HERGISWIL: Auf zum härtesten Abenteuer der Welt

Mit dem Velo zum Nordkap, zu Fuss übers Eis zum Nordpol: Im Mai bricht Evelyne Binsack zur wohl bislang anspruchsvollsten Tour auf – und beendet damit eine Serie.

Marion Wannemacher
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Das nächste Ziel vor Augen: Die Abenteurerin und Extremsportlerin Evelyne Binsack (hier auf dem Weg zum Südpol) will es zum Nordpol schaffen. (Bild: Adrian Hayes/PD)

Das nächste Ziel vor Augen: Die Abenteurerin und Extremsportlerin Evelyne Binsack (hier auf dem Weg zum Südpol) will es zum Nordpol schaffen. (Bild: Adrian Hayes/PD)

Marion Wannemacher

In der Outdoor-Szene spricht man von den drei Polen. Gemeint sind damit der Mount Everest, der Südpol und der Nordpol. «The Three Poles» gelten als das härteste Abenteuer der Welt, das wohl nur eine Handvoll Menschen je geschafft haben. Die in Hergiswil geborene Eve-lyne Binsack (48) will sich dazureihen.

Zuerst mit dem Velo, dann zu Fuss

Von Meiringen nimmt die Extremsportlerin ihr neuestes Abenteuer unter die Pedale. «Es ist für mich reizvoll, von daheim aus zu starten», sagt sie. Im Mai will sie mit dem Velo die Strecke von der Schweiz bis ans Nordkap fahren – 5500 Kilometer. Wenn alles nach Plan läuft, wird sie voraussichtlich Mitte August ankommen. Von da geht es 550 Kilometer weiter zu Fuss auf Ski und Schlitten, durch Grönland. Ab Februar plant sie über die russische Drifteisstation Barneo zum Nordpol zu gehen.

Der Kompass wird aussetzen

Die Diplom-Bergführerin, Helikopterpilotin und Extrem-Bergsteigerin setzt sich dem Risiko von Unterkühlungen und Erfrierungen aus. Sie muss ohne fremde Unterstützung auskommen, läuft Gefahr, riskante Bekanntschaften mit Eisbären zu machen oder beim Aufbrechen des Polareises Schaden zu nehmen. Auch ihr Kompass wird in diesen Gefilden nicht mehr funktionieren.

Diese Tour sei nicht wie das Besteigen von Achttausendern, wo man ein Basislager hat und weiss, wenn man zurückkommt, kann man essen, sagt Binsack. Eine akribische Planung ist darum zentral bei ihren Vorbereitungen. «Zum Nordpol zieht man alles selber mit», sagt sie. «Wenn man zu wenig dabei hat, muss man es sich vom Mund absparen.» Auch gebe es nicht so viel Material, das diese extremen Temperaturen bis minus 55 Grad aushalte.

Das WC-Papier wiegt sie ab

Alles, was mitgeht, wird gewogen und abgemessen, sogar das WC-Papier.

Doch nicht nur der Proviant muss vorbereitet werden, sondern auch der Körper. «Der Energieaufbau läuft über Monate», sagt Binsack. «Man muss zu einer wildnistauglichen Persönlichkeit werden. Das ist eine Metamorphose. Man muss sich von Bedürfnissen abnabeln, das ist ein schmerzlicher Prozess.» Dieser habe fast eine spirituelle Dimension. «Wenn man etwas loslassen kann, kann man etwas Neues erfahren», so die Abenteurerin. Und was fehlt ihr unterwegs am meisten? «Der Alltag, die kleinen Freuden» seien das, sagt Binsack. Ein Feuer am Kamin zum Beispiel, eine Schnitte Brot, Freunde oder einfach daheim zu sein. Es sei eben eine Reise – und nicht Ferien.

Doch warum nimmt man eine solche Tortur überhaupt in Kauf? Es seien die feinen Töne, nicht die grossen Höhepunkte, die sie als speziell und besonders empfