Kolumne

«Ich meinti»: Fräulein Mohrenkopf

Das Fräulein ist zu Recht praktisch aus unserem Sprachgebrauch verschwunden. Gleiches sollte nun auch mit dem Mohrenkopf passieren, findet Franziska Ledergerber. Und sie weiss auch schon, wie sie ihre Lieblings-Süssspiese künftig nennen wird.

Franziska Ledergerber
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Franziska Ledergerber

Franziska Ledergerber

Sprache ist nicht bloss Kommunikation, sondern auch Ausdruck unseres Denkens und Handelns. Sie dient nicht nur der Vermittlung von Information, sondern kann positive oder negative Gefühle übertragen, kann Bewusstsein schaffen und zwischenmenschliche Beziehungsnetze aufbauen. Sprache ist ein wesentlicher Teil unseres Seins.

Nach der Geburt meines zweiten Kindes erkundigte sich der zuständige Arzt, ein Ägypter, nach meinem Befinden. Es gehe mir gut, sehr gut sogar. Ich sei wunschlos glücklich. Er schaute mir freundlich in die Augen und sagte: «Ja, ja, blau, blond und problemlos». Ah ja, da fehlt nur noch das Wörtchen b wie blöd, ging mir durch den Kopf. Ich war perplex und gekränkt. Daraufhin verweigerte ich ihm meine «Mitarbeit» als Patientin und hielt mich fortan an die Pflegefachfrau. Er reagierte beleidigt und vermutete in dieser meiner Verweigerung ein rassistisches Motiv.

Viele Jahre später erzählte ich diese, meiner Ansicht nach umgekehrt rassistische Episode einer Freundin. Sie, eine ausgebildete Psychologin, sah in der Äusserung des Arztes keine verletzende Absicht. Im Gegenteil, sie interpretierte dieses «problemlos» als Kompliment, als Anerkennung einer Mutterschaft, die glücklich und problemlos verläuft. Demnach wäre meine Reaktion überempfindlich und ungerechtfertigt dem Arzt gegenüber gewesen. Vielleicht ein kulturell bedingtes Missverständnis. Vielleicht auch nicht. Ich kann das heute nicht mehr beurteilen.

Sprache ist stets im Wandel begriffen. Wörter verschwinden oder ihre Bedeutung ändert sich. Nehmen wir einmal das Fräulein. Ein veraltetes Wort für eine Frau, die nicht verheiratet ist und keine Kinder hat. «Wie soll ich im Restaurant denn bezahlen, wenn ich nicht mehr Fräulein rufen darf?», hört man gelegentlich noch jammern, obwohl dieser Begriff offiziell schon lange abgeschafft ist. Einen Kellner um die Rechnung zu bitten, bereitet denselben Leuten jedoch keinerlei Probleme. Sie rufen selbstverständlich den Herr Ober herbei und nicht etwa das Männlein, das schnucklige Pendant zum Fräulein. Es ist eine Frage des Respektes. Ich bin froh, ist das Fräulein aus unserem Sprachgebrauch verschwunden.

Nun zu einem anderen harten Wort mit süssem, unwiderstehlichem Inhalt. Ich liebe Dubler. Nicht etwa ihn, sondern die. Ja, die Mohrenköpfe. Was mach ich jetzt bloss? Einerseits konnotiert der Mohr, der Maure, die maurische hochzivilisierte Kultur mit ihrer wunderschönen Architektur, den Gärten mit den ausgeklügelten Wassersystemen und ihren, hoch entwickelten Wissenschaften in Astronomie und Mathematik. Der Mohr ist durchaus positiv besetzt.

Andererseits wurde das bekannte Gebäck aus Eiweissschaum mit Schokoladenüberzug von einem deutschen Konditor zu einer Zeit erfunden, in der das zweite Kaiserreich (1871-1918) mit einer aggressiven, brutalen Kolonialpolitik die einheimische Bevölkerung in Ost-, Südwest- und Westafrika unterwarf und Menschen aus den Kolonien in europäischen Städten in «Völkerschauen» vorgeführt wurden. Diese Namensgebung hat also durchaus ein rassistisches Motiv und das ist heute den Wenigsten bewusst.

Der süsse Mohrenkopf gehört demnach wie das schnucklige Fräulein aus unserer Alltagssprache verbannt. Ich jedenfalls bestelle in Zukunft nur noch einen «Dubler» und ich wette darauf, dass mir das «Fräulein» einen Mohrenkopf bringen wird.