Eine Ära geht zu Ende: Die Emmetter Bastlerin und Marktfahrerin Helen Würsch will es ruhiger angehen

Helen Würsch beendet ihre Karriere als Marktfahrerin – und löst ihr Materiallager auf. Ein Blick in ihre vielfältige Welt von Schwinger-Engel, Wichteln und weiteren Kunstwerken.

Sandra Peter
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Nach 35 Jahren hängt die Emmetter Marktfahrerin Helen Würsch ihre Bastelwerkzeuge an den Nagel – zumindest, was das Wirken im grossen Stil anbelangt. Die diesjährige Weihnachtsmarktsaison ist die letzte für die 56-jährige Bäuerin.

Helen Würsch verkaufte während 35 Jahren ihre Bastelwerke an Weihnachtsmärkten.

Helen Würsch verkaufte während 35 Jahren ihre Bastelwerke an Weihnachtsmärkten.

Bilder: Corinne Glanzmann (Emmetten, 28. November 2019)

«Ich habe mit Leib und Seele meinem grossen Hobby gefrönt. Die Zeit ist nun aber reif, um das Leben ruhiger anzugehen», sagt Würsch. Deswegen verkauft sie nebst den fertig gestellten Dekorationsstücken an den Märkten auch ihr restliches Material zu Hause. Davon ist noch reichlich vorhanden, wie ein Blick in Würschs Atelier auf dem Bauernhof zeigt. Figuren aller Art, Stoffstücke, Anhänger aus Holz und Metall, Kerzen, Perlen, Schilder, Windlichter – eine kunterbunte Mischung hat sich über die Jahre angesammelt.

Helen Würsch geht dieses Jahr zum letzten Mal an den Markt. Sie verkauft alle ihre Bastelware.

Helen Würsch geht dieses Jahr zum letzten Mal an den Markt. Sie verkauft alle ihre Bastelware. 

Corinne Glanzmann, Luzerner Zeitung

Der Schwinger-Engel ist die neuste Kreation

Zum Basteln ist die Emmetterin über ihren Beruf gekommen. Nach ihrer Lehre als Sportartikelverkäuferin arbeitete sie für ein Bastel- und Merceriecenter in Luzern als Einkäuferin. «Ich habe alles zu Hause getestet. Ich wollte ja den Kunden erklären können, worauf man achten muss», erzählt Würsch.

Richtig aufgekommen sei das Basteln in den frühen 1980er-Jahren. «Da gab es einen regelrechten Boom, weil viele neue Materialien auf den Markt kamen und neue Techniken bekannt wurden.» Zu Beginn ihrer Marktfahrer-Karriere stellte sie Clown-Puppen her. «Die waren so gefragt, dass meine Mutter und meine Schwestern mitgeholfen haben», erinnert sich die Emmetterin. Sie hätten bestimmt 1000 davon hergestellt. Aber: «Heute würde niemand mehr einen Clown kaufen», sagt sie trocken.

Dekorations- und Basteltrends hat sie jeweils früh aufgeschnappt und Neues ausprobiert. «An Ideen mangelte es mir nie, die sprudelten einfach aus mir heraus.» Aktuell seien Stücke aus Altholz sehr beliebt. Oder ihre «Schwinger-Engel», das sind Holzfiguren im Edelweisskleid. Weniger gut verkauft hätten sich venezianische Masken, die sie vor Jahren mal ausprobiert habe. «Das war wohl zu nobel für unsere ländliche Region», meint sie dazu.

Die Engel von Helen Würsch.

Die Engel von Helen Würsch. 

Corinne Glanzmann, Luzerner Zeitung

Beim Basteln taucht sie in eine andere Welt ein

Das Basteln ist für die Bäuerin, Mutter von zwei erwachsenen Kindern und Postauto-Chauffeuse, ein Ausgleich zum Alltag. «Dabei kann ich meinen feinsinnigen Charakter ausdrücken und in eine andere Welt eintauchen», erklärt sie. «Das Leben ist ja nicht immer ein Honiglecken. Beim Basteln kann ich vollständig abschalten und habe nur das im Kopf.» Dabei sei sie sehr perfektionistisch veranlagt, sagt sie von sich selber. Sie feile an einem Stück, bis es ihr voll und ganz gefalle.

Daneben leitete die 56-Jährige auch Kurse für interessierte Gruppen, etwa für Frauengemeinschaften oder den Bäuerinnenverband. Im Herbst und im Frühling veranstaltete sie bis zum 20-Jahr-Jubiläum jeweils eine Ausstellung auf ihrem Bauernhof. Dies alles, obwohl die Freizeit eigentlich knapp ist. Den Sommer über ist sie jeweils mit ihrem Mann zusammen auf der Alp und packt auch sonst auf dem Bauernhof mit an. «Die Zeit von Ende Oktober bis im Dezember ist wegen der Märkte immer sehr intensiv», so Würsch. Sei sei froh, dass sie auf die Hilfe von Freundinnen zählen könne. 

Helen Würsch inmitten ihrer Kunstwerke.

Helen Würsch inmitten ihrer Kunstwerke. 

Corinne Glanzmann, Luzerner Zeitung

Unterwegs war die Emmetterin vor allem an den Weihnachtsmärkten in Nid- und Obwalden, Uri und ab und zu auch im Kanton Luzern. Genauso gerne wie das Tüfteln an neuen Dekorationsartikeln mag Würsch das Verkaufen, den Kundenkontakt und Austausch mit den Besuchern. «Bei mir konnte man immer auch einfach nur für ein Schwätzchen Halt machen.» Manchmal geht es aber auch hektisch zu und her. «Dann stehe ich ständig unter Strom», sagt die Bastlerin.

An den Märkten begrüsst sie oft Stammkunden – teilweise nehmen sie eine längere Anreise in Kauf. «Nach Stans kommen auch Leute aus Zürich oder dem Aargau», so Würsch. Und: «Obwohl in der heutigen Zeit beinahe jeder alles hat, kaufen die Leute immer noch sehr gerne handgemachte Sachen.»

Derzeit sind Wichtel sehr gefragt

Neue Stücke fertigen wird Würsch auch in dieser Saison noch bis zur letzten Minute. «Derzeit sind Wichtel in Holzkränzen sehr gefragt. Davon will ich unbedingt noch ein paar herstellen.»

Wichtel in Holzkränzen sind gefragt.

Wichtel in Holzkränzen sind gefragt.  

Corinne Glanzmann, Luzerner Zeitung

Beim Beckenrieder Samichlais-Märcht ist Würsch heuer zum 35. Mal dabei. «Basteln und zum Markt zu fahren hat mir viel gegeben, in guten wie in schlechten Zeiten», resümiert die 56-Jährige. Mit dem Stanser Wiänachtsmärcht Mitte Dezember geht für sie eine Ära zu Ende. «Ich werde meine Dekorationsleidenschaft dann privat auskosten», sagt sie. «Und mein Mann und ich gehen vielleicht zukünftig mehr ‹uf d Läitsch›», sagt sie schelmisch.

Lieblingsmärkte von Helen Würsch: 7. Dezember Beckenried, 14./15. Dezember Stans