Ende Jahr ist Schluss mit handgefertigten Pferdesätteln aus Stans

Die Sattlerei Stübben verlagert ihre Produktionsstätte zum Hauptsitz in Deutschland. 16 Angestellte verlieren ihre Arbeit.

Marion Wannemacher
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Es riecht nach Leder und Leim, es wird zugeschnitten, genäht und mit Druckluft geklammert. In der Produktionshalle im Galgenried in Stans wird fleissig gearbeitet. Einige Arbeitsplätze aber sind leer. Der Schreck sitzt den Angestellten noch in den Knochen. Vor zwei Wochen haben die Mitarbeiter erfahren, dass sie ihre Arbeit verlieren werden. Die Produktion des Traditionsbetriebs wird in die Unternehmenszentrale ins deutsche Kempen verlegt. 4 Angestellte werden pensioniert, 3 können im Vertrieb und 2 im Aussendienst bleiben, die restlich 16 verlieren den Job.

Seit den 60er-Jahren werden in Stans - vor allem und heute nur mehr - Sättel gefertigt. 1976 stiess der heutige Betriebsleiter Xaver Odermatt dazu. Er selbst wird Ende Jahr pensioniert. «Ich bleibe trotzdem bis zum Schluss Ende Februar. Der Betrieb ist einem ans Herz gewachsen», betont er mit Nachdruck. Angestellt wurde der gelernte Schriftsetzer damals, um 100 Heimarbeiter zu betreuen. «In der Krise des Offset-Drucks suchte ich eine Stelle.» Odermatt war damals 22 Jahre und lernte sein Handwerk von der Pike auf. «Ich war sofort fasziniert vom Material und beeindruckt vom damaligen Chef Werner Stübben. Er war eine Führungspersönlichkeit und ein Patron der alten Schule.»

Geschäftsführer Xaver Odermatt in der Produktionshalle in Stans. (Bilder: Corinne Glanzmann, 28. November 2019)

Geschäftsführer Xaver Odermatt in der Produktionshalle in Stans. (Bilder: Corinne Glanzmann, 28. November 2019)

 

Von Stans aus in die ganze Welt

Stübben hatte als zusätzlichen Produktionsstandort eine Umgebung gesucht, in der das Handwerk noch gepflegt wird und entschied sich für die Niederlassung im landschaftlich reizvollen Stans. Die Traditionssattlerei wird jetzt in der fünften Generation unter Jan und Johannes Stübben geführt. Vor allem in der Konjunkturphase nach dem Krieg hat Werner Stübben die Produktion gross gemacht. In Stans werden personifizierte Sättel gefertigt. «Sie sind aus vegetabil, also natürlich gegerbtem, vollnarbigem Rindsleder», betont Odermatt und gibt zwei Muster zum Fühlen: das Beschichtete fühlt sich kalt an, das natürliche Rindsleder warm und angenehm. Aufgereiht auf einer Stange warten sechs Sättel darauf, verpackt und verschickt zu werden. Sie unterscheiden sich in Farbe und Ausführung, manche haben farbige Applikationen, einer ist gar mit Strasssteinen verziert. Exportiert wird von Stans in die ganze Welt. 90 Prozent der Kunden sind Frauen.

Der Konkurrenzdruck auf dem Markt hat zugenommen. «Früher gab es fünf renommierte Hersteller weltweit», weiss Odermatt, «heute sind es 250.» Dabei sei der Schweizer Markt eher einer der besseren. Der Kunde hinterfrage die Preise nicht so wie in anderen Ländern.

15 bis 20 Sättel wurden bis vor kurzem pro Tag von Hand gefertigt. Jetzt sei es eingebrochen, sagt Odermatt.

Gutierrez Gazino an seinem Arbeitsplatz.

Gutierrez Gazino an seinem Arbeitsplatz.

«Es ist schon traurig, wir sind hier wie eine Familie»

Die gesamte Produktion passt in eine Halle. «Hier vorne wird zugeschnitten, dort werden die Sattelkissen gefertigt, dort der Sattelbaum und da hinten die Satteltaschen. Auf der anderen Seite findet die Endmontage statt», zeigt Xaver Odermatt über die Arbeitsplätze und weist auf die Produktionstische.

Isabel Burdak bereitet gerade ein Formkissen vor, das direkt auf dem Pferderücken liegen wird. Sie sei die letzte Lehrtochter, die hier Fachfrau in Leder und Textil gelernt habe, den Beruf, der früher Sattler hiess. «Es ist schon traurig, wir sind hier wie eine Familie», sagt sie. Die 23-Jährige aus Buochs wäre im Werkstattbereich als Nachfolgerin für Xaver Odermatt vorgesehen gewesen. Nun ist sie auf Stellensuche. «Eigentlich bin ich ganz zuversichtlich», sagt sie. «Ich habe ein abgeschlossenes Handelsdiplom und bin flexibel, ich kann in einer Werkstatt arbeiten, im Büro oder im Service.»

Isabel Burdak.

Isabel Burdak. 

Nicht alle haben so gute Voraussetzungen. Rita Barmettler aus Buochs feierte dieses Jahr ihr vierzigstes Dienstjubiläum in der Firma. «Die 40 Jahre hier waren schön und intensiv», sagt sie mit Bedauern. Sie hat noch auf einer Akkordposition gearbeitet und gelernt, ihre Arbeitsabläufe auf Schnelligkeit zu optimieren. «Mit dieser Nachricht habe ich nicht gerechnet», sagt sie zur Schliessung der Produktion in Stans. Nein, verzweifelt sei sie nicht, sagt die 61-Jährige tapfer. «Es ist einfach eine sehr grosse Ungewissheit», kommentiert ihr Chef.

In der Lagerhalle stapeln sich bereits Schachteln mit Ware für Deutschland. Die Züglete steht bevor. Bis Ende Januar wird noch produziert. Bis Ende Februar soll der Betrieb abgewickelt sein. Der Vertrieb bleibt erhalten. Xaver Odermatt wird auch als Pensionierter als einer der zwei erwähnten Aussendienstmitarbeiter unterwegs sein. An das Weihnachtsessen mag er noch gar nicht denken. Es ist nicht nur für ihn, sondern für alle das letzte bei Stübben in Stans.

Werkzeuge für die Sattelproduktion.

Werkzeuge für die Sattelproduktion.