Ennetbürger Schüler lehren Senioren den Umgang mit dem iPad

Wann fährt der Zug? Was gibt’s Neues auf der Welt? Schneit es morgen? Wie man mit wenigen Handgriffen Antworten darauf im iPad findet, erfahren Senioren von Primarschülern. Schrecksekunden kann’s dabei auch geben.

Matthias Piazza
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Fünftklässler Max Zimmermann unterrichtet Hilda Odermatt. (Bild: Matthias Piazza (Ennetbürgen, 23. Januar 2019))

Fünftklässler Max Zimmermann unterrichtet Hilda Odermatt. (Bild: Matthias Piazza (Ennetbürgen, 23. Januar 2019))

Konzentriert sitzt Hilda Odermatt vor dem iPad. Angeleitet vom Fünftklässler Max Zimmermann ruft die 76-Jährige auf der SBB-App eine Zugverbindung auf. Es folgt eine Schrecksekunde. «Ich glaube, jetzt habe ich aus Versehen ein Zugbillett gekauft», entfährt es ihr plötzlich. Max kann sie beruhigen, der Kauf wurde noch nicht ausgelöst. «Max ist ein richtiger Profi, er konnte mir alle Fragen beantworten und mir helfen. Ich lerne sehr viel», lobt Hilda Odermatt ihren 65 Jahre jüngeren Coach. Auch die Bearbeitung von Fotos lernt sie. Auf besonderes Interesse stösst bei ihr der Google-Übersetzer, der zu ihrem Staunen einen ganzen Text von Deutsch auf Persisch übersetzt – für sie eine besonders hilfreiche Funktion. Sie engagiert sich fürs Bistro Interculturel im Deutsch-Treff für Asylsuchende. Auch das Beibringen des deutschsprachigen Alphabetes gehört dazu. Sie überlege sich, ein eigenes iPad zu kaufen.

Der Nutzen dieses Lernateliers ist offenbar gegenseitig. «Ich will den älteren Leuten helfen, in diese Technik einzusteigen. Das gefällt mir sehr gut. Dabei habe ich selber noch dazugelernt», meint Max Zimmermann. Gegenüber studiert die Fünftklässlerin Carla Näpflin mit Hermine Elsener die Wetterprognosen auf der Seite von Meteo Schweiz. Auch sie ist vom Kurs überzeugt. Das iPad habe sie bisher vor allem bei ihren Grosskindern gesehen, gibt die 87-Jährige zu Protokoll.

Die Schüchternheit im Umgang mit iPad verlieren

Total lassen sich 18 Senioren, verteilt auf zwei Kurstage, während eineinhalb Stunden von je einem Ennetbürger Fünft-/Sechstklässler in die Welt des Tablets einführen. Sie lernen unter anderem, wie man eine Zugverbindung aufruft, eine Adresse oder Telefonnummer heraussucht, ein Foto macht, einen Film anschaut oder Nachrichten aufruft.

«Unser Ziel ist es, dass die älteren Leute lernen, ein iPad zu bedienen, ihre Schüchternheit im Umgang damit verlieren», sagt dazu Rita Steinegger, welche als Fachperson Begabungsförderung den Kurs leitet, der vom Verein Compisternli unterstützt wird. Dieser wurde 2006 ins Leben gerufen mit dem Ziel, älteren Menschen den Einstieg in die digitale Welt zu erleichtern. Zu diesem an der Ennetbürger Schule erstmals durchgeführten Kurs zieht Rita Steinegger eine positive Zwischenbilanz: Sie habe bis jetzt nur Gutes von den Senioren über den Kurs gehört. «Und auch die Schüler profitieren.»

Zur Not sitzen die Schüler auf ihren Händen

Im Rahmen der Begabungsförderung wurden interessierte Schüler während 20 Lektionen auf ihre Lehrerrolle ausgebildet. «Teilnahmebedingung»: Freude am Umgang mit dem iPad, Lust, das Erlernte weiterzugeben, sowie die Bereitschaft, sich in ältere Personen hineinzuversetzen. Ausserdem mussten sie genug gut in der Schule sein, um den verpassten Stoff nachholen zu können. Wer diese Voraussetzung erfüllt, lernte das iPad vertiefter kennen, erfuhr aber auch, worauf man im Umgang mit älteren Leuten achten muss, zum Beispiel, nicht zu schnell reden, nachfragen, ob das Gesagte verstanden wurde.

«Eine Herausforderung war für die Schüler, dass sie nicht das iPad berühren. Die Kinder mussten auf ihre Hände sitzen, damit sie nicht in Versuchung kamen», sagt Rita Steinegger. «Die Vermittlerrolle übten die Schüler mit ihren Gspändli, so lernten auch diese das iPad besser kennen.»