Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Die Nidwaldner Spitex pflegt bis weit hinten im Tal

Auch Menschen, die abgelegen wohnen, haben im Alter ein Anrecht auf Pflege zu Hause. Ein Tag bei der Spitex Nidwalden zeigt, welche Herausforderungen dabei mit viel Leidenschaft gemeistert werden.
Dinah Leuenberger
Sara Barmettler hilft einer älteren Frau beim Anziehen der Strümpfe. (Bild: Herbert Zimmermann)

Sara Barmettler hilft einer älteren Frau beim Anziehen der Strümpfe. (Bild: Herbert Zimmermann)

Der weisse Fiat Panda düst die kurvige Bergstrasse hinauf. Der Weg zum Haus ist verwinkelt, aber Sara Barmettler weiss genau, mit welchem Gang der Panda auch die letzte Kuppe überwindet, um pünktlich bei Armin Odermatt zu sein. Im Sommer erreicht sie alle ihrer Klienten. Im Winter hingegen müsse man manchmal kreative Lösungen finden, sagt sie. Die 23-Jährige aus Stans arbeitet bei der Spitex Nidwalden. Tausend Menschen betreut diese pro Jahr, viele von ihnen wohnen weit hinten im Tal, auf dem Berg oder gar einer Alp. So auch Armin Odermatt, den die Spitex zweimal pro Woche besucht. Sara Barmettler war schon eine Weile nicht mehr bei ihm. Sie weiss, dass der 81-Jährige sich gelegentlich um die Schafe seines Sohnes kümmert, und Hund Bless manchmal bellt.

Die junge Frau drückt die Klingel und öffnet die Tür. «Guten Morgen, hier ist die Spitex.» «Ah Frau Barmettler, auch schon gesehen», begrüsst er sie. In der gemütlichen Küche mit der Holztäfelung besprechen die beiden, was heute gemacht werden soll. «Wie immer», sagt die Pflegefachfrau: zuerst duschen, dann die Beine pflegen und einen kleinen Verband erneuern. Zum Schluss noch prüfen, ob die Medikamente sortiert sind.

Allein, aber mit schöner, noch unverbauter Aussicht

Gemächlich machen sich die beiden auf ins Badezimmer, Gesprächsfetzen dringen durch die Wohnung. Während sich Odermatt wieder anzieht, holt Sara Barmettler die durchsichtige Plastikbox mit den Medikamenten hervor. Die wird an diesem Tag noch öfters eine Rolle spielen. Beim Blutdruckmessen bleibt etwas Zeit zum Plaudern. Seit fünf Jahren komme die Spitex zu ihm, darüber sei er sehr froh. Denn ohne sie ginge es nicht. Einmal konnte im Winter wegen der vereisten Strasse niemand vorbeikommen. Deshalb habe er erst einen Tag später duschen können.

Sara Barmettler misst bei einem Klienten den Blutdruck. (Bild: Herbert Zimmermann)

Sara Barmettler misst bei einem Klienten den Blutdruck. (Bild: Herbert Zimmermann)

«Es macht mir nichts aus, dass mich nicht immer dieselbe Person betreut, sie machen es alle gut», sagt er. Weil viele Mitarbeitende bei der Spitex Teilzeit angestellt sind, und nicht alle Klienten immer am gleichen Tag besucht werden, gibt es einen Turnus. Der alte Mann erzählt, dass er gern Radio hört und die «Nidwaldner Zeitung» liest. Im Fernsehen schaue er höchstens die «Tagesschau» und mal einen schönen Film. Einsam fühle er sich nicht, sagt Armin Odermatt. Obwohl er alleine wohnt und nicht mehr ins Dorf geht. «Ich habe es ja schön hier. Meine Aussicht haben sie zum Glück noch nicht verbaut.» Eine seiner vier Schwestern besucht ihn regelmässig und kauft für ihn ein. Kochen kann er noch selbst. «Heute gibt es Spiegeleier und Kartoffeln».

Sara Barmettler prüft noch einmal das Pflegeprotokoll. «Für heute sind wir fertig, Herr Odermatt.» Mit ihren Klienten spricht sie sanft, aber mit fester Stimme. Armin Odermatt macht sich auf in die Küche, zu Eiern und Kartoffeln. Die junge Frau desinfiziert sich im Auto die Hände, trägt das Besuchsende in einer App ein und fährt ins Tal.

