Die Kuhglocken und Weidetrycheln verstummen

Das Vieh, bestückt mit Trycheln, ist wieder auf den Weiden. Trotzdem bleibt die Arbeit beim Stanser Riemensticker Toni Flüeler aus.

Ruedi Wechsler
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Toni Flüeler präsentiert seine gestickten Riemen für Trycheln.

Toni Flüeler präsentiert seine gestickten Riemen für Trycheln.

Bild: Ruedi Wechsler (Stans, 7. April 2020)

Der Laden für Glockenhandel und Berufskleidung von Toni Flüeler in Stans ist geschlossen. Arbeiten in seiner kleinen Werkstatt sind noch erlaubt. Da bleiben nur noch Restposten für Reparaturen. So zum Beispiel das Flicken von alten Riemen oder das Ersetzen von Kallen an Weidetrycheln. Neue Glocken und Trycheln, auch Bissen genannt, für die Alpweiden fallen weg. «Das Kerngeschäft im Bereich Firmengeschenke, Familienanlässe und Schwingfeste ist eingebrochen», sagt der Geschäftsinhaber. Er spricht auch für seine Mitbewerber aus der Region. Für das um ein Jahr verschobene Ob- und Nidwaldner Kantonale in Giswil wurden die bestellten Glocken und Trycheln zurückgestellt. Das ISAF vom nächsten Jahr auf dem Flugplatz Buochs wird wohl im Jahr 2022 stattfinden. Diverse Absagen von Jungschwingen und Viehausstellungen rauben Flüeler weitere Bestellungen. Er spricht von einem verlorenen Jahr.

Vorsorgen für schlechte Zeiten

Der gelernte Landwirt erzählt von guten Zeiten: «Ich konnte in den letzten 20 Jahren Reserven anlegen und das spielt mir nun in die Karten. Sparen in guten Zeiten wünsche ich mir sehnlichst auch von der jüngeren Generation.» Diese lebe in der Gegenwart und die Zukunft interessiere sie kaum. Sogar als Älpler mit bescheidenen Einkünften konnte etwas auf die hohe Kante gelegt werden. Sieben Alpsommer verbrachte Toni auf der Alp Lavoz (Lenzerheide) und vier Jahre auf der Alp Gross­ächerli (Wirzweli). Es dürfe doch nicht sein, dass bereits nach zwei Wochen Stillstand 50 Prozent der Firmen nach dem Staat ruft. Könnte der vierfache Familienvater entscheiden, würde er Jungunternehmer, die viel investierten, als Erstes unterstützen. Eigene Immobilien, Teilzeitarbeit seiner Frau Franziska und Aushilfen als Postauto-Chauffeur seien für ihn weitere finanzielle Standbeine. Stirnrunzeln bereitet Toni Flüeler die Zukunft: «Mein Ladensortiment geht in den Luxusbereich. Was der Lockdown bedeuten wird, kann ich erst Ende Jahr beurteilen.»

Etwas Hoffnung bringt der 26. April. Die Welt werde sich nach der Krise nicht gross verändern, ist er überzeugt. «Die Leute vergessen zu schnell. Das Fliegen und viel zu grosse Freizeitangebot sollte zu Gunsten der Natur teurer werden.» Der Bodenständige vermisst die Wertschätzung gegenüber der Landwirtschaft und Nahrungsmitteln und schiebt nach: «Das haben die Hamsterkäufe in den letzten Wochen bestätigt. Sollten die Grenzen mal geschlossen werden, können wir uns nicht einmal mehr selber ernähren.»

Das Kunsthandwerk, das Flüeler auf die Glocken- und Trychlenriemen stickt, hat er sich 1993 während einer Anstellung auf einem Landwirtschaftsbetrieb selbst angeeignet. «Im Winter war es abends öfters langweilig und ich begann mit dem Sticken.» Schon bald folgten die ersten Bestellungen und 1998 eröffnete der Hobbyfischer sein Geschäft in Buochs, das er vor 10 Jahren nach Stans zügelte.