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Interview

Der Buochser Posthalter Sepp Barmettler konnte einfach nicht Nein sagen

Er tat viel für Vereine und die Öffentlichkeit. Andere sagen, er habe zu viel an sich gerissen. «Post-Sepp» Barmettler (70) weiss, dass das polarisiert. Er sagt in unserem Interview, warum es so weit kam und wie man mit dem Titel eines Dorfkönigs lebt.
Ruedi Wechsler
Sepp Barmettler an seinem Lieblingsplatz – dem Aawasseregg in Buochs. (Bild: Ruedi Wechsler (15. April 2019))

Sepp Barmettler an seinem Lieblingsplatz – dem Aawasseregg in Buochs. (Bild: Ruedi Wechsler (15. April 2019))

Mit der Übergabe des Tourismuspreises an Sepp Barmettler (und Maya Chanti) ging Ende März eine Ära zu Ende. Wer ist dieser Sepp, der politisch, kulturell und gesellschaftlich fast überall dabei war – neben dem Leben als diplomierter Postbeamter und Posthalter?

Sepp Barmettler, Sie sind im Hinterstädeli in Buochs aufgewachsen. Mussten Sie da früh mit anpacken?

Ich bin mit fünf Geschwistern gross geworden und habe bereits mit 16 Jahren meinen Vater verloren. Der älteste Bruder Alois übernahm auf dem Hof das Zepter und dank meiner beschränkten handwerklichen Begabung hielt sich die Hofarbeit in Grenzen.

Wie erlebten Sie die Jugendjahre als Bauernsohn?

Es gab ab und zu Reibereien zwischen uns vom Land und der Dorfbevölkerung. Wir hatten sehr strenge Lehrer, vor allem in der Sekundarschule mit Sepp Blättler, dem späteren Polizeikommandanten, und Max Stengele. Wir lernten sehr viel trotz Klassengrössen von 40 bis 45 Schüler.

«Seltene Strafaufgaben mit bis zu 100 Sätzen erledigten wir jeweils gleich auf dem Heimweg in der Obgass-Kapelle.»

Zu Hause war das unmöglich, sonst hätten wir gleich nochmals auf den Deckel gekriegt. Gleichwohl forderte der Lehrer die Unterschrift des Vaters. Um ihn überlisten zu können, deckte ich den Inhalt ab und zum Glück fragte mein Vater nicht danach. Damals hatte immer der Lehrer recht und heute sind es die Schüler bzw. die Eltern.

1983 übernahmen Sie mit Ihrer Frau Sylvia die Post Buochs. Was hat sich in dieser Epoche bis zur Pensionierung am meisten verändert?

Anfangs waren wir Gewerbler und umsatzbeteiligt. Geschäftsleute und Private kamen nach Buochs und unterstützen uns so direkt. Wir waren mit den Briefträgern eine verschworene Truppe. Als sie mir die Briefträger entzogen und diese unter Postmail Stans gestellt wurden, verstand ich das überhaupt nicht und es hat mich enorm geärgert.

Viele Nebenschauplätze mit Vereinen oder im Tourismus konnten Sie im Postbüro erledigen. Wie liess sich das mit dem Beruf vereinbaren?

Da wurde bis spät abends gearbeitet oder viele Pendenzen mussten am Wochenende erledigt werden. Ich realisierte das gar nicht, dass es immer mehr wurde (Tourismusbüro, Billettverkauf, Kiosk usw.). Ich tätigte mit der Post eine Vereinbarung und mein Arbeitgeber wurde für meine Nebenjobs finanziell entschädigt, die ich im Postbüro erledigte.

Demnach fand das Familienleben auch im Postbüro statt?

Die Kinder kamen meist direkt von der Schule ins Büro und machten Hausaufgaben. Anfangs hatten wir sogar einen Postwagen als Laufgitter im Postbüro. Ohne Sylvia hätte das nie funktioniert. Standen Sitzungen oder Aufführungen an, dann wurde ich von ihr abgelöst.

1984 wurden Sie Gemeinderat und übernahmen die Finanzen. Was bleiben da für Erinnerungen?

