imboden.

An der Basis, sprich bei der Feuerwehr selbst, habe sich das Aufgabengebiet in den letzten zwanzig Jahren ebenfalls gewandelt. «Die Brandbekämpfung macht nicht mehr den grössten Teil aus», erzählt er. Sehr oft ist die Stützpunktfeuerwehr bei Unfällen im Strassenverkehr gefragt, etwa wenn es darum geht, Personen aus einem Autowrack zu retten. Bei Unwettern oder anderen Naturereignissen steht die Feuerwehr bei Bedarf im Dauereinsatz. Aber auch in der technischen Hilfeleistung wie etwa bei stecken gebliebenen Liften wird sie beigezogen. «Und stets wird ein professionelles Vorgehen gefordert», weiss er aus eigener Erfahrung. Er stellt fest:

«Egal ob Miliz- oder Berufsfeuerwehr. Von der Öffentlichkeit wird Leistung erwartet.»

Die Stützpunktfeuerwehr, die je nach Ereignis kantonsweit ausrückt, bewegt sich seiner Ansicht nach auf einem hohen Ausbildungsniveau. Diesen Standard zu halten, sei gegenwärtig eine der grössten Knacknüsse. «Das Milizsystem ist allmählich ausgereizt.» Durch die zunehmende Fülle an Aufgaben und dem rasanten technischen Fortschritt brauche es immer mehr Spezialisten. Er macht ein anschauliches Beispiel: «Es gibt heutzutage vermehrt Automatisationen in der Gebäudetechnik, wo wir wissen müssen, welche Anlage im Ereignisfall wie funktioniert und wie darauf zu reagieren ist.»

Die Chargen von Spezialisten zu besetzen, sei nicht immer einfach. Zwar habe man das Glück, dass sich noch genügend Leute für den freiwilligen Feuerwehrdienst melden, doch aufgrund der heutigen Mobilität und Arbeitsorten ausserhalb des Kantons schwinde die Verfügbarkeit tagsüber. «Wir hatten bisher noch nie personelle Engpässe, so dass wir im Ereignisfall umorganisieren mussten», hält André Imboden fest. Doch es sei eine Daueraufgabe, die Einsatz- und Ausbildungsplanung darauf auszurichten, dass Engpässe gar nicht erst entstehen könnten.

Ist Teilprofessionalisierung bald ein Thema?

Die Einsatzbereitschaft tagsüber sicherzustellen, sei nicht nur in Stans ein Thema. Sollte sich die Problematik akzentuieren, geht Imboden davon aus, dass mittel- bis langfristig eine verstärkte Zusammenarbeit unter den Feuerwehren unvermeidbar ist. Eine klassische Berufsfeuerwehr sieht er für den kleinräumigen Kanton nicht als Lösung. Und dennoch:

«Vielleicht diskutieren wir irgendwann über eine Teilprofessionalisierung.»

Dies ist Zukunftsmusik. In der Gegenwart geht es für ihn auch darum, potenziellen Rekruten die Vorteile eines Feuerwehrdienstes aufzuzeigen, um den aktuellen Bestand längerfristig zu halten. «Anderen Menschen in Notsituationen helfen zu können, ist eine sehr sinnvolle Tätigkeit.» Auch könne man wertvolle Erfahrungen in der Teamarbeit oder auf Führungsebene sammeln. «Davon profitiert nicht nur jeder Einzelne, sondern auch dessen Betrieb, wenn er seine Erfahrungen in der Privatwirtschaft wieder einbringen kann», ist André Imboden überzeugt. Eine Erfahrung, die er selber gemacht hat, auch wenn er nun den umgekehrten Weg einschlägt.