Die Schwinger bringen diesem Wolfenschiesser viel Arbeit

Beat Mathis verziert Glocken und ihre Riemen. Zurzeit ist sein seltenes Handwerk besonders gefragt.

Matthias Piazza
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Glockensattler Beat Mathis in seiner Werkstatt. (Bild: Matthias Piazza (Wolfenschiessen, 19. Juli 2019)

Glockensattler Beat Mathis in seiner Werkstatt. (Bild: Matthias Piazza (Wolfenschiessen, 19. Juli 2019)

Welches Handwerk Beat Mathis betreibt, ist schon von weitem zu erkennen. Wer mit dem Auto oder zu Fuss von Wolfenschiessen Richtung Grafenort unterwegs ist, erblickt am rechten Strassenrand ausgangs Dorf sechs grosse Glocken mit Riemen – kunstvoll verziert. Auf den Glocken sind Schwingerszenen abgebildet, ergänzt mit Schriftzügen – etwa mit «Ob- und Nidwaldner Schwingerverband». Die Lederriemen sind erst recht wahre Kunstwerke mit ihren Stickereien. Wofür die Glocken bestimmt sind, ist klar. «Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest Zug 2019» ist in Frakturschrift aufgestickt, ergänzt mit Blumensujets und dem Logo des Eidgenössischen das vom 23. bis 25. August in der stattfindet. Beat Mathis (58) und seine Frau leben vom Verzieren von Glocken für Schwingfeste, Alpabzüge oder Geschenke.

Dieses Jahr sind ihre Auftragsbücher besonders voll – insbesondere wegen des Eidgenössischen. «Dafür braucht es über 50 Glocken, rund die Hälfte davon darf ich herstellen», erzählt Mathis. Die Organisatoren hätten die Gesamtmenge erhöht, da sich einige Schwinger beim Schwingfest in Estavayer-le-Lac FR vor drei Jahren mit Preisen ohne Inschrift des Festes hätten zufriedengeben müssen, sehr zu ihrem Missfallen.

Diese Jahr schon über 
350 Glocken verziert

Mathis will sich nicht darüber beklagen, dass er nicht alle Aufträge übernehmen kann. Er hat sogar mehr Arbeit als am letzten Eidgenössischen. «Die Organisatoren berücksichtigen eben Anbieter aus der Region», erklärt er. Auch für das Nordwestschweizerische Schwingfest sowie das Zuger und das Ob- und Nidwaldner Kantonalschwingfest wie auch für das Innerschweizer Schwingfest verzierte er dieses Jahr Glocken und Riemen, über 350 in allen Grössen.

Bei Beat Mathis ist alles Handarbeit, wie ein Augenschein zeigt. Konzentriert arbeitet er in seiner Werkstatt an der Verzierung eines Glockenriemens. Mit einer Ahle sticht er die Löcher und zieht die Fäden durch das Leder. Ein Blumensujet entsteht. «Dank Handarbeit wird jeder Riemen einzigartig.»

Dafür scheut er keinen Aufwand. «Einen Riemen zu besticken gibt meistens mehr als einen Tag Arbeit. Die grösste Herausforderung ist, dass es keine ungewollten Lücken zwischen den Fäden gibt, dass die Proportionen der Sujets stimmen, dass sie schwungvoll daherkommen», erläutert Beat Mathis. Auch die Sujets für Riemen und Glocken entwickelt er in Absprache mit dem Kunden selber. Als Vorlage dienen ihm oft Fotos von Schwingerszenen. Seine Frau und eine Mitarbeiterin malen die Bilder auf den Trychlen (eine Art Glocke) naturalistisch auf, das heisst wirklichkeitsnah mit den richtigen Grössenverhältnissen. Viele Schwinger haben dank Mathis schon ihr eigenes Porträt auf einer Trychle verewigt bekommen, so Matthias Glarner, Kilian Wenger oder Joel Wicki. Je nach Grösse kostet so ein Kunstwerk – also Glocke und Riemen – 1000 bis 5000 Franken. Die Glocken kauft Beat Mathis ein.

Grosse Verbundenheit 
mit der Schwingerszene

Der Gewinn stehe bei ihm nicht im Zentrum. «Die geschmückte Glocke symbolisiert die Schweiz und den Schwingsport, ein Kulturgut, das im Gegensatz zu anderen Sportarten friedlich gelebt wird und wo es nicht in erster Linie ums Geld geht», erzählt Mathis, selber langjähriger ehemaliger Schwinger und mittlerweile Obmann der rund 280 Nid- und Obwaldner Schwingerveteranen. Seine grosse Verbundenheit zum Schwingen erachtet er auch als Vorteil für sein Handwerk, da sich so auch immer wieder Aufträge ergäben.

Sein Vater sattelte vom Pferd auf Glocken um

Seine Leidenschaft fürs Glockensatteln wurde Beat Mathis in die Wiege gelegt. In den 1950er-Jahren musste sich sein Vater für sein Sattlergeschäft nach weiteren Erwerbsmöglichkeiten umsehen. Das Pferd wurde zunehmend vom Auto abgelöst, Sattel und Ledergeschirr waren immer weniger gefragt. So entdeckte er die Nische mit den Kuhglockenriemen. «Mein Vater war einer der ersten, welche die Riemen mit Dachshaar einfassten», weiss er.

Gelernt hat Beat Mathis Sattler und Tapezierer, eine Lehre als Glockensattler gibt’s bis heute nicht. Dieses Handwerk betreibt er seit 32 Jahren und teilt sich den Markt seiner Schätzung nach mit etwa fünf bis zehn anderen in der Schweiz. Wenn er in ein paar Jahren in Pension geht, ist wohl Schluss mit Glockensattlern in Wolfenschiessen. Seine Kinder hätten daran kein Interesse. Trotzdem ist er zuversichtlich, dass dieses Handwerk weiter bestehen bleibt. «Schwingfeste und Alpabzüge ohne geschmückte Glocken sind undenkbar», ist er überzeugt.