Gedenken
Als mutige Frau prägte Regula Odermatt Nidwalden mit

Die Kunsthistorikerin und Autorin ist tot. Als Politikerin initiierte sie den Kampf gegen ein Atommülllager im Wellenberg.

Romano Cuonz
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Regula Odermatt trat als Historikerin immer wieder vors Publikum.

Regula Odermatt trat als Historikerin immer wieder vors Publikum.

Bild (Romano Cuonz, Stans 29. Mai 2017)

«Mein Vater war Arzt, da wurde am Tisch über Geburt und Tod gesprochen, und man hat schon als Kind akzeptiert, dass der Tod zum Leben gehört und dass er unausweichlich ist», sagte Regula Odermatt-Bürgi letzten Sommer im Gespräch mit Brigitt Flüeler. Da wusste die Nidwaldnerin, die zeitlebens intensiv geforscht und politisch mutig gekämpft hat, bereits um ihre schwere Krankheit. «Es kommt, wie es kommen wird, akzeptieren wir es halt», bestimmte sie damals.

Nun ist sie, kurz vor dem Dreikönigstag, verstorben. Das Lebenswerk Regula Odermatts aber wird seine Bedeutung über ihren Tod hinaus behalten.

Beispielhaftes berufliches Engagement

1944 in Stans als Regula Bürgi geboren, studierte sie in Zürich Kunstgeschichte, Germanistik und Ethnologie. Als Expertin für Totentanzdarstellungen machte sie sich einen internationalen Namen. Ihr Lizenziat schrieb sie über Beinhäuser. Schon als junge Wissenschafterin zeigte sie auch grosses Interesse für die lokale Kulturgeschichte. 1970 wählte Nidwalden Regula Odermatt zur ersten Kantonsbibliothekarin. Ihr berufliches Engagement in den fast 40 Jahren bis zur Pensionierung 2009 war beispielhaft. Sie sorgte dafür, dass die vom Historischen Verein gegründete Institution die Bezeichnung «Wissenschaftliche Studienbibliothek» voll und ganz verdient. Ihr enormes Wissen über Geschichte und Kultur in Nidwalden gab sie an Generationen von Studierenden und Interessierten weiter. Als Vorstandsmitglied des Historischen Vereins liess Regula Odermatt regelmässig mit fundierten Beiträgen zu Geschichte, Kunst und Kultur aufhorchen.

Unvergesslich bleibt sie auch als gewiefte und temperamentvolle Referentin. Kaum jemand begegnete dem eigenwilligen Nidwaldner Künstlerpaar Annemarie und Hans von Matt so empathisch und kompetent wie sie. Regula Odermatt wurde im Jahr 1997 auch Mitbegründerin des Vereins «Frauenspuren in Nidwalden und Engelberg», der ein bemerkenswertes Buch mit «Frauen-Geschichte und Geschichten» herausgab. Ihre Schwester Pia Bürgi hält fest: «Mit ihrer kämpferischen, direkten Art und dem politischen Mut war Regula Odermatt für viele junge Frauen ein Vorbild.»

An der Stanser Fasnacht lernte Regula Odermatt-Bürgi ihren Mann, den wohl bekanntesten Nidwaldner Eisenplastiker Josef Maria Odermatt, kennen, und an einer Fasnacht heirateten die beiden auch. Die Fasnacht blieb für Odermatts überaus wichtig. Auch später – nun schon mit ihren drei Kindern Rochus, Lea und Thaïs – waren sie da im Stanser Dorf unterwegs.

Für die Arbeit und Entwicklung des Künstlers «Mari Odermatt» war Regula eine unverzichtbare Partnerin. Dazu ihre Schwester Chudi Bürgi: «Ihr Interesse für Kunst und ihr feines Gespür für Ästhetik unterstützten ihn sehr. Sie ergänzten sich in ihren unterschiedlichen Charakteren – Josef eher besonnen, ruhig, ängstlich, humorvoll, Regula emotional, bestimmend, impulsiv, wortgewandt.» Eigenschaften, die Regula Odermatts für Nidwalden bedeutsames politisches Engagement prägten.

Mitbegründerin des Demokratischen Nidwalden

1981 gehörte sie zu den Gründerinnen des linksgrünen Demokratischen Nidwalden (DN). Für die immer wieder aufmüpfige Partei sass sie als eine der ersten Frauen von 1990 bis 1994 im Landrat.

Als Radio und Fernsehen am 22. Januar 1986 berichteten, wie die Nidwaldner Regierung der Nagra in freundeidgenössischer Solidarität den Wellenberg als Standort für die Lagerung von radioaktiven Abfällen offeriert hatte, war Regula Odermatt nicht mehr aufzuhalten. Noch am selben Tag planten sie und Gleichgesinnte den Widerstand. Dank ihrer Initiative wurde das Komitee für die Mitsprache des Nidwaldner Volks bei der Errichtung von Atomanlagen (MNA) gegründet. Dass es Jahrzehnte dauern würde, bis der Kampf gegen die Atomlobby gewonnen war, hat sie damals nicht geahnt.

Im Gespräch mit Brigitt Flüeler hielt sie rückblickend fest: «Wir nahmen damals die Anliegen der Bevölkerung wahr und probierten diese durchzusetzen. Jeder hat mitgemacht, jede hat mitgetragen, aber es waren vor allem die Frauen, die den Ausschlag für das Nein gegeben haben.»

Eine von ihnen, Regula Odermatt-Bürgi, ist nicht mehr. Doch wer seine Heimat – für Regula Odermatt war dies Nidwalden – in so vielerlei Hinsichten mitgeprägt hat, wird niemals ganz verstummen.