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Nidwaldner Institution plagen Zukunftssorgen: «Die Digitalisierung ist Fluch und Segen»

Wer weiss schon, dass sich hinter dem Laden «Bücher von Matt» eines der europaweit führenden Antiquariate der Theologie und Helvetica befindet? Doch die Zeiten sind schwer. Leitung und Inhaberschaft sind auf der Suche nach neuen Wegen.
Marion Wannemacher
Gerhard Becker leitet das wissenschaftliche Antiquariat von Matt in Stans. (Bild: Dominik Wunderli (Stans, 7. Februar 2019))

Gerhard Becker leitet das wissenschaftliche Antiquariat von Matt in Stans. (Bild: Dominik Wunderli (Stans, 7. Februar 2019))

«Behalten Sie Ihren Mantel lieber an», rät Martin von Matt und öffnet die Tür zum Reich der alten Bücher in Stans. Kalte Luft schlägt dem Besucher entgegen. «Die Temperatur beträgt nicht mehr als zehn Grad», erklärt von Matt. «Die sechzig Zentimeter dicken Mauern und die unbehandelten Tannenholzgestelle sind optimal zur Lagerung von Büchern. Das ist ein Riesengeschenk unserer Vorfahren», so der Inhaber des Antiquariats.

Auf drei Etagen drängen sich Bücher, Buchbände, Kalender, Broschüren und Folianten dicht an dicht bis unters Dach. Wer ahnt schon von aussen, dass sich hinter dem Laden «Bücher von Matt» eines der europaweit führenden Antiquariate für Theologie und Helvetica, also Veröffentlichungen mit einem Bezug zur Schweiz, befindet? Auf 150000 bis 200000 Titel schätzt Martin von Matt dessen Bestand. Noch immer kommen Anfragen nach speziellen theologischen Werken, sogar aus Amerika, Japan, Israel und China. Auch wenden sich Anbieter von Nachlässen und Privatsammlungen häufig direkt an das wissenschaftliche Antiquariat in Stans. «Unser Ruf in einschlägigen Kreisen ist weit verbreitet», sagt Leiter Gerhard Becker nicht ohne Stolz. Zu den Kunden gehören Universitäten, Bibliotheken und Archive.

«Generation Sammler» gibt es nicht mehr

Die Klientel hat sich allerdings verändert, der Markt ist eingebrochen: «Wer braucht heute noch Bücher für die Predigtvorbereitung», fragt Martin von Matt. Das Internet hat sie verdrängt. Auch die «Generation Sammler oder Universalgelehrter» existiere nicht mehr. Der Inhaber weist auf leere Gestelle: Hier lagerten bis vor kurzem Ausgaben der Zeitschrift «Der Geschichtsfreund». Jetzt sind diese digitalisiert. «Die Studenten haben darauf im Internet Zugriff. Für uns, die wir die Bibliotheken beliefern, wurden diese Ausgaben wertlos.»

Martin von Matts Ur-Ur-Grossvater hat das Antiquariat 1836 aufgebaut. Die Übernahme der katholischen Pfarrbibliothek von Giswil lieferte den Grundstock. Das spektakulärste «Schätzchen» ist eine fast 800-jährige «Vulgata», eine Taschenbibel in mittelalterlicher Handschrift auf Pergament. Martin von Matts Grossvater war auf einer seiner Reisen an sie gekommen. «Er sagte immer, das ist meine AHV», schmunzelt der Stanser. Heute wird das kostbare Werk ausserhalb des Antiquariats gesichert aufbewahrt. Gern erzählen von Matt und Becker auch die Geschichte, wie Letzterer in einem Buch ein gefaltetes Blatt entdeckte. Es war das handschriftliche Ultimatum von 1798 des Generals Schauenburg an den Schwyzer Kommandanten Aloys Reding während der Belagerung von Einsiedeln.

Ungebrochene Leidenschaft für alte Bücher

30 Jahre leitet Gerhard Becker, der in Köln Germanistik, Philosophie und Theologie studierte, nun schon das wissenschaftliche Antiquariat in Stans. Seine Leidenschaft für alte Bücher ist ungebrochen. «Sie sind Repräsentanten ihrer Zeit, Zeugen aus einer anderen Welt, die vergangen ist. Man sieht sie im Original, erlebt den Stand des Wissens und Denkens von damals», schwärmt er.

Wie es weitergeht, wissen die beiden Männer nicht. Grossen Schaden nehmen professionelle Antiquare auch durch Laien, die Bücher gedankenlos im Internet verschleudern. «Wir sind heute bei 10 Prozent des Werts eines Buches vor 20 Jahren», sagt Martin von Matt. Das Antiquariat sei einer der grössten Player auf dem digitalen Markt für alte Bücher.

«Die Digitalisierung ist unser Fluch und unser Segen», konstatiert von Matt trocken. «Wir alle sind so begeistert davon. Nur ist sie auch anfällig», gibt er zu bedenken. Wer ist heute etwa noch im Stande, Disketten aus den Achtzigern zu lesen? «Ein Buch kann man einfach aufschlagen, dann ist es parat zum Lesen», betont Gerhard Becker. Auch ist es ein sinnliches Erlebnis, die Bücher berühren zu können.

Lösungen sind gefragt: Könnten allenfalls Universitäten, Stiftungen oder Privatpersonen die Bestände erwerben, um sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und kulturelle Werte zu erhalten? «Ich kann mir vorstellen, dass die Nachfrage nach Büchern wiederkommt, gibt sich Martin von Matt optimistisch. Durchhalten sei angesagt.

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