Kolumne

Der Wolf und die sieben Schäfchen

Karl Tschopp schreibt in seinem «Ich meinti» über einen hinterlistigen Genossen, den Wolf, und dessen Bewegungsfreiheit.

Drucken
Teilen
Karl Tschopp.

Karl Tschopp.

Eigentlich lautet der Titel des Märchens der Gebrüder Grimm etwas anders: «Der Wolf und die sieben Geisslein» wäre richtig. Richtig schon, aber ganz offensichtlich nicht aktuell. Denn wieder hat der Wolf zugeschlagen und nach den sommerlichen Untaten in Emmetten nun in Seelisberg zwei weitere Schafe gerissen. Wir schreiben nicht etwa das Jahr 1812, wo es erstmals um das Märchen der sieben Geisslein ging, sondern 2018, wo es um die Tatsachen der Schafe geht. Wenn das die Gebrüder Grimm gewusst hätten ... vielleicht hätten sie über Schäfchen geschrieben. Aber über Schäfchen schreibt man nicht ... die zählt man, und üblicherweise nur dann, wenn man nicht einschlafen kann.

Der Schafhalter in Seelisberg hatte schnell gezählt, als er die beiden gerissenen Tiere entdeckt hat. Das Rissbild der verendeten Tiere und das Bild der Fotofalle haben den Übeltäter schnell ausgemacht. Kein Zweifel, es war der Wolf. Gleichwohl wurde noch eine DNA-Probe entnommen. Erst die DNA-Analyse ergibt abschliessende Klarheit.

Bereits 1812 hatten die damaligen Hirten mit den wilden Tieren zu kämpfen, die sich an ihre eingezäunten Herdentiere herangemacht haben. Wölfe, Luchse und Bären waren zu jener Zeit in Europa bestimmt häufiger anzutreffen als heute. In Indien sind es die Tiger und in Afrika die Löwen, die sich hin und wieder gleich auch noch den Hirten dazu auf die Speisekarte setzen. So betrachtet scheinen die aktuellen Fälle der Wolfs-, Luchs- und Bärenrisse nicht so dramatisch, aber immerhin äussert ärgerlich und jedes Mal ein Entschädigungsfall für die Behörden an die Tierhalter. Ausser es geht um den Fuchs. Der darf tun und lassen, was er will, eine Entschädigung für den Tierschaden, den er anrichtet, gibt es nicht.

Der schlaue Fuchs hat für einmal nicht die dumme Gans gestohlen, sondern das Bundesamt für Umwelt für dumm verkauft. Letzteres finanziert die teuren DNA-Analysen. Da der Fuchs ebenso an den gedeckten Tisch kommt und sich am bereits verendeten Tier genüsslich tut, hinterlässt er unverwechselbare Spuren. Kein Zweifel, es war der Fuchs, heisst es dann zum Ärger der betroffenen Tierhalter.

Ich meinti, es ist recht schwierig, die angesiedelten Raubtiere, insbesondere Bären und Wölfe davon abzuhalten, zahme Herdentiere zu reissen. Es fehlen den wilden Tieren die ganz grossen Bewegungsfreiheiten, die heute in der Schweiz nicht gewährleistet sind. Diese wären aber nötig, damit diese wilden Tiere auch wilde Tiere jagen können, um zu überleben. Das wilde Tier von heute geht jedoch den geringsten Widerstand und sucht sich die Nahrung dort, wo sie praktisch serviert wird. Der Wolf ist ohnehin ein hinterlistiger Genosse. Ein chinesisches Sprichwort lautet denn auch: «Am vorderen Tor wehrt man den Tiger ab und durch die Hintertüre kommt der Wolf ins Haus.»

Karl Tschopp, Rechtsanwalt, Stans, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.