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DEUTSCHLAND/NIDWALDEN: Der Hergiswiler, der ein Stück Berlin bewahrt

Der Hergiswiler Christian Keiser baut zusammen mit seinem Partner Lutz Dallgas eine Tapas-Bar im Prenzlauer Berg zu einer urigen Kneipe um. Die Quartierbewohner freut das so sehr, dass sie gleich selbst mit angepackt haben.
Christian Keiser (rechts) und Lutz Dallgas in ihrer Kneipe im Prenzlauer Berg. Gestern öffneten sie erstmals die Tore für ihre Gäste. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (Berlin, 3. Mai 2018))

Christian Keiser (rechts) und Lutz Dallgas in ihrer Kneipe im Prenzlauer Berg. Gestern öffneten sie erstmals die Tore für ihre Gäste. (Bild: Rudi-Renoir Appoldt (Berlin, 3. Mai 2018))

Der Prenzlauer Berg mit seinen über 160000 Bewohnern hat in Berlin einen zweifelhaften Ruf. Zu DDR-Zeiten der Kiez jener, für die der vom Staat verordnete Sozialismus suspekt war. Nach der Wende ein spannendes Tummelfeld für Lebenskünstler und Partygänger, die in den herunter­gekommenen Altbauwohnungen für symbolische Beträge leben und sich neu erfinden konnten. Heute gilt die Region als gentrifizierter Familien-Kiez, die Mieten sind in die Höhe geschossen, die Altbauwohnungen grundsaniert, die Fassaden schön herausgeputzt. Die verruchten Clubs und Bars sind grösstenteils in andere Quartiere weitergezogen, an ihre Stelle traten Kind-Mütter-Treffpunkte mit extra Kinderwagen-Parkplätzen, Bio-Wochenmärkte und unzählige hippe Cafés, in denen Menschen geschäftig wirkend hinter ihren Laptops sitzen und dazu Latte Macchiato und Croissants konsumieren.

Vom Kollegi Stans auf die Schauspielbühne

Ausgerechnet ein Nidwaldner schuftet nun seit drei Wochen fast Tag und Nacht daran, ein Stück altes Berlin in den Prenzlauer Berg zurückzubringen. Der gebürtige Hergiswiler Christian Keiser und sein Partner Lutz Dallgas haben in der im berühmten Kollwitz-Kiez eine ehemalige Tapas-Bar übernommen. Der Innenraum mit der hohen Decke und einer imposanten Glasfront, der langgezogenen Bar und dem idyllischen Aussenbereich soll fortan ein Treffpunkt für jene werden, die sich nach Authentizität und Unaufgeregtheit sehnen. Dass die Beiz Treffpunkt für alle werden wird, dafür sollen moderate Preise und die kleine Karte mit eher deftigen, aber traditionellen Berliner Gerichten sorgen. «Es gibt hier aller Veränderungen zum Trotz noch viele Arbeiter, die dank alten Mietverträgen hier leben, sich das Leben im Quartier aber kaum mehr leisten können. Bei uns finden sie immer einen Platz», erzählt Christian Keiser. Der gebürtige Erfurter Lutz Dallgas fügt hinzu: «Die Menschen wollen einen Ort, in dem es etwas persönlicher zu- und hergeht. Gerade in einer Grossstadt braucht es Refugien mit dörflichem Charakter, eine Kneipe hat auch einen sozialen Auftrag.»

Der 44-jährige Keiser, der nach dem Kollegi Stans die Schauspielschule Bern besuchte und – nach zwei Jahren Gastspiel am Stadttheater St. Gallen – 2001 in ein Ensemble eines Berliner Theaters aufgenommen wurde, sammelte nach seiner Matura Serviceerfahrung in der «Melachere» in Stans. Den Beruf als Schauspieler hat Keiser 2006 an den Nagel gehängt, nachdem er die Berliner Kneipenlegende Lutz Dallgas kennen gelernt hatte. Die beiden prägten zusammen über viele Jahre die Beiz Chagall im gleichen Kiez, Dallgas war dort seit über 20 Jahren so etwas wie die gute Seele des Arbeitertreffpunkts. Nachdem sie mit ihrem Chef über die künftige Ausrichtung des «Chagall» nicht mehr einig geworden waren, entschieden sich die beiden für die Selbstständigkeit. «Man macht so einen Job nicht wegen des Geldes», sagt Keiser, der ab und zu in seiner alten Heimat auf Besuch ist, und fügt an: «Es klingt abgedroschen, aber man tut so etwas wirklich nur aus Leidenschaft.»

«Idee des Zusammenhalts hat überlebt»

«Unsre Kneipe» heisst der neue Treffpunkt im Prenzlauer Berg, der Name kommt nicht von ungefähr. 30 ehemalige «Chagall»-Stammgäste unterstützten das Duo unentgeltlich beim Umbau der einstigen Tapas-Bar, schauten nach der Arbeit vorbei, um bis spät nachts Wände zu streichen, Kabel zu verlegen oder auch nur, um die Böden für die Eröffnung blank zu fegen. Von der Unterstützung der Kiez-Bewohner waren die beiden überwältigt. «Wir hatten mehr Anfragen von Helfern, als wir überhaupt einsetzen konnten», schwärmt Christian Keiser. Der 56-jährige Dallgas merkt mit einem Lachen an: «Die Anwohner hätten in drei Wochen auch ein Schwimmbad zu einer Kneipe umgebaut, wenn es nötig gewesen wäre. Die Solidarität zeigt, dass die Idee des Zusammenhalts überlebt hat.»

«Unsre Kneipe» wurde gestern feierlich eröffnet, die Nervosität war nach den ersten ausgeschenkten Bieren verflogen. «Wir ergänzen uns gut», sagt Dallgas. «Christian als Schweizer kann gut mit Geld umgehen, meine Stärke ist die Kommunikation mit den Gästen.» Der Nidwaldner ist so etwas wie der ruhende Pol. «Ich freue mich auf unsere Leute – und dass es nun endlich losgeht.»

Christoph Reichmuth

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

Hinweis

www.unsrekneipe.de

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