Radio hören, damit sie den Leuten gleich etwas erzählen kann

Für heute hat Sara Barmettler drei Besuche geplant, je nach Gebiet und Tag können es aber bis zu zehn werden. «Die Spitex ist ganz mein Ding. Es macht mich sehr glücklich, die Menschen zu Hause zu besuchen.» Dort erzählten sie mehr von sich, fühlten sich wohler als in einem Heim oder im Spital, erzählt sie auf der Fahrt zurück ins Büro. Die Lehre zur Fachfrau Gesundheit absolvierte sie in einem Altersheim, danach besuchte sie eine Infoveranstaltung zur Spitex. «Das gefiel mir sofort.» Bei der Spitex Nidwalden hat sie im vergangenen Jahr die Weiterbildung zur diplomierten Pflegefachfrau abgeschlossen. Dadurch trägt sie jetzt mehr Verantwortung: Kommen neue Klienten, macht sie die ersten Abklärungen, spricht mit den Angehörigen und den Hausärzten und wird als Erste informiert, wenn es Veränderungen im Pflegeablauf gibt. «Ich hege keine Freundschaften, das wäre nicht professionell. Aber zu den Klienten entsteht eine enge Beziehung, wenn man sie lange begleitet.»

«Ich hege keine Freundschaften, das wäre nicht professionell. Aber zu den Klienten entsteht eine enge Beziehung, wenn man sie lange begleitet.»

Sara Barmettler tritt auf die Bremse – direkt vor ihr trägt eine rote Katze eine erlegte Maus über die Strasse. «Die Fahrten sind alles andere als langweilig. Die Gegend ist wunderschön, und man lernt die Dörfer gut kennen.» Bei einem Erstbesuch brauche sie manchmal das Navi, danach finde sie den Weg alleine. Und weil sie auf den Autofahrten Radio hört, ist sie stets gut informiert. «So kann man den Klienten gleich etwas erzählen.»

«Von der Spitex nimmt er alles an, von der eigenen Frau nicht»

Als nächstes besucht Sara Barmettler das Ehepaar Hermann. Es wohnt in Obbürgen, mit herrlichem Blick ins Engelbergertal und auf den Vierwaldstättersee. Die Fahrt dorthin dauert etwas mehr als 20 Minuten. Bevor sie das Haus betritt, geniesst die junge Frau kurz die Aussicht und trägt auf ihrem Handy den Beginn des Besuchs ein. Theodor und Therese Hermann wohnen im selben Haus wie ihr Sohn, der den Bauernbetrieb führt. Auch bei den Hermanns steht eine transparente Plastikbox auf dem Tisch, und auch hier hilft sie beim Duschen. Der 91-Jährige Theodor Hermann braucht Unterstützung. Währenddessen erzählt seine 88-jährige Frau, wie froh sie seien, dass die Spitex kommt: «Wissen Sie, von der Spitex nimmt er alles an, von seiner eigenen Frau nicht.» Die Spritze ins Bein zum Beispiel, dürfe sie ihm nicht geben, das wolle er nicht. Frisch geduscht verarztet Sara Barmettler eine kleine Wunde an seinem Rücken. Danach setzt sie sich neben ihn auf die Bank und legt ihm behutsam die Hand auf die Schulter. Sie beugt sich zu ihm und fragt mit lauter Stimme, ob sie noch beim Rasieren helfen soll. «Mein Mann hört nicht mehr so gut. Und seine Einstellung zum Hörgerät ist leider nicht die beste», sagt Therese Hermann und schmunzelt.

Kürzlich musste sie sich einer Operation unterziehen, in dieser Zeit hat ihre Schwiegertochter den Garten gepflegt und manchmal gekocht. Seit drei Jahren putzt wöchentlich der Hausdienst der Spitex bei den Hermanns. Bei der Spitex Nidwalden arbeiten 110 Mitarbeitende in der Pflege, zehn in der Administration, und 30 in der Hauswirtschaft.«Jetzt mache ich den Haushalt wieder selbst, aber wir sind froh, dass wir mit Hilfe der Familie und der Spitex gut organisiert sind», sagt Therese Hermann. Ihr Mann nickt: «Jetzt sind wir halt einfach alt. Aber es gibt viele jüngere, denen es schlechter geht. Wir haben es gut hier.»

«Es hinterfragt nie jemand, was ich mache. Die meisten sind froh, dass ich da bin und sie unterstütze», sagt Sara Barmettler. Manchmal sei eine Person vielleicht nicht sofort Feuer und Flamme, dass jetzt jemand beim Duschen helfe. Dann geht sie es behutsam an. Fragt, ob sie zuerst den Rücken einseifen oder einfach den Arm stützen soll.

Auch bei alltäglichen Dingen wie Rasieren unterstützt die Spitex-Mitarbeiterin ihre Klienten. (Bild: Herbert Zimmermann)

Auch bei alltäglichen Dingen wie Rasieren unterstützt die Spitex-Mitarbeiterin ihre Klienten. (Bild: Herbert Zimmermann)

Bei der Spitex Nidwalden setzt man auf Nachwuchs: 17 Personen werden momentan zur Fachperson Gesundheit oder Pflegefachperson ausgebildet. Ein wichtiger Schritt, sagt der Geschäftsführer der Spitex Nidwalden, Walter Wyrsch. Die Altersgruppe der über 80-Jährigen ist in den letzten Jahren stark gewachsen.Fachkräftemangel gebe es zum Glück noch nicht, sagt Wyrsch. Und das Personal sei hauptsächlich aus der Region. «Darum haben wir ein hohes Ansehen. Fast alle kennen jemanden bei der Spitex, darum nimmt man unsere Hilfe gern in Anspruch.»

