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FESTIVAL: Suggestive Orgel und andere Klangwelten

Maghreb-Sounds, eine Jazz-Viererbande und eine stimmgewaltige Organistin setzten Höhepunkte an den Stanser Musiktagen, die am Sonntag zu Ende gehen. Man bekam manches ganz fernab vom musikalischen Alltag zu hören.
Die Schwedin Anna von Hausswolff spielt und singt an der Orgel der Kapuzinerkirche Stans. (Bild: Corinne Glanzmann (27. April 2017))

Die Schwedin Anna von Hausswolff spielt und singt an der Orgel der Kapuzinerkirche Stans. (Bild: Corinne Glanzmann (27. April 2017))

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Eine kleine blonde Frau und vier junge Musiker schlüpfen am Donnerstag kurz vor 19 Uhr die Wendeltreppe in der Kapuzinerkirche hoch. Alsbald hebt auf der Empore ein Konzert an, das mit seinem sakralen Schwall und seinen sphärisch-dunklen Wölbungen die Gemüter umflort. Der Kirchenraum ist voll, das Publikum ganz Ohr.

Der Orgel-getriebene «Funeral-Pop» von Anna von Hausswolff ist eine Mischung aus Go­thic, Progrock und Ambient mit einem Schuss Pink-Floyd-Pathos. Beeindruckend die durchdringende Stimme der Schwedin, wie sie nach oben steigt und sich wie ein heller Streifen über dem differenziert gespielten Soundteppich ausbreitet. Handkehrum kann sie kühn modulieren und erhabene Stimmungen generieren.

Flöten und Polyrhythmik

Ganz anders war es am Dienstag. Da sassen in einem Halbrund auf der Mürg-Bühne in Stans sieben Männer in grünen langen Gewändern: die wild-erlauchten Master Musicians of Jajouka aus Marokko mit ihrem Legenden-Status. In der Mitte Bandleader Bachir Attar, mit seiner Gimbri – eine dreisaitige Zupfhalslaute aus dem Maghreb –, flankiert von je drei Musikern, die hauptsächlich ihre Flöten und Perkussionsinstrumenten bearbeiteten.

Man ahnte Zwiespältiges, als das Ensemble gleich mit den heftigsten Klängen auffuhr: Der grelle und durchdringende Klang der Rhaitas – Oboen-ähnliche Doppelrohrblattinstrumente – schrillte unerbittlich und minutenlang in die Ohren. War das jetzt der Pegel, auf den man sich einstellen musste? Aber dann wechselten die Rhaita-Männer zu den Flöten, das Klangbild wurde für westliche Ohren angenehmer, das melodisch-rhythmische Feld abwechslungsreicher.

Als dann eine (Knie-)Geige durch die orientalischen Skalen mäanderte, unterstützt vom satten Groove des polyrhythmischen Trommelns, drang einem diese Musik immer widerstandsloser in die Poren und massierte die Seele zum Gleichmut und zur herben Freude. Trance stellte sich nicht gerade ein, aber immerhin ein zunehmend hypnotisiertes In-Bann-Gezogensein.

Musikalische Meditation

Trancemässig tiefer erlebten wir einen Tag später die Musik von Joshua Abrams & Natural Information Society aus Chicago. Die Society ist mit gerade vier Musikern nicht so gross, wie sie klingt. Aber wie sie klingt, macht sie gross. Und sehr organisch. Soundmässig gab es eine Verbindung zu den Jajoukas: Wie Bachir Attar spielt auch Bandleader Joshua Abrams die Gimbri.

Die Laute, Kastenzither, Harmonium und Perkussion verwoben sich zu einem oszillierenden Klang-Kontinuum. Repetitive Melodieloops der Gimbri gaben Richtung und Puls. Der dunkle Klang des Instruments und sein karger Flow liessen erahnen, warum diesem Instrument in der nordafrikanischen Gnawa-Kultur eine magische Bedeutung zukommt. Was leise und harmlos begann, infil­trierte zunehmend Körper und Geist, entwickelte Dynamik und wurde zum musikalischen Erlebnis der Extraklasse.

Das Konzert war ein einziger Energiestrom, eine musikalische Meditation. Wie im richtigen Meditationsleben mussten Hürden überwunden, Täler des Gleichmasses durchwandert, Phasen der Irritation erdauert werden. Gleichzeitig zog es einen hinein. Gefühle von Widerstand und Beglückung wurden fortwährend neutralisiert, das Ergebnis des Prozesses zählte, und dieser war auf eine unspektakuläre Art befreiend.

Die Zugabe mit dem gellenden Gong legte an Heftigkeit und Dynamik nochmals zu und zeigte, dass das Ensemble seine subtile Trance-Musik auch noch in anderen, kompakteren Facetten anrichten kann. Viele Minimal- und Repetitiv-Bands wirken in ihrer formelhaften Reduktion und Präzision oft blutleer. Joshua Abrams ist weit davon entfernt. Er dient nicht der Virtuosität und Kunst, sondern dem Atem der Musik.

Vier Top-Musiker ohne Scheuklappen

Eine Stunde später eroberten im Theater an der Mürg die vier Jazzmusiker von A Novel Of Anomaly die Herzen des Publikums. Souverän zwischen Progrock, Experimental-Collagen und Jazz navigierend, konnten Andreas Schaerer (voc), Luciano Biondini (acc), Kalle Kalima (g) und Lucas Niggli (dr) ihre Top-Musikalität von Pianissimo bis zum rockigen Forte voll ausleben. Es war gleichzeitig eine hervorragende Einführung, was Jazz alles kann, wenn man die Scheuklappen versorgt hat. Das Publikum tobte und applaudierte stehend.

Hinweis

Programm heute: Big Zis – Kinderkonzert (15.30, Chäslager), Weidliband (17 Uhr, Dorfplatz), Albin Brun/Patricia Draeger (19.30, Stanserhorn), Dillon mit Sängerinnen der Musikschule Stans (20 Uhr, Pfarrkirche), Xenia Rubinos (20 Uhr, Chäslager), Rolf Kühn Spotlights (21 Uhr, Theater an der Mürg), Dele Sosimi (23 Uhr, Kollegi).

Das letzte Konzert am Sonntag, 30. April, mit Las Hermanas Caronni in der Gnadenkapelle Niederrickenbach ist ausverkauft. www.stansermusiktage.ch

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