Stanser Bergführer erklimmt seit 50 Jahren imposante Felswände

Ein halbes Jahrhundert ist Fredy Odermatt als Bergführer unterwegs. Inmitten der malerischen Bergwelt blickt er zurück.

Ruedi Wechsler
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Fredy Odermatt zeigt auf dem Wissberg Richtung Spannörter, die er mehrmals bezwungen hat. Bild: Ruedi Wechsler (28. Juli 2019)

Fredy Odermatt zeigt auf dem Wissberg Richtung Spannörter, die er mehrmals bezwungen hat. Bild: Ruedi Wechsler (28. Juli 2019)

Auf der Fürenalp angekommen, wandern wir in dreieinhalb Stunden dem steilen Bergweg und Klettergarten entlang zum Wissberg. Jeder Schritt des rüstigen 76-jährigen Fredy Odermatt, seit 50 Jahren Bergführer, ist überlegt und sitzt im geröllhaltigen und nicht ganz ungefährlichen Schlussaufstieg. Beim Gipfelkreuz empfängt uns eine atemberaubende Rundsicht mit unzähligen Gipfeln und Kletterwänden. Wir sehen furchteinflössende und von Fredy Odermatt mehrmals bezwungene Felswände. So zum Beispiel den berüchtigten Schlossberg, die Spannörter, den Urat, den Grassengrat, das Sustenhorn, den Triftgletscher, den Titlis, das Wetter- und Schreckhorn, den Huetstock und das Widderfeld.

Klettern ohne Gstältli und mit Töffhelm

Bereits in der JO-Sektion Titlis wurde Fredy Odermatt vom Bergsteiger-Virus infiziert. «Mein Vorbild und Lehrmeister war Christen Sepp, genannt Schletz. Ihm durfte ich bereits als Teenager den Sättelistock- Südpfeiler, den Salbitschijen, den Zwillingsturm und den Monte Rosa vorklettern», schwärmt Odermatt. Schon damals absolvierte er bereits die happigen Skitouren; Haute Route und Saas Fee – Verbier.

Einige Jahre später war ein Walliser Bergführerkurs mit Prüfung ausgeschrieben. «Inzwischen war ich verheiratet und immer noch Aspirant. Ich besuchte den Kurs und legte die Prüfung ab. Die Ausbildung kostete vor 50 Jahren gegen 15000 Franken», sagt der Bergführer. Mit eingerechnet waren die Kursgelder, die Verpflegung und der Lohnausfall.

Nicht zu vergleichen mit heute waren die Bergführerausrüstung und die Bekleidung. «Die Entwicklung ist enorm. Ich kletterte noch ohne Gstältli, hatte Stahlkarabiner dabei und einen Töffhelm auf dem Kopf. Wir waren richtige Bären mit enorm viel Gewicht am Körper», erinnert sich der Stanser. Das Schuhwerk und die Bekleidung seien heute sensationell und die Bergführer dadurch schneller unterwegs. Odermatt ist Mitglied der SAC-Sektion Titlis. Über viele Jahre war er fast jedes Wochenende unterwegs. Dazu kamen sechs Tourenwochen und zwei bis drei Rettungen pro Jahr.

Eine traurige Entdeckung an der Titlis-Ostwand

«Wir sitzen hier auf 2600 Meter und wenn ich das fantastische Panorama vom Schlossberg über den Grassengrat zum Titlis erblicke, ist das für mich wie ein Theaterspiel. Das Befahren des Grassengrats oder die Abfahrt über die Spannortlücke mit den Tourenskiern zählen für mich zu den schönsten Erlebnissen», sagt Odermatt begeistert.

Gleichzeitig erlebte er aber an der Titlis-Ostwand den traurigsten Moment. Auf der Abfahrt entdeckte er einen Skischuh und eine Jacke. Darin fand er sterbliche Überreste. Odermatt fuhr zur Rettungsstation Engelberg und mit dem Heli ging es gleich zurück zur Absturzstelle. «An diesem Mainachmittag war es an der Stelle sehr gefährlich, Schneewechten drohten abzubrechen. Ich weigerte mich, auszusteigen.» Tags darauf sei von dem deutschen Fotografen nichts mehr zu finden gewesen, sagt Odermatt nachdenklich. Er frage sich noch heute: «Warum nur war der junge Mann ohne Bergführer unterwegs?» Bei der Absturzstelle auf der Titliskappe entdeckte er drei Spuren im Schnee. Eine Fahrspur war senkrecht, eine waagrecht, dazu kam die Schleifspur vom Absturz.

Seine Erlebnisse und die Schönheit der Natur nimmt der Kunstmaler mit nach Hause. «Eine Tanne auf einem Stein, ein Felsvorsprung oder eine Alphütte mit Schindeln auf dem Dach sind tolle Kulissen. Ich sehe Geister und Figuren in den Wänden und bringe sie daheim aufs Papier. Daraus entstehen natürliche und tiefgründige Bilder», erzählt der Künstler. Dazu gehört auch das Bild «Die drei Spuren».

«Christbaumgeschmückte Stadtdame» in der Felswand

Die schwierigste Rettung musste Fredy Odermatt mit insgesamt 14 Bergführern ausführen. Zwei Appenzeller waren oberhalb der Spannorthütte in der Westflanke des Schlossbergs mit seinen schwierigen Überhängen stecken geblieben. «Zuerst mussten wir oberhalb auf einer Länge von 400 Metern ein Seilgeländer installieren bis hinunter zum Podest, wo sie standen. Dort richteten wir ein Biwak ein und am anderen Tag erfolgte die Rettung», erzählt er stolz.

Die grösste Herausforderung des Bergführers sei immer die Frage «Mit wem gehe ich heute auf die Tour?» «Selbst eine christbaumgeschmückte Stadtdame habe ich mehrmals durch knifflige Wände geführt. Sie musste sich von diesen ‹Klimbim› trennen, sonst wäre dieser durch die Luft geflogen», erinnert sich Odermatt lächelnd.

Beim grossen Lawinenunglück 1971 auf der Bannalp war er zufällig auf einer Trainingsskitour. «Zwei Personen meldete man mir als vermisst und mit dem Skiende wurde sofort nach den zwei sondiert. Die Genugtuung war riesig, als ich eine Person rechtzeitig fand und sie mit Sofortmassnahmen retten konnte. Für die andere Person kam jede Hilfe zu spät, trotz grösster Anstrengungen.» Die 30-köpfige Gruppe habe am allerdümmsten Ort auf einem Schneefeld gerastet und sei sitzend von der Lawine mitgerissen worden. Ein professioneller Bergführer hätte dort niemals eine Pause eingelegt, so Odermatt.

Es lohne sich immer, mit einem Bergführer auf Touren zu gehen. Zu den Gefahren zählten unter anderem Steinschlag, Eisabbrüche, Unwetter, Gletscherspalten und Lawinen, sagt der Routinier. Vor grösseren Unfällen oder brenzligen Situationen wurde Fredy Odermatt vorwiegend verschont. Er verlangte von den Gästen immer eiserne Disziplin ohne Wenn und Aber.

Der Klimawandel macht sich bemerkbar

Odermatt ist begeistert von der geologischen Vielfalt des vor uns liegenden Grassengrats. Das vulkanische Gestein besteht aus Gneis. Unterhalb des Titlis-Ostpfeilers und des Spannortgrats sind die gelben Kreide-Einschwemmungen gut zu sehen. Rechts des Titlis Richtung Voralpen (Hahnen, Rigidalstock) sehen wir nur Jurakalk.

Das Klima habe sich in den letzten 70 Jahren stark verändert, sagt der Bergführer. Touren auf den Eiger oder den Titlispfeiler hätten früher wegen des damals noch unbeständigeren Wetters mehrmals abgesagt werden müssen. Und die «weisse Spinne» in der Eiger-Nordwand nenne man ja heute nicht ohne Grund «graue Spinne». «Wenn heute jemand nicht eine Prise grün denkt, dann ist er der ärmste Mensch der Welt», meint ein nachdenklicher Fredy Odermatt. Er blickt vor dem Abstieg nochmals ins weite Rund, das ihm so viel bedeutet.