Kolumne

Ein Tropfen Zeit

Franziska Ledergerber macht sich in ihrem «Ich meinti» ihre eigenen Gedanken zur Coronakrise.

Franziska Ledergerber
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Was gibt es da noch zu sagen, geschweige denn zu schreiben? Corona ist allgegenwärtig. Die Zeit scheint stillzustehen. An Berichten, Kommentaren, Statistiken und wissenschaftlichen Beiträgen zu Covid-19 fehlt es nicht. Wir sind informiert. Wie in jeder Krise kommt aber auch der Humor nicht zu kurz. Schon früh kursierte der Witz: «Warum herrscht Mangel an WC-Papier? Wenn einer niest, machen sich fünfzig andere in die Hose.» Oder dann später: «Wenn die Krise vorbei ist, machen wir uns ein paar ruhige, gemütliche Tage zu Hause.» Haha.

Rührend ist eine Meldung aus dem Zürcher Zoo, wonach die Gorillas die Besucher vermissen würden. Sie hätten Langeweile nach Menschen. Offenbar sind wir umgekehrt auch für Gorillas eine Attraktion.

Franziska Ledergerber

Franziska Ledergerber

Niemals hätte ich gedacht, dass vier Jahre nach dem Inkrafttreten des revidierten Epidemiengesetzes der Bundesrat davon Gebrauch machen muss, um das nationale Notrecht auszurufen. Tief in meiner Erinnerung suche ich nach solch einschneidenden Ereignissen. Es gibt keine. Ich meine natürlich in der Zeitspanne meines bescheidenen, bisherigen Lebens.

Es scheint, wir sind aus der Zeit gefallen. Ich streiche Termine aus meiner Agenda und versuche, diese später wieder einzuplanen. Vergeblich, niemand weiss genau, wann dieser Zustand endet. Seit der Einführung des Notrechtes sind erst fünfundzwanzig Tage vergangen. Mir ist so, als wären es Monate. Die Zeit ist relativ. Da hilft keine Agenda, keine Uhr. Zwar ist nicht alles relativ, aber nicht alles existiert in der gleichen Zeit. Ein bereits erloschener Stern zum Beispiel braucht Lichtjahre, bis wir sein Erlöschen überhaupt wahrnehmen.

Von einem anderen, zeitlosen Zustand handelt das Buch «Ein Tropfen Zeit». In der Büchergilde ist dazu zu lesen: «Ein abgelegenes Landhaus in Cornwall, ein Experiment mit Zeitdrogen und unglaubliche Geschichten, die aus der Vergangenheit in die Gegenwart drängen. Daphne du Maurier, die Autorin dieses Buches, hält uns in Atem: Magnus Lane, Professor der Biophysik in London, hat ein ausgefallenes Hobby: Er experimentiert heimlich an einer Zeitdroge. Sein Freund und Vertrauter, der Schriftsteller Richard Young, stellt sich für dieses Experiment zu Verfügung. In einem abgelegenen Landhaus Cornwalls geschieht das Unfassbare: Young wird für Stunden in eine andere Welt versetzt und Augenzeuge von Ereignissen, die, wie Chroniken beweisen, um Jahrhunderte zurückliegen. Immer stärker verfallen die beiden Freunde diesem gefährlichen Rausch, und sie verabreden zum Wochenende einen gemeinsamen ‹Ausflug› in die Vergangenheit. Doch Young wartet vergeblich. Lane wird tot aufgefunden. Wie der Held des Romans wird man süchtig auf die Lösung dieser mysteriösen Geschichte.» Mit Spannung weiss die Autorin umzugehen. Mit dem Roman «Rebecca» oder der Erzählung «Die Vögel», die beiden von Alfred Hitchcock verfilmt wurden, gelang ihr der literarische Durchbruch.

Wie der Roman «Ein Tropfen Zeit» ausgeht, weiss ich nicht mehr. Jahre sind es her, seit ich ihn gelesen habe. Ein Grund mehr, das Buch wieder zur Hand zu nehmen. An Zeit fehlt es nicht, Corona hat uns fest im Griff. Wie lange noch und zu welchem Preis, steht in den Sternen. Verlockend wäre da die Zeitdroge von Magnus Lane, die uns einen «Ausflug» in die Zukunft machen liesse– aber nur einen Tropfen bitte!