ENNETMOOS: «Ein Feuerwerk ist wie ein Orchester»

Ihr Hobby ist hochexplosiv: In einem ehemaligen Munitionsdepot brüten die Pyromantiker über neuen Shows für den Himmel.

Matthias Piazza
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Im Lagerraum der Pyromantiker: André Bösch mit einer Riesenbombe. (Bild: Corinne Glanzmann)

Im Lagerraum der Pyromantiker: André Bösch mit einer Riesenbombe. (Bild: Corinne Glanzmann)

Das Gebäude 622 bei der Kiesdeponie in Ennetmoos wirkt von aussen unscheinbar. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass im Innern wahre Kunstwerke komponiert werden – und zwar spezielle Kunstwerke. Von oben bis unten ist der Raum vollgestopft mit Feuerwerks-«Munition». Hier, in einem ehemaligen Munitionsdepot etwas ausserhalb von Ennetmoos, ist das Hauptquartier der Pyromantiker Luzern. Das Kunstwort aus Pyro (Feuer, Hitze) und Romantiker beschreibt die Tätigkeit des elfköpfigen Vereins wohl ziemlich gut. «Uns verbindet die Freude am Feuer», meint Gründungsmitglied André Bösch (72). In der Hand hält er eine sogenannte «Riesenbombe», welche einen 300 Meter hohen Lichterregen produziert, wenn sie gezündet wird.

«Feuerwerk ist eine Kunst. Das ist nicht einfach Zündeln, sondern wie ein Orchester, ein Gesamtkunstwerk, eine Sinnesfreude. Wir begeistern das Publikum», beschreibt er seine Faszination für das «explosive» Hobby. «Feuer als eines der vier Elemente fasziniert uns Menschen schon seit Jahrtausenden. Dies zu bändigen und daraus ein Kunstwerk zu machen, ist das Schönste, was ich mir vorstellen kann.»

Der Hochzeitsauftritt schlug ein

Angefangen hatte alles vor rund 30 Jahren, als er angefragt wurde, zusammen mit einem Kollegen für eine Hochzeit ein Feuerwerk zu kreieren. Der Auftritt schlug ein – und hinterliess bei den Gästen offenbar einen bleibenden Eindruck. Der erste «Promi»-Auftrag liess nicht lange auf sich warten. «Die damalige Frau von Emil Steinberger kam mit einem speziellen Anliegen auf mich zu. Sie wollte für ihren Mann eine Geburtstagsfeier, wie er sie noch nie erlebt hatte.» André Bösch kreierte ein Feuerwerk in Form der Unterschrift Emils.

Es folgten weitere Auftritte: Baubeginn des Neat-Tunnels, Eröffnung des Kirchenwaldtunnels 2008, des Steilrampentunnels Engelberg 2010 oder der Durchbruch des Neat-Tunnels vor drei Jahren. In Erinnerung bleibt ihm und wohl vielen Leuten der Moment, als die Kapellbrücke 1994 nach dem Brand wiedereröffnet wurde. Aus dem Rauch tauchte damals ein Feuer speiender Pilatusdrache auf, es knallte und funkte – natürlich made by Pyromantiker.

Die Anlässe, an denen die Pyromantiker in den vergangenen rund 30 Jahren ihres Bestehens schon überall ihre Finger im Spiel hatten, sind zahlreich. Rund ein Dutzend Aufträge nehmen sie pro Jahr wahr. Ihre Spezialität sind Geburtstagsfeiern, Theateraufführungen, Firmenanlässe oder eben auch Eröffnungsfeierlichkeiten.

Viel Know-how

Im Gegensatz zu Berufsfeuerwerkern frönen die Pyromantiker in der Freizeit ihrer Leidenschaft. André Bösch sieht darin eine Stärke. «Wir arbeiten nicht profitorientiert, beziehen keinen Lohn, müssen aber unsere Kosten für Sicherheit und Material decken. Das ermöglicht uns, ausgefallene, aufwendige Aufträge anzunehmen. Berufsfeuerwerker könnten sich die für einen speziellen Anlass notwendigen Spezialisten nicht leisten. Bösch: «Wir haben das Know-how in unseren Reihen zur Verfügung, da bei uns verschiedene Berufe vertreten sind – vom Elektroingenieur über den Chemiker bis zum Tunnelbauer.»

Es knallt nach Noten

Doch auch für akustische Genüsse wird gesorgt. Wenn sich am Himmel die Bouquets in den buntesten Farben und ausgefallensten Formen entfalten, untermalt Musik das Schauspiel. Dabei wird nichts dem Zufall überlassen, alles «tanzt» nach einer zuvor genau festgelegten Choreografie. In vielen Stunden wird dafür am PC ein Feuerwerk nach einem Musikstück komponiert. «Dafür eignet sich praktisch jeder Musikstil», meint Bösch. Auch «Heaven» von Gotthard diente schon als Vorlage.

Zwischen 15 000 und 20 000 Franken werden pro Auftritt in der Regel in die Luft gejagt. «Aber eine Grenze nach oben gibt es eigentlich nicht. Wir machen alles, was gewünscht wird.» Der Aufwand für ein zehnminütiges Feuerwerksspektakel ist gross. An mehreren Abenden werden die Feuerwerkselemente präpariert, verdrahtet, zusammengebaut. Wer denkt, man könne nur auf einen Knopf drücken, liegt falsch. «Das eigentliche Feuerwerk macht vielleicht ein Prozent der Zeit aus, die anderen 99 Prozent bestehen aus Vorbereiten, Bewilligungen einholen, Abklären, Aufbauen, Abräumen, Rechnungen schreiben.» Eine grosse Bedeutung nehme natürlich auch die Sicherheit ein und das Einhalten der äusserst strengen Vorschriften. Bis jetzt sei zum Glück immer alles glimpflich ausgegangen. «Nebst einigen kritischen Stimmen, die in einem Feuerwerk eine sinnlose Geldverschwendung sehen, erhalten wir immer wieder zahlreiche positive Rückmeldungen. So zeigte sich auch Alt-Bundesrat Adolf Ogi nach einer Darbietung ganz begeistert.» Und bereits steht mit dem Freilichtspiel «Tyyfelsbrigg» in Andermatt der nächste grosse knallige Auftritt bevor.

Hinweis:

www.pyromantiker.ch