Eine Pandemie kann auch in Nidwalden jederzeit wieder auftreten

Vor 100 Jahren grassierte die Spanische Grippe. Allein in Nidwalden fanden gegen 100 Menschen den Tod. Der Kanton ist für eine Pandemie im vergleichbaren Ausmass gerüstet. Am Samstag gibt’s im Spital Vorträge dazu.

Matthias Piazza
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Das Militärspital Olten während der Spanischen Grippe. (Bild: Privatbesitz Josef Würsch, Beckenried)

Das Militärspital Olten während der Spanischen Grippe. (Bild: Privatbesitz Josef Würsch, Beckenried)

10000 Erkrankte, 260 Spitaleintritte, 39 Intensivpflegebedürftige, 42 Todesfälle: Die Zahlen, die das Bundesamt für Gesundheit für den Kanton Nidwalden im Falle einer schweren Grippepandemie errechnet hat, lassen aufhorchen. In der heutigen Zeit? Die Spanische Grippe, die letzte grosse Grippepandemie (also eine Epidemie, die ein grosses Gebiet betrifft), grassierte doch vor 100 Jahren. Doch wer denkt, in der heutigen Zeit sei man davor gefeit, wähnt sich in falscher Sicherheit. «Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass jederzeit wieder eine Pandemie mit einem ähnlichen Schadenausmass auftreten könnte», sagt auf Anfrage Volker Zaugg, Leiter Gesundheitsamt Nidwalden. Dies hätten HIV, Sars, Vogel- und Schweinegrippe, Zika und Ebola in der Vergangenheit gezeigt.

Doch er beruhigt: «Wir sind heute sehr viel besser vorbereitet als zu Zeiten der Spanischen Grippe, haben allenfalls einen Impfstoff und der Gesundheits- und Ernährungszustand der Bevölkerung ist im Vergleich zu 1918 wesentlich besser. Zudem können wir uns in Echtzeit über globale Ereignisse informieren.» Auch seien Prognosen für solche Ereignisse im Gegensatz zu damals möglich. Für den Fall der Fälle gibt die Pandemieplanung des Bundes den Takt vor. Die Frage würde dann sein, wie sich dieses Virus weltweit verbreite, wie man vorbeugen und es allenfalls medizinisch bekämpfen könne. Eine kantonale Notstandsorganisation würde eingesetzt, falls notwendig ein Impfzentrum aufgebaut, damit möglichst schnell und zentral viele Menschen geimpft werden könnten.

Schweinegrippe bewirkte Lerneffekt

Das Kantonsspital Nidwalden spielt für den Fall einer Pandemie die Rolle des Versorgers, ist dafür besorgt, dass alle erkrankten Personen behandelt werden können, sei es auf der Intensiv- oder einer Bettenstation.

Die Schweinegrippe, die vor rund 10 Jahren die Gesundheitsbehörden auf Trab hielt, habe sicherlich einen grossen Beitrag zum Umgang der Bevölkerung mit Pandemien geleistet. Seither sei der Einsatz von Hygienemasken und Untersuchungshandschuhen alltäglich geworden, so Zaugg. Praktisch alle öffentlichen Einrichtungen seien im Hygienebereich sensibilisiert worden. «So hat man auf Einweghandtücher gewechselt; die Desinfektion von neuralgischen Stellen ist heute jedem Hauswart bekannt. Man trifft beispielsweise in jedem Pflegeheim oder Spital auf Desinfektionsständer.»

Regierung verbot Theateraufführungen

In zwei Wellen erfasste die Spanische Grippe 1918 die Schweiz: Die Sommerwelle im Juli/August verlief noch glimpflich, die Herbstwelle mit Höhepunkt im Oktober und November desselben Jahres äusserst heftig. 24500 Menschen fanden schweizweit den Tod durch die Spanische Grippe, davon rund 100 in Nidwalden, dies bei einer Bevölkerung von rund 14000. Im Oktober 1918 wurden in Nidwalden über 1300 Grippefälle gemeldet. Weltweit forderte die Spanische Grippe wohl über 50 Millionen Todesopfer. Diese Pandemie überraschte die Schweiz zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Im Sommer drohte wegen des Kriegs die Nahrungsmittelversorgung zusammenzubrechen und im November entluden sich die innenpolitischen Spannungen im Landesstreik, wie der Historiker Andreas Tscherrig im diesen November erscheinenden Werk «Nidwalden im Ersten Weltkrieg» schreibt.

Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Hygiene gelegt. «Man vermeide Kontakt mit andern Menschen», war in einer regierungsrätlichen Broschüre zu lesen. Ab dem 22. Juli 1918 verbot der Regierungsrat unter Strafandrohung alle Theateraufführungen, Kinoverstellungen, Konzerte und Tanzanlässe. Um die Ausbreitung dieser Seuche zu verhindern, wurden vorsichtshalber auch die Schulen geschlossen.

Als grosse Herausforderung erwies sich das Unterbringen der an der Grippe Erkrankten, die aus bestimmten Gründen nicht zu Hause gepflegt werden konnten. Gegen ein zentrales «Absonderungshaus» in Stans wehrte sich der Gemeinderat – auch, weil er die Krankentransporte nach Stans als zu gefährlich für die Patienten erachtete. Stattdessen funktionierten die Gemeinden Schulhäuser, leerstehende Privatwohnungen oder Gastronomiegebäude zu provisorischen Grippespitälern um. 1919 entschärfte sich die Situation allmählich.

Am Samstag erzählt Historiker Andreas Tscherrig im Kantonsspital Nidwalden von der Spanischen Grippe von 1918. Volker Zaugg informiert, wie der Kanton heute für den Fall einer Pandemie gerüstet ist. Um 13.30 und 15.15 Uhr kann unter anderem das Pandemielager im Kantonsspital besichtigt werden. Die Vernissage zur Publikation «Nidwalden im Ersten Weltkrieg» findet am Sonntag, 11. November, 16 Uhr, in der Kaserne Wil, Oberdorf statt.