Jeder Gemeinderat war damals noch operativ tätig und man war näher am Volk. Wir konnten vermehrt selbstständig und spontan entscheiden. Der Stellenwert war zu dieser Zeit höher, aber man stand auch öfters im Regen oder wurde angeschossen. Der Fürsorgechef regte sich mal fürchterlich über einen Sozialbezüger auf, der am Spielautomaten die Fürsorgegelder gleich wieder versenkte. Er nahm ihn zur Brust. Heute darf man sich das nicht mehr erlauben, sonst flattert gleich eine Klage ins Haus.

Ihr Vereinsleben war intensiv. Was bedeuten Ihnen die Vereine?

Es verläuft ja nicht immer alles reibungslos. Aber der Verein ist auch dann ein Rückgrat, wenn es einem schlecht geht. Es ist eine Lebensschule und gibt Halt. Leider können nicht mehr alle Vorstandsposten besetzt werden und das gibt mir zu denken. Diese Tendenz ist auch in der Politik festzustellen.

Warum übernahmen Sie in Vereinen unzählige Präsidien und Ressorts?

Ich konnte nicht Nein sagen. Ich fragte nicht mal meine Frau Sylvia und habe meistens gleich zugesagt. Heute schlicht unvorstellbar.

Litt das Familienleben nicht?

Meine Frau Sylvia wusste, dass es mir viel bedeutet.

«Ein Posthalter im Dorf wie ich konnte erst recht nicht Nein sagen.»

Ich sah immer diverse Zusammenhänge und Verbindungen. Meine Tochter Claudia entwickelte allerdings eine «Doris-Allergie», in einer Zeit, als ich im Gemeinderat und Altersheimprojekt engagiert war und immer jeweils mit einer Doris Sitzungen hatte.

2004 wurden Sie Landrat gewählt. Was konnten Sie dort bewegen?

Als Fraktionschef versuchte ich mit der CVP in sozialen Fragen einheitlich aufzutreten. Das schubladisierte Tourismusgesetz konnte ich wieder anstossen und jetzt ist es in Kraft.

Was gab Ihnen in Ämtern und in Vereinen am meisten?

Mit relativ wenig Aufwand gemütlich mit Menschen zusammensitzen und Begegnungen mit zufriedenen und glücklichen Gleichgesinnten.

Gab es auch Enttäuschungen?

Schwer belastet hat mich die Streichung der SGV-Schiffskurse in Buochs im Jahr 2009.

Was würden Sie rückblickend anders machen?

Ich nahm zu wenig Rücksicht auf die Familie. Ich war mir gar nicht bewusst, was meine Frau Sylvia durchmachte und alles bewältigen musste.

Gab es Stimmen, die sagten, dass Sie zu viel an sich rissen?

Ich habe das hintenherum zu spüren bekommen und wurde auch schon in Tourismuskreisen gefragt, warum ich denn das und jenes auch noch machen müsse?

Wollten Sie nicht delegieren oder standen Sie ganz einfach gerne im Mittelpunkt?

Als Sprachbegabter habe ich viele Jahre die Heimatabende moderiert. War ich mal weg, tauchte sofort die Frage auf, wer macht das nun? Man bestätigte mir immer wieder, dass ich der ideale Mann dazu sei. Ich spreche gerne zu den Leuten und es fällt mir auch leicht.

Wie begegnet «Poscht Sepp» dem Titel des Dorfkönigs?

Wenn die Leute wüssten, wie einfach es ist, Nachfolger zu finden, dann relativiert sich das umgehend. Die Warteliste ist sehr bescheiden.

«Diesen Titel bekamen vier Geschäftsleute aus Buochs und ich, als wir uns früher regelmässig im Café Posita trafen. Da sprach man sogar von der Buochser Mafia, die wieder mal Politik betreibe.»

Über dem muss man stehen und es ignorieren. Ich habe das Gefühl, dass ich mich immer für das Dorf, den Tourismus und die Vereine eingesetzt habe. Ich machte dies nie aus finanziellen Überlegungen, sondern immer zu Gunsten des Dorfes oder Region. Ich denke dabei auch an die Älpler-Sprüche. Das ist für mich Heimat. Bei den Älplern hat mich noch niemand gefragt, musst du dies nun auch noch machen?

Sepp Barmettler wünscht sich zum Schluss, dass das intakte Dorfleben mit den Vereinen erhalten bleibt und sich auch neue Dorfbewohner vermehrt mit diesen identifizieren. Trotz Bevölkerungszuwachs in den letzten 30 Jahren sei keine Zunahme an den Veranstaltungen festzustellen, sagt Sepp Barmettler zum Schluss etwas nachdenklich.

Hier ein paar Bilder mit Stationen aus seiner Karriere:

Sepp Barmettler (rechts) übernimmt das Amt als Obmann der Unterwaldner Jodlervereinigung von Zeno WOlf. (Bild: Josef Reinhard, 29. November 2002)Sepp Barmettler (rechts) übernimmt das Amt als Obmann der Unterwaldner Jodlervereinigung von Zeno WOlf. (Bild: Josef Reinhard, 29. November 2002)
Sepp Barmettler ist CVP Landratskandidat in Buochs.(Bild: PD, Januar 2007)Sepp Barmettler ist CVP Landratskandidat in Buochs.(Bild: PD, Januar 2007)
Apéro zum Schluss der Landratssession in Nidwalden an der letzten Sitzung des Landrates: Sepp Barmetler (mit Stumpen) mit Weibel Josef Camenzind und alt Regierungsrätin Lisbeth Gabriel. (Bild: Markus von Rotz, Stans, 12. Dezember.2007)Apéro zum Schluss der Landratssession in Nidwalden an der letzten Sitzung des Landrates: Sepp Barmetler (mit Stumpen) mit Weibel Josef Camenzind und alt Regierungsrätin Lisbeth Gabriel. (Bild: Markus von Rotz, Stans, 12. Dezember.2007)
Der wiedergewählte Obmann Sepp Barmettler der Unterwaldner Jodlervereinigung(recht) mit dem neu gewählten Ehrenmitglied Hanspeter Schnider. (Bild: PD, Kägiswil, 9. November 2008)Der wiedergewählte Obmann Sepp Barmettler der Unterwaldner Jodlervereinigung(recht) mit dem neu gewählten Ehrenmitglied Hanspeter Schnider. (Bild: PD, Kägiswil, 9. November 2008)
Jubiläums-Generalversammlung von Tourismus Buochs-Ennetbürgen: Reto Wyss (links) mit Sepp Barmettler. (Bild: Rosmarie Berlinger, 28 Mai 2011)Jubiläums-Generalversammlung von Tourismus Buochs-Ennetbürgen: Reto Wyss (links) mit Sepp Barmettler. (Bild: Rosmarie Berlinger, 28 Mai 2011)
Die Älplergesellschaft Buochs feiert ihr 150-Jahr-Jubiläum unter anderem mit dem Aufführen alter Sprüche. Mit dabei (von links) bei einer Schnupfszene: Klaus Achermann, Seppi Risi, Margrit Felber, Sepp Barmettler, Claudia Barmettler. (Bild: Rosmarie Berlinger, 21. April 2012)Die Älplergesellschaft Buochs feiert ihr 150-Jahr-Jubiläum unter anderem mit dem Aufführen alter Sprüche. Mit dabei (von links) bei einer Schnupfszene: Klaus Achermann, Seppi Risi, Margrit Felber, Sepp Barmettler, Claudia Barmettler. (Bild: Rosmarie Berlinger, 21. April 2012)
Am Festanlass zum gleichen Jubiläum: Sepp Barmettler (rechts) mit alt Regierungs- und Ständerat Paul Niederberger. (Bild: André A. Niederberger, 28. Oktober 2012)Am Festanlass zum gleichen Jubiläum: Sepp Barmettler (rechts) mit alt Regierungs- und Ständerat Paul Niederberger. (Bild: André A. Niederberger, 28. Oktober 2012)
Sepp Barmettler vom OK des ersten Summerfäschts in Buochs bei der Preisverleihung für Velo-Kunstwerke von Schulklassen im Rahmen der Tour-de-Suisse-Etappe. (Bild: Oliver Mattmann, 15. Juni 2013)Sepp Barmettler vom OK des ersten Summerfäschts in Buochs bei der Preisverleihung für Velo-Kunstwerke von Schulklassen im Rahmen der Tour-de-Suisse-Etappe. (Bild: Oliver Mattmann, 15. Juni 2013)
Die Initianten der Buochser Seemeile werfen einen Blick in die druckfrische Faltkarte (von links): Von links: Reto Wyss, Kanuwelt Buochs; Stefan Ulrich, SUPoint und Sepp Barmettler, Tourismus Buochs-Ennetbürgen. (Bild: Edi Ettlin, Buochs, 1. Juli 2017)Die Initianten der Buochser Seemeile werfen einen Blick in die druckfrische Faltkarte (von links): Von links: Reto Wyss, Kanuwelt Buochs; Stefan Ulrich, SUPoint und Sepp Barmettler, Tourismus Buochs-Ennetbürgen. (Bild: Edi Ettlin, Buochs, 1. Juli 2017)
Tourismuspreisträger 2019 Maya Chanti und Ehren-Tourismuspreisträger Sepp Barmettler an der GV Tourismus Buochs-Ennetbürgen. (Bild: Ruedi Wechsler, 19. März 2019)Tourismuspreisträger 2019 Maya Chanti und Ehren-Tourismuspreisträger Sepp Barmettler an der GV Tourismus Buochs-Ennetbürgen. (Bild: Ruedi Wechsler, 19. März 2019)
Sepp Barmettler an seinem Lieblingsplatz am Aawasserwegg. (Bild: Ruedi Wechsler, Buochs, 12. April 2019)Sepp Barmettler an seinem Lieblingsplatz am Aawasserwegg. (Bild: Ruedi Wechsler, Buochs, 12. April 2019)
11 Bilder

Sepp Barmettlers viele Stationen

Wo Sepp Barmettler unter anderem dabei war

Finanzprüfungskommission von Genossenkorporation und Gemeinde, 8 Jahre Gemeinderat Buochs, Geschäftsführer Tourismus Buochs-Ennetbürgen, 12 Jahre Landrat, Fraktionschef CVP, Vorstand CVP Nidwalden, 1982 Älplerhauptmann, 35 Jahre Jodlerclub Heimelig, davon 13 Jahre Präsident, Obmann Unterwaldner Jodlervereinigung, Koordinator Zentralschweiz für 100 Jahre Eidgenössischer Jodlerverband in Bern, diverse Ressorts an Jubiläumsfestivitäten, Ambrì-Piotta-Fanclub Buochs, Betriebskommissions-Präsident Alterswohnheim, 150 Jahre Älplerjubiläum, Mitgründer Quai- und Buochserfäscht, Uislumpete, 17 Jahre Älplerspruch.

Sepp Barmettler über....

Sylvia: Seit 1975 mit ihr verheiratet. Grosse Stütze, ohne Sylvia hätte ich all die Ämter gar nicht ausführen können.

Lieblings...: -Essen: Einheimisches und Italienische Küche. -Getränk: Italienischer Rotwein. -Städte: Venedig, Rom, Bern.

CVP: Mitte- und Familienpartei, die Kompromisse sucht, leider momentan mit den Extremparteien nicht gut möglich. Gäbe es die CSP, wäre ich bei dieser Partei, die sozial noch besser abgefedert ist.

Klimawandel: Muss man sehr ernst nehmen. Wird aber aktuell zu stark überbewertet. Dieser Hype geht in eine falsche Richtung und ist nicht realistisch. Jeder Einzelne muss zunächst bei sich selber anfangen.

Stärken: Ich kann gut organisieren, bin flexibel und habe ein gutes Beziehungsnetz.

Schwächen: Ich werde zu schnell wütend und rege mich zu fest auf.

Grösste Enttäuschung: Unschöner Abgang nach 35 Jahren beim Jodlerclub Heimelig.

Grösster Erfolg: 30 Jahre Posthalter in Buochs. Familie und schöne Erlebnisse an Vereinsanlässen. Highlight Zentralschweizer Jodlerfest 2000 in Buochs.

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