ENGELBERG: Buch lässt in Titlis-Geschichte blicken

Zur Geschichte der 100-jährigen Titlis-Bahnen offenbart ein reich bebildertes Buch Überraschendes.

Geri Wyss
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Nostalgisch: Die damalige Standseilbahn Engelberg–­Gerschnialp (Bild links) und deren Talstation. (Bild: PD)

Nostalgisch: Die damalige Standseilbahn Engelberg–­Gerschnialp (Bild links) und deren Talstation. (Bild: PD)

Bilder sagen mehr als tausend Worte. Dem Buch zum 100-jährigen Bestehen der Titlis-Bahnen könnte dieses Sprichwort zu Grunde liegen. Im 100-Seiten- Werk des Engelberger Autors Mike Bacher, Jurist und Historiker, stechen die vielen grossformatigen Bilder der Londoner Fotografin und Künstlerin Melanie Manchot heraus. Meist ohne Einsatz künstlicher Lichtquellen, zeigen sie die hochalpine Bergwelt um Porträts von Personen, die mit den Geschicken rund um die Bahnen verbunden sind. Die dezente Belichtung lässt die Fotografien bisweilen fast düster erscheinen – die Kraft, Unnahbarkeit und Mystik der Engelberger Natur stechen hervor.

Ein nostalgisches Bild der Standseilbahn Gerschnialp. (Bild: PD)
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Ein nostalgisches Bild der Luftseilbahn Gerschnialp-Trübsee. (Bild: PD)
Ein nostalgisches Bild der Luftseilbahn Stand-Titlis. (Bild: PD)
Ein nostalgisches Bild der Luftseilbahn Gerschnialp-Trübsee. (Bild: PD)
Ein nostalgisches Bild der Talstation der Standseilbahn Engelberg-Gerschnialp. (Bild: PD)
Ein nostalgisches Bild der Talstation der Luftseilbahn Gerschnialp-Trübsee. (Bild: PD)
Ein nostalgisches Bild der Luftseilbahnen Gerschnialp-Trübsee. Auf der linken Seite fahren heute die Gondeln. (Bild: PD)
Auch in Zukunft wollen die Titlis-Bahnen touristisch am Ball bleiben, wie mit der kürzlich erbauten Hängebrücke am Titlis. (Bild: PD)

Ein nostalgisches Bild der Standseilbahn Gerschnialp. (Bild: PD)

Genau diese Bergwelt wussten die Titlis-Bahnen touristisch zu nutzen. Ihre wechselvolle Geschichte versteht Bacher ebenso eindrücklich wiederzugeben. Der 25-Jährige hat dazu neben dem Bahnarchiv auch das Bundesarchiv sowie die Staatsarchive von Obwalden, Nidwalden und Luzern konsultiert und mit Zeitzeugen gesprochen. Als Bergbahnfan war er der Richtige dafür. Melanie Manchot hat eine Ferienwohnung in Engelberg und machte sich unter anderem mit einem Film über das Weltcup-Skispringen im Ort einen Namen.

Neues Licht auf einen Pionier

Die Geburtsstunde der Titlis-Bahnen erfolgte am 21. Januar 1913 mit der Eröffnung der Drahtseilbahn Engelberg–Gerschnialp. Als deren Vater erscheint im Buch der Berner Ingenieur Christian Robert Rychener. Von ihm kannte Bacher zu Beginn nur den ersten Buchstaben des Vornamens und den Nachnamen. Dank seinen Recherchen gelang es, dessen Leben zu rekonstruieren. «Rychener war für Engelberg sehr prägend», sagt Bacher. Nebst der Gerschni-Bahn sei er auch massgeblich am Bau der Stauwerke des Trübsees und des Eugenisees und der Bobbahn beteiligt gewesen. Er war als Pionier der Titlis-Bahnen bisher nicht in aller Munde, der Einblick in die Archive ergab ein anderes Bild. Eine überraschende Erkenntnis sei auch gewesen, dass «die Akten nicht mit den mündlichen Überlieferungen übereinstimmten», erzählt Mike Bacher.

Ein Grund, weshalb Rychener bisher in einigen Kreisen totgeschwiegen worden ist, mag gewesen sein, dass er und die Gerschni-Bahn über Jahre prozessierten, was beide Parteien finanziell arg beutelte. Anfang der 20er-Jahre stand die Drahtseilbahn Engelberg–Gerschnialp vor dem Konkurs. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erlebte Engelberg als Fremdenverkehrsort in den «goldenen Zwanzigern» wieder einen Aufschwung. Aus dieser Zeit ist auch der Ausspruch einer Gräfin überliefert, die mit ihrem Vater Ferien in St. Moritz machte, weil Engelberg für sie unerschwinglich war.

Viele Anekdoten im Buch

Im Buch sind weitere Pioniere erwähnt, die Engelberg als Tourismusdestination zur heutigen Stärke verholfen haben. So die Familie Cattani oder Eugen Hess-Waser (der legendäre Sager-Geni), welche mit Hotelprojekten und weiteren Infrastrukturen den Boden für die touristische Entwicklung ebneten. Als «beeindruckende Person» schildert Mike Bacher auch Alexander Höchli-Roth, der knapp 42 Jahre lang Direktor der Bergbahnen war. «Die Bahnen waren sein Leben, er hat sieben Tage die Woche gearbeitet und selbst noch über die Weihnachtsfeiertage Abrechnungen erstellt; ein Engagement, das man heute gar nicht mehr erwarten könnte.»

Natürlich hat im Buch auch eine Idee einen prominenten Platz, welche die Engelberger Bahnverantwortlichen über viele Jahre in den Köpfen gewälzt haben: eine Bahnverbindung bis zum Titlis. Am 15. März 1967 war es so weit: Die Luftseilbahn vom Stand auf den Klein-Titlis fuhr erstmals. Im Buch sind auch die massiv höheren Kosten für das Bauwerk erwähnt. «Ein Grund waren die extremen Witterungsbedingungen beim Bau», sagt Bacher. «Die Kostenschätzungen waren aber auch zu optimistisch und am Rande von vernünftigen Berechnungen.»

Er habe auch die Schattenseiten der 100-jährigen Geschichte aufzeigen wollen, was von den Bahnen voll unterstützt worden sei. Auch die befragten Zeitzeugen hätten sich durchaus selbst­kritisch geäussert, lobt Bacher. Weiter sei ihm während seiner rund halbjährigen Arbeit für das Buch klar geworden, wie sehr sich die Mitarbeiter der Bahnen mit dem Unternehmen identifizierten. «Viele Familien sind generationenübergreifend mit dem Schicksal der Bahn verwoben», so Bacher. Deshalb denke man auch in weiteren Zeithorizonten. «Dieses nachhaltige Denken wird auch die Zukunft der Titlis-Bahnen mitbestimmen», ist Bacher überzeugt.

Von Hand Eis weggepickelt

Die Menschen vor und hinter den Kulissen der Titlis-Bahnen haben auch auf den Bildern ihren prominenten Platz. So ist unter anderem ein Porträt vom «Schroten-Sepp» zu sehen, Josef Mathis. Der bald 86-jährige Wolfenschiesser ist der älteste ehemalige Mitarbeiter der Titlis-Bahnen. Mathis gehörte dem Dreierteam an, das 1963 während 51 Tagen auf dem Titlis-Gletscher mit Pickeln von Hand das Eis abgrub, um den Bau der Bahn voranzutreiben.

Hinweis:
Das Buch (28 Franken) ist im Internet erhältlich (www.titlis.ch) sowie im Kiosk an der Talstation, im Tourismusbüro Engelberg und in der Buchhandlung Höchli. Vernissage: Samstag, 2. Februar, um 17.30 Uhr, Talstation Titlis-Bahnen.

Die verbotene Bundesrats-Zigarre

ANEKDOTEwy. Bei der Bauabnahme der Trübsee-Bahn im Dezember 1927, wenige Tage vor der Eröffnung, war auch Bundesrat Robert Haab dabei. Der amtsjunge Bahn-Direktor Alexander Höchli wies Haab beim Einsteigen in die Luftseilbahn zurecht, da der Magistrat noch eine Zigarre im Mund hatte. Schliesslich sei das Rauchen in der Bahn aufgrund der Verfügungen des Departementes des selbigen Bundesrates strikt untersagt. Die Intervention Höchlis entsetzte Verwaltungsratspräsident Alfred Cattani, doch der hohe Gast aus Bern löschte die Zigarre sofort. Der Direktor habe ganz recht, meinte Bundesrat Haab. Auch er müsse sich den Weisungen seiner Behörde unterziehen wie jeder andere.