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ENGELBERG/DALLENWIL: Ultimative Freiheit wird zur Todesfalle

Der zweite tödliche Unfall eines Basejumpers am Titlis in diesem Jahr wirft Fragen auf. Muss die Politik eingreifen, brauchts Verbote? Und was sagen die Titlis-Bahnen?
Oliver Mattmann
Die Titlis-Ostwand hat für Basejumper ihren Reiz, aber offenbar auch ihre Tücken. Die Absprungstelle befindet sich etwa in der Mitte der Krete. (Bild: PD)

Die Titlis-Ostwand hat für Basejumper ihren Reiz, aber offenbar auch ihre Tücken. Die Absprungstelle befindet sich etwa in der Mitte der Krete. (Bild: PD)

Oliver Mattmann

«Fly free» oder zu Deutsch «Flieg frei»! Und das in dutzendfacher Ausführung. Das Facebook-Konto des Dallenwiler Basejumpers quillt wenige Tage nach seinem tödlichen Sprung in Engelberg (Ausgabe vom 14. August) mit Beiträgen trauernder Menschen und dem Abschiedsgruss «Fly free» über. Der erst 23-jährige Nidwaldner war in der Szene ein bekanntes Gesicht und gehörte zu den 100 weltbesten Springern. Doch nicht nur. «Er war so ein toller, positiver Mensch», beschreibt ihn Peter Keller. Auch der SVP-Nationalrat hat im Facebook einen Kondolenzeintrag hinterlassen. Von unserer Zeitung darauf angesprochen, hält Keller fest: «Er hat das geliebt, was er gemacht hat. Das sollten wir trotz all der Trauer, die er ausgelöst hat, respektieren.»

Vergleich mit Kampfhundeverbot

Der tödliche Unfall vom vergangenen Samstag ist bereits der zweite eines Basejumpers in diesem Jahr an der Titlis-Ostwand. Im März war der erfahrene Patrick Kerber aus Zürich mit seinem Wingsuit (eine Art Vogelanzug) an derselben Wand verunglückt. Auch bei sogenannten Hotspots in Uri oder vor allem im bernischen Lauterbrunnen sind jüngst immer wieder Basejumper bei der Ausübung ihrer Leidenschaft ums Leben gekommen.

Ist das Fass angesichts dieser Zunahme von Unfällen nicht langsam voll? Braucht es nicht Restriktionen, Einschränkungen, Gesetze auf Bundesebene? «Soll die Politik handeln?», fragt auch Nationalrat Keller rhetorisch. «Ich finde grundsätzlich, dass sich die Politik nicht von einzelnen Ereignissen leiten lassen soll.» Er zieht einen Vergleich zum tödlichen Hundebiss an einem Kind, der vor einigen Jahren für Aufruhr sorgte. Sofort hätten Politiker nach einem Kampfhundeverbot geschrien, doch habe man dann gemerkt, dass die Umsetzung mit vielen Schwierigkeiten verbunden gewesen wäre. Keller: «Man muss sich in solchen Momenten immer fragen, was wirklich sinnvoll und angemessen ist.» Bezogen aufs Basejumpen heisst dies für ihn: «Man kann zu diesen oder ähnlichen Extremsportarten stehen, wie man will, letztlich riskieren diese Leute ihr eigenes Leben.»

Kontrolle wäre unverhältnismässig

Dieser Auffassung ist auch Peter ­Reinle, Leiter Marketing bei den Titlis-Bahnen, die am vergangenen Samstag die Fünfergruppe von Basejumpern mit dem später verunglückten Nidwaldner auf den Gipfel beförderte – wie es übrigens des Öftern schon vorgekommen ist. «In der Regel gefährden sie keine Drittpersonen. Meiner Meinung nach muss man akzeptieren, dass es Leute gibt, die vom Basejumpen fasziniert und bereit sind, ein hohes Risiko einzugehen.» Natürlich sei jeder Unfall, jeder Tote zu bedauern, so Reinle weiter. Einen Imageverlust für die Tourismusdestination befürchtet er aber nicht. «Ich denke, es ist allen bewusst, dass Extremsportarten zu höheren Unfallraten neigen.»

Ein Verbot würde nach Ansicht von Peter Reinle nichts bringen. «Abgesehen davon, dass es keine gesetzliche Grundlage für ein Verbot dieses Sports gibt, können wir ja nicht auf einmal keine Personen mehr mit Rucksack, in dem sich ein Basejump-Schirm befinden könnte, auf unsere Bahnen lassen.» Eine entsprechende Kontrolle wäre unverhältnismässig. Auch für Josef Infanger, Präsident der Bürgergemeinde Engelberg, die den Titlis-Bahnen Grund und Boden für die touristische Nutzung zur Verfügung stellt, drängen sich keine Massnahmen auf. «Eine Verbotstafel ist kein Thema. Jeder Basejumper springt auf eigene Gefahr.» Und es ist ein offenes Geheimnis: Die Extremsportler werden immer einen Weg finden, vom Berg zu springen. Eine absolute Kontrolle ist utopisch. Schade sei es für die Hinterbliebenen, fügt Josef Infanger an. «Sie sind die Leidtragenden.»

Standort (noch) kein Hotspot

Ähnlich wie mit dem Basejumpen verhält es sich laut Peter Reinle mit dem Variantenskifahren im Titlis-Gebiet. «Es ist toleriert, wird von uns aber nicht aktiv gefördert.» Entsprechend können die Titlis-Bahnen bei Haftungsfragen auch nicht belangt werden. «Wir haben nur dort eine Sicherungspflicht, wo wir touristische Angebote platziert beziehungsweise klar abgesteckt haben, wie zum Beispiel die markierten Skipisten.»

Es gibt zwar immer wieder ­Absprünge von der Titlis-Ostwand, dennoch ist der Standort in der Szene nur mässig bekannt – auch weil der Zugang zur Absprungstelle sehr anspruchsvoll ist, wie der Verunglückte selbst in einem früheren Artikel in unserer Zeitung festhielt. Peter Reinle bestätigt dies. Sollte sich das Gebiet trotz der zwei Todesfälle innert kurzer Zeit dennoch zu einem Basejumper-Hotspot entwickeln, «würden wir die ganze Thematik wieder anschauen. Wir wollen auf keinen Fall ein zweites Lauterbrunnen werden», sagt Reinle in Anspielung auf den von Base­jumpern oft aufgesuchten Ort im Berner Oberland. In diesem sind gerade vor wenigen Tagen wieder zwei ausländische Springer in den Tod gestürzt.

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