Forschungsergebnisse zum «Ländere»

Wie steht es heute um die so «ggfelige» Nidwaldner Mundart? Diese Frage stellte ein Forschungsteam 60 Testpersonen aus acht Orten.

Romano Cuonz
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«Aus Sicht der Sprachwissenschaft ist klar, dass sich die Sprache, und mit ihr unsere Dialekte, stetig wandeln», stellte Dozentin und Dialektforscherin Alexandra Schiesser im Nidwaldner Museum fest. Und damit gab sie auch schon eine erste Antwort auf die Frage «Nidwaude, wie geht’s dir sprachlich?» Diese hatte sie zu ihrem Vortrag als Titel gesetzt.

Die Linguistin Alexandra Schiesser (links) unterhält sich mit Sabine Graf vom Literaturhaus Zentralschweiz über den Zustand des Nidwaldner Dialekts.

Die Linguistin Alexandra Schiesser (links) unterhält sich mit Sabine Graf vom Literaturhaus Zentralschweiz über den Zustand des Nidwaldner Dialekts.

Bild: Romano Cuonz (Stans 21.August 2020)

Wahrscheinlich hofften nicht wenige der meist sehr dialektbewussten Zuhörerinnen und Zuhörer im Publikum, es möge doch anders sein. Dass alte Nidwaldner Mundartwörter, für die sie an der Ausstellung «Heepe, gigele, gäitsche» sogar eine Patenschaft übernommen hatten, auf immer im Sprachgebrauch bleiben würden. Einer hatte das «Tunggi-Äi» (gekochtes Ei, zum Tunken von Brotstücken) gewählt, ein anderer das «Hagschteessi» (Hagpfosten).

Alexandra Schiesser erklärte: «Sprache ist etwas, das uns emotional stark betrifft, und wenn es nur schon kleine Veränderungen gibt, ist dies für einige schon dramatisch.» Jedoch: gewisse Wörter brauche es schlicht nicht mehr. Weil auch die Gegenstände, die sie benennen, nicht mehr im Gebrauch seien. Schiesser dazu: «An ihrer Stelle halten oft neue Wörter aus der modernen Arbeitswelt oder aus der Jugendsprache Einzug in die Mundart.» Ein Beispiel: «Googlä!» Lustigerweise hätten etwa die Urner dieses Wort bereits an den Singsang ihrer Mundart angepasst, indem sie, unter Betonung des Doppelkonsonanten, ähnlich wie bei Niddlä, «Gugglä» sagten.

Fortsetzung eines grossen Werks

Die heutige Luzerner PH-Dozentin Alexandra Schiesser war zwischen 2013 und 2014 massgeblich an einem Schweizerischen Nationalfonds-Projekt (Leitung Professor Helen Christen) beteiligt. Unter dem Titel «Länderen» ging es darum, den aktuellen Stand der Dialekte in den Obwaldner Gemeinden Lungern, Sarnen, Melchtal, Engelberg und im nidwaldnerischen Stans, Emmetten, Hergiswil sowie dem urnerischen Seelisberg zu ermitteln. Damit knüpfte die Equipe an die bis heute einzigartigen Untersuchungen des früheren Zürcher Professors und Dialektologen Rudolf Hotzenköcherle an. Dieser hatte in jahrzehntelanger oft mühsamer Feldarbeit mit Studenten Aufnahmen zur Erstellung des Sprachatlas der deutschen Schweiz geleistet. Zwanzig Jahre lang waren Forscher mit 2500 Fragen im ganzen Land unterwegs. Antworten hielten sie von Hand fest. Für die aktuelle Erhebung wurden 60 Testpersonen – ortsfeste Männer und Frauen mittleren Alters mit unterschiedlichem Bildungshintergrund – interviewt. Mittels 80 Fragen konnten zu insgesamt 609 Begriffen oder Artikeln 230 vornehmlich lautliche und Unterschiede im Mundartgebrauch der verschiedenen Gemeinden und Täler aufgezeigt werden.

«Jene aber, denen der Bezug zum Ort weniger wichtig ist, brauchen die traditionellen Formen weniger häufig»

Alexandra Schiesser beschränkte sich in ihrem Vortrag in Stans und im Gespräch mit Sabine Graf vom Literaturhaus Zentralschweiz auf einige wenige markante Erkenntnisse. Eine, die man erwarten konnte: «Die traditionellen Formen des Dialekts werden insgesamt häufiger von jenen Befragten gebraucht, die sich stark mit ihrem Wohnort verbunden fühlen. Jene aber, denen der Bezug zum Ort weniger wichtig ist, brauchen die traditionellen Formen weniger häufig.» Mundart sprechen sei in der Schweiz immer eine Möglichkeit zu sagen: Ich gehöre dazu!

Aufhorchen liess die Sprachwissenschaftlerin mit ganz konkreten kleinen Beispielen. So stellte sie etwa fest, dass der als Studientitel gesetzte Begriff «Ländere» im alltäglichen Sprachgebrauch praktisch überhaupt nicht verwendet wird. Auch einem der angeblich grössten Unterschiede zwischen den Dialekten beider Halbkantone gingen die Forscher auf den Grund. Nämlich dass man in Obwalden «Himmäl» oder «Vogäl», in Nidwalden aber «Himu» oder «Vogu» sagt. Dieser angeblich markante Unterschied, so Schiesser, sei überhaupt nicht alt. Vor 80 Jahren, als der Sprachatlas entstand, gab es diese L-Vokalisierung in Nidwalden noch nicht. Es kam erst in neuerer Zeit dazu. Dass sie in Stans zeitlebens nie «Miuch», sondern «Milch» gesagt habe, bestätigte auch die Historikerin Brigitt Flüeler.

Interessant auch die Sonderstellung des städtisch angehauchten Hergiswil: Viele Testpersonen gaben zu verstehen, dass man dort punkto reiner Mundart überhaupt nicht mehr mithalten könne. Und noch ein wunderschönes Detail, das eine Besucherin im Gespräch erwähnte: Ein «Huis» ist Nidwalden ziemlich gross. Ist es ein bisschen kleiner, heisst es «Huisli». Und ist es wirklich nur noch ein Hüttchen, kommt der berühmte Nidwaldner Diminutiv dazu: «Huisili» heisst es dann.

Die Ausstellung «Heepä, gigele, gäitsche» über die Nidwaldner Mundart findet im Salzmagazin statt. Sie ist noch bis zum 1. November zu sehen.