Die Plastikbox gehört bei den Besuchen dazu

Für Sara Barmettler steht die letzte Fahrt an diesem Tag auf dem Programm: 30 Minuten durchs Tal, den Hang hinauf, erneut zu einem Bauernhof. Anna Dönni im zweiten Stock öffnet die Haustür schon, bevor Sara Barmettler klingelt. Sie freut sich, dass jemand kommt. Waren es bei den anderen Besuchen Gesprächsfetzen, dringen jetzt lebhafte Diskussionen aus der Dusche. Nach der Körperpflege setzt sich Anna Dönni in der Küche auf einen Stuhl und hebt die Beine schwungvoll auf einen zweiten. «Ich muss mich bewegen, auch mit 91 noch», sagt sie und lacht. Sie hatte offene Beine, die nun von der Spitex gepflegt werden und inzwischen schön verheilt sind. «Wo haben Sie die Creme und die Pflaster?», fragt Sara Barmettler. Sie findet beides, auch bei Anna Dönni, in der transparenten Plastikbox.

Diskussion um Kosten: Beiträge sollen gekürzt werden

Diese Materialien wurden bis anhin von der Krankenkasse übernommen. Die Spitex schätzt ihre jährlichen Kosten schweizweit auf 60 Millionen Franken. Seit Anfang des Jahres kommen die Kassen nicht mehr für medizinisches Material wie Verbände und Schläuche auf.

Dem Bundesrat sind diese Kosten nach wie vor zu hoch: Er will die Spitex-Beiträge um 33 Millionen kürzen. Die Krankenkassenbeiträge für die ambulante Pflege zu Hause sollen um 3,6 Prozent gesenkt werden. Ein Leiturteil des Bundesverwaltungsgerichts von Mitte August legt fest: Können Pflegekosten nicht durch Krankenkasse und Versicherte gedeckt werden, müssen die Kantone oder ihre Gemeinden vollständig für die Restkosten aufkommen. Viele Spitex-­Organisationen bleiben vorerst auf ungedeckten Kosten sitzen. Walter Wyrsch sagt es so: «Wenn es immer mehr ältere Menschen gibt, steigen die Kosten für die Spitex. Aber sie machen lediglich 2 bis 3 Prozent der gesamten Gesundheitskosten aus. Das vergisst man schnell.»

Sie betrachtet sich selber als Gast bei ihren Klienten

In der Plastikbox liegen auch die Utensilien, um bei Anna Dönni den Blutzucker zu messen. «Mich selber piksen, das könnte ich nicht. Aber die Insulinspritze in den Bauch, die traue ich mir zu», sagt sie. Im Parterre des Hauses wohnt ihr Sohn, wenn er sie besucht, kocht sie noch. Ansonsten bringt der Mahlzeitendienst der Pro Senectute jeden Donnerstag vier Mahlzeiten. Eine ihrer Töchter kommt regelmässig vorbei. Sie hilft beim Putzen und erledigt die Einkäufe. Und eine Enkelin sei Coiffeuse, die mache ihr die Haare. «Über diese Besuche freue ich mich sehr.»

Anna Dönni hat 24 Grosskinder und 17 Urgrosskinder, aber die kämen natürlich nicht alle so häufig. «Manchmal bin ich etwas einsam.» Dann geht sie hinunter in die Waschküche und sieht nach, ob sie dort etwas tun kann. Oder sie liest im hellen Licht des Dachfensters in ihrer Küche. «Ich bin trotzdem gerne hier oben, hier bin ich zu Hause.»

Sara Barmettler betrachtet sich als Gast bei ihren Klienten. Sie fragt, bevor sie etwas tut, wo sie das Badetuch aufhängen soll. Ob sie die Dusche ausspülen darf. Und ob sie noch beim Anziehen der Stützstrümpfe helfen soll. Gerne, sagt die Rentnerin.

Mit geübten Griffen sind die Strümpfe schnell angezogen. Anna Dönni würde gern noch etwas weiterplaudern, das merkt man. Aber sie weiss, dass die Pflegefachfrau weiter muss. «Merci vielmal, chömid wider guet derab!», sagt sie und schliesst die Tür.

Vor dem Feierabend muss Sara Barmettler Büroarbeit erledigen, auch die gehört zu ihrem Alltag. Davor geniesst sie die halbstündige Fahrt durchs Tal zurück ins Büro. «Die Fahrten sind zwar lang, aber auch wunderschön. Das geniesse ich einfach.» Sagt sie und düst mit ihrem Panda vorbei an Kleinseilbahnen und grünen Wiesen, stets im richtigen Gang.

*Name geändert

Hinweis: Dinah Leuenberger hat diesen Artikel für das Migros-Magazin geschrieben. Es handelt sich hierbei um einen Zweitabdruck.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.