Gastbeitrag

Selbsthilfe statt Illusionen

Kolumnist Stockhausen zum Thema künftiger Strombedarf und dessen Produktion.

Dr. Dolf Stockhausen
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Dolf Stockhausen.

Dolf Stockhausen.

Die Reaktionen auf meine Gastkolumne «Blackout über Nidwalden?» geben Anlass, einige Dinge zum Thema der drohenden Energielücke noch genauer auszuführen.

1. Die Energielücke ist keine Erfindung einer Lobby. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) kommt zu dem Schluss, dass eine Strommangellage die grösste Gefahr für die Schweiz darstellen würde– noch vor einer Pandemie (NZZ vom 27.11.2020).

2. Entsprechend fordert die Eidgenössische Elektrizitätskommission (ElKom) «ein rechtlich verbindliches Zubauziel für Erzeugungskapazitäten im Winterhalbjahr zwischen fünf und zehn Terawattstunden bis 2035» (Bericht Juli 2020).

3. Das Szenario «Basis Zero» des Bundesamts für Energie (BfE) geht zudem davon aus, dass «Netto-Stromimporte nötig sein werden, insbesondere nach dem Abschalten der Kernkraftwerke». Die Hoffnung darauf ist aber trügerisch: Nach der Abschaltung der Kohle- und der Atomkraftwerke in Deutschland wird ein Run auf die letzten freien Erzeugungskapazitäten (von Atom-strom) einsetzen. Nicht umsonst fordert Elon Musk den Bau neuer Atomkraftwerke in Europa zur Lieferung des Stroms für seine Autos. Da kann die Schweiz als Nicht-EU-Land nur zweiter Sieger bleiben.

4. Der Glaube, dass die Lücke durch Wind und Sonne geschlossen werden können, ist angesichts der klimatischen Gegebenheiten im Schweizer Winter ganz offensichtlich illusionär.

5. Hoffnungen linksgrüner Kreise auf einen Ausbau der Wasserkraft sind geradezu putzig, denn gerade ihre Gesinnungsgenossen sind es, die den heftigsten Widerstand dagegen leisten. Siehe NZZ vom 27.11.: «Die Naturschutzorganisationen Aqua Viva und Greina-­Stiftung können sich freuen: Das Bundesgericht heisst ihre Beschwerde gegen die Erhöhung der Grimsel-Staumauer gut.»

Damit dürfte unumstösslich feststehen, dass nach der Abschaltung der Schweizer Atomkraftwerke eine Strom­lücke entstehen wird, die nur durch Eigenerzeugung geschlossen werden kann. Nach eindeutiger Lage der Dinge kann dies nur durch den Bau von Gaskraftwerken, mit gravierenden Folgen für die CO2-Bilanz oder durch Errichtung neuer Atomkraftwerke geschehen.

6. Die risikoärmste Atomkrafttechnologie ist der Thorium-­Flüssigsalzreaktor. Er ist sogar gegen terroristische Angriffe nahezu unempfindlich, weil er sich bei Unregelmässigkeiten, die zu einer Erhitzung über 900°C führen, selbsttätig abstellt. Zudem sind die Brennelemente weit schwächer radioaktiv als die Uran-Brennstäbe.

7. Der Reaktor erfüllt sehr wohl die Forderung, dass eine Technologie 40 Jahre «reifen» muss. Die erste Versuchsanlage in Jülich startete 1969, die erste 300-MW-Anlage in Hamm-Uentrop/D ging 1987 in Betrieb und wurde aus politischen Gründen 1989 abgestellt.

8. Ein Kassenschlager wurde er nicht. Seine Handicaps waren höhere Kosten im Vergleich zu Druck- und Siedewasserreaktoren sowie bei Potentaten aller Art der Umstand, dass er eben kein Plutonium liefert. Beim Kostenvergleich blieben allerdings die weit geringeren Stilllegungskosten unberücksichtigt. Anfängliche Korrosionsprobleme wurden durch die Werkstoffentwicklung behoben.

9. Der Rohstoff Thorium, der nicht spaltbar, sondern nur brütbar ist, kommt an vielen Stellen auf der Erde, 2- bis 3-mal so häufig wie Uran, vor. Es wird in Australien, Norwegen, Sri Lanka, Nordamerika, Indien, Lappland und Brasilien abgebaut. Reichliche Reserven lagern in der Türkei.

Am Ende wird der Souverän an der Urne entscheiden müssen, ob er den Scheinargumenten von interessierter Seite wie dem Öko-Institut Darmstadt und damit erhöhtem CO2-Anfall aus der Gasverbrennung oder der Thorium-Technologie den Vorzug gibt.