Gold, Weihrauch und Myrrhe

Franziska Ledergerber beleuchtet in ihrem Ich meinti die entpannte, weil geschenklose Weihnacht.

Franziska Ledergerber
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Franziska Ledergerber.

Franziska Ledergerber.

Bild: PD

Nur noch viermal schlafen, dann klingelt das Weihnachtsglöcklein hell und klar. Die Kinderlein stürmen in die gute Stube und stehen mit strahlenden Augen vor dem reich geschmückten und erleuchteten Christbaum. Darunter, auf einer glitzernd weissen Decke, liegen die ersehnten Geschenke. «Oh, endlich real, oh, nicht nur im Fernsehen, oh du fröhliche, oh du selige, oh du Gnaden bringende Weihnachtszeit». Manch Kinderherz wird am kommenden Heiligabend höher schlagen und manchen Eltern wird vor Glück eine Träne die Wange hinunter kullern.

Hell und klar klingelten auch die Kassen im diesjährigen Weihnachtsgeschäft und liess manches Online-Händlerherz höher schlagen. Denn der Handel in diesem Bereich konnte in der Adventszeit gegenüber dem Vorjahr mit einer Steigerung des Umsatzes um zehn Prozent punkten. Bei dieser vorweihnächtlichen Datenauswertung der Kreditkarten sind wir mit Sicherheit nicht dabei, auch nicht im minimsten Promillebereich. Denn wir beschlossen, uns am Weihnachtsabend gegenseitig nichts mehr zu schenken. Auch keine kleinen Gaben.

Dazu brauchte es anfänglich eine gewisse Überwindung, denn Schenken bedeutet ja letztlich auch die Wertschätzung eines geliebten Menschen. Der Brauch des weihnächtlichen Schenkens geht ursprünglich auf die Drei Könige zurück. Diese kamen aus dem Morgenland, folgten dem Weihnachtsstern und brachten dem Neugeborenen kostbare Geschenke: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Ein an sich schöner Brauch, aber eben. Ich jedenfalls erlebte durch unsere Abmachung eine ruhige und besinnliche Adventszeit. Ich bekam Zeit geschenkt. In den Geschäften bewegte ich mich ohne Einkaufsstress irgendwie lockerer. Ausgelassen konnte ich durch den Weihnachtsmarkt schlendern, da und dort stehen bleiben und an duftenden Essenzen schnuppern.

In der Buchhandlung von Matt in Stans entdeckte ich ein kleines rotes Bändchen: «Italienische Weihnachten», herausgekommen im Berliner Wagenbach Verlag, mit Kurzgeschichten von bekannten italienischen Autorinnen und Autoren wie Andrea Camillieri, Luigi Malerba, Laura Mancinelli oder Natalia Ginsburg. Ich kaufte das Buch, machte es mir zu Hause bequem und fing an zu lesen. Jede Geschichte hat ihren eigenen Sog. Nicht alle sprechen mich in der gleichen Intensität an, aber es gibt keine, die ich hätte diagonal lesen wollen oder gar weiterblätternd überspringen. Die Erzählungen sind skurril, melancholisch, überraschend oder witzig. Ein Genuss.

Bald wird bei meinem Schwager auf dem Berg, wo wir diese Weihnachtstage verbringen und wo die Engel singen, ein kleiner Christbaum leuchten. Allerdings elektrifiziert. Wäre ja schade um das neu renovierte, denkmalgeschützte Haus, würde es wegen einer unachtsam, noch brennenden Kerze am Tannenbaum abgefackelt.

«Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter». Vielleicht liegt darunter, auf einer glitzernd weissen Decke ein kleines, rotes Wagenbach-Bändchen.Und vielleicht noch etwas Weihrauchharz und Myrrhe. Nur eine kleine Gabe, nicht der Rede wert.

Franziska Ledergerber, Hausfrau und ausgebildete Lehrerin, Hergiswil, äussert sich abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.