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Dünnes Eis

Franziska Ledergerber beleuchtet in ihrer Kolumne dünne Eisschichten – auch im übertragenen Sinne.

Franziska Ledergerber, Hergiswil
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Franziska Ledergerber

Franziska Ledergerber

Bild: PD

Laut einem Bauernsprichwort wird der folgende Winter hart, wenn die Gänse am elften November auf dem Eis laufen. Abgesehen davon, dass ich schon lange keine Gänse mehr gesehen habe, fehlten die dafür notwendigen Frostnächte. Weder Gänse noch Eis, der elfte November lud nach draussen an die warme Sonne. Die Oleander auf unserer Terrasse trieben sogar wieder weisse Blütenknospen, und die Zitronenbäumchen trugen Früchte. Inzwischen fielen die Knospen aber ungeöffnet vom Strauch wie bunte Herbstblätter, und die letzten Zitronen ernteten wir teilweise noch grün.

Ich trete gerne auf kleine, mit Eis bedeckte Pfützen. Luftblasen erzeugen beim Durchbrechen der Eisdecken ein angenehmes Knirschen unter den Füssen. Leider ist dieses bescheidene Vergnügen fast nicht mehr möglich, denn es gibt weniger Naturstrassen und natürlich auch weniger eisige Tage im Winter. Die werden durchschnittlich wärmer, und die Pfützen bleiben mit Regenwasser gefüllt. In solche zu treten, macht nicht so viel Spass wie das Zerstören einer dünnen Eisschicht. Ein kräftiges Auskeilen bereitet doch eine gewisse Befriedigung, Abbau von Frust und Ärger.

Parallel zur Klimaerwärmung scheint auch die Eisschicht unserer Zivilisation dünner zu werden. In diese zu treten, erregt in einigen Staatsoberhäuptern eine grosse Zufriedenheit. Gerne benutzen sie ihr Amt als Kampagnenbüro für ihr alles umfassende Ego. Sie behaupten, gegen «die Eliten» anzukämpfen – zack, streuen Falschmeldungen – ratsch, bauen staatliche Einrichtungen ab – knirsch, spalten «ihr» Land in Anhänger und Feinde und bedienen sich reichlich aus der Staatskasse – klirr. Nach vier Jahren Donald Trump als Präsident der USA wurde uns vor Augen geführt, wie dünn dieses Eis ist. Wie schnell es dahinschmelzen kann.

Mit Lügen, Intrigen und mit wiederholten Tritten in den Hintern der ältesten Demokratie der Welt wurde uns eine Operette vorgeführt, die «lustig» sein könnte, wäre sie nicht so gefährlich. Zum Glück ist diesem Theater ein Ende gesetzt. Sogar dem Nachrichtensender Fox News bleibt die «goldene Gans» gestohlen. Donald Trump indessen verschanzt sich nach seiner Abwahl immer noch trotzig im Weissen Haus ähnlich dem Grossmaul mit dem kleinen Schnurrbart in Charlie Chaplins Film «Der grosse Diktator» im Berliner Reichstagsgebäude. Mit dem fatalen Unterschied freilich, dass jener weiterhin mit dem aufgeblasenen Erdballon spielen durfte, bis der platzte, während der andere, Demokratie sei Dank, bis zum zwanzigsten Januar das Feld räumen muss.

Vor einer Woche packten wir die Oleander und Zitronenbäumchen winterfest ein und stellten sie an einen sicheren, geschützten Ort, denn die Temperaturen fielen in den Nächten unter null Grad. Genau so pfleglich müssen wir mit den hart erarbeiteten und dauernd erprobten demokratischen Errungenschaften umgehen und sie eisern schützen vor frostigen Attacken. Es gibt zweifellos genügend Gründe, um hoffnungsvoll vorwärtszuschauen, vor allem im Vertrauen auf die nächste Generation.

Hoffentlich bilden sich diesen Winter genügend Eispfützen mit Luftblasen, wo ich meinem bescheidenen Vergnügen nachgehen kann – knirsch!