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HERGISWIL: Als Baden noch eine Unsitte war

Seit fast 90 Jahren hat Hergiswil eine öffentliche Badi. Diese hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich und erfreut sich bis heute grosser Beliebtheit. Auch wenn die Zeit als Kurort längst vorbei ist.
Kurt Liembd
Das Hergiswiler Strandbad im Jahr 1928. (Bild: Fotonachlass Emil Goetz)

Das Hergiswiler Strandbad im Jahr 1928. (Bild: Fotonachlass Emil Goetz)

Kurt Liembd

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

1928, kurz nach der Eröffnung der Hergiswiler Badi: Zu dieser Zeit tat man sich allgemein etwas schwer, Badeanstalten am Vierwaldstättersee zu errichten. 1918 hatte zum Beispiel der Kurverein Weggis ein grosszügiges, gemischtes Strandbad gebaut. In der Presse und von der Kanzel aus, so beschrieb es ein Chronist, sei aus diesem Strandbad ein «Schandbad» geworden, die sonnigen Sandplätze zu einer Wüste für Wilde. Wasserspiele, Wettschwimmen und Turnen in Badekleidern wurden damals als strafbare Orgien bezeichnet. Dieser Sturm der Entrüstung entsprang wohl der damaligen etwas körperfeindlichen Einstellung gewisser Bevölkerungskreise.

In Luzern badeten selbst die Nonnen

Im Kanton Nidwalden waren es zuerst einige Hotels, die für ihre Gäste Badehäuschen erstellten. Mit diesen konnte man sich im Versteckten ins Wasser gleiten lassen. Bretterwände ermöglichten ein diskretes Entsteigen aus dem erfrischenden Nass. Die Kirche war dem Baden grundsätzlich aber nicht abgeneigt. Aus dem ehemaligen Zisterzienserinnenkloster in der Nähe von Luzern ist überliefert, dass die Nonnen um zirka 1470 in der Reuss und im Rotsee badeten. Dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend wurde früher das Baden und Schwimmen gefördert, verboten oder eingeschränkt.

Zurück zu Hergiswil: Die Badi galt schon bei der Eröffnung als Ort der Moderne, wo man gerne seine Freizeit verbrachte. Sittliche Gefährdung war kein Thema, wie ältere Hergiswiler zu berichten wissen. Das war damals aber nicht selbstverständlich. Denn bis vor etwa 60 Jahren noch standen andere Strandbäder im Ruf, ein Schauplatz der Unsittlichkeit zu sein. Nur so ist der Appell in der «Luzerner Neueste Nachrichten» (LNN) vom 13. Juni 1951 zu verstehen: «Im weiteren übermacht der Regierungsrat ein Kreisschreiben über den Schutz der öffentlichen Sittlichkeit beim Badebetrieb und mit der strikten Weisung, in öffentlichen Badeanstalten nur solche Badmeister anzustellen, welche des Schwimmens kundig sind.» Der Verkehrsverein Hergiswil als Besitzer des Strandbades wurde mit dieser Weisung zur Nachachtung dieser Vorschriften angewiesen.

Einst ein Kur- und Ferienort am See

Die Geschichte des Standbades Hergiswil ist eng mit dem damaligen Kurverein, der ab 1949 Verkehrsverein hiess, verknüpft. Denn früher galt das Lopperdorf als beliebter Kurort am See, wo Gäste aus aller Welt ihre Ferien verbrachten. Und dieser Verkehrsverein, Vorläufer des späteren Tourismusvereins, war stolzer Besitzer und Betreiber.

Doch das war einmal. Die Badi gibt es zwar heute noch, aber die Seehotels sind inzwischen bis auf eine Ausnahme (Hotel Pilatus) alle eingegangen. Mangels Touristen hat sich vor einigen Jahren auch der Tourismusverein aufgelöst. Aus der damaligen reinen See-Badi ist heute eine moderne Badeanlage mit zahlreichen Attraktionen geworden. Doch das brauchte seine Zeit. Im Jahre 1968, vierzig Jahre nach der Eröffnung, wurde die Anlage mit einem Aufwand von 714 000 Franken zu einem Allwetterbad mit beheizbarem Bassin umgebaut und durch Aufschüttungen des Seeufers massiv vergrössert. 1970 wurde die Erweiterung mit einem grossen Fest gefeiert. Die Badi Hergiswil war damals weit und breit das einzige sogenannte Allwetterbad in der Innerschweiz. So benannt, weil der Verkehrsverein damit rechnete, dass die Baderatten auch bei Regen und schlechtem Wetter kommen werden. Bei kühleren Temperaturen würde das neu erstellte Restaurant als Aufenthaltsraum dienen, so das Konzept der damaligen Planer, die sich sogar von Tourismus-Professor Jost Krippendorf beraten liessen. Obwohl die Badeanlage mit Infrarotlampen versehen war, die vor Kälte schützen sollten, blieben die erhofften Gäste bereits bei bewölktem Himmel aus. Die Kalkulation des Verkehrsvereins ging nicht auf – das sogenannte Allwetterbad blieb ein Schönwetterbad.

Mitsamt Schulden übernommen

Die Heizung und Warmwasseraufbereitung, dazu bescheidene Eintrittspreise, brachten dem Verkehrsverein so grosse Defizite, dass die Gemeinde für eine Übernahme angefragt wurde. Die Stimmbürger sagten 1978 Ja zur Vorlage, das Bad mitsamt Hypothekarschulden zu übernehmen. Die Bevölkerung und vor allem Kinder und Jugendliche sind bis heute glücklich, eine so tolle Badi zu haben, wie sie sich gegenwärtig präsentiert. Wenn man eine Vollkostenrechnung macht, ist der Betrieb auch heute defizitär, aber das ist politisch so gewollt, um die Eintrittspreise tief zu halten.

Heute gehört nicht nur ein Kiosk zum Angebot, sondern ein ausgebautes Restaurant, das seit neun Jahren von Gastro-Profi Hans Zibung geführt wird und sich auch bei Nicht-Badenden grosser Beliebtheit erfreut. Dies auch deshalb, weil die Badi inzwischen noch einer der wenigen öffentlichen Seeuferzugänge im Lopperdorf ist.

Hinweis

In unserer Sommerserie «Das alte Bild» stellen wir in loser Folge ­historische Fotografien vor und blicken auf die Geschichten dahinter. Alle bisherigen Beiträge finden Sie unter www.nidwaldnerzeitung.ch/serien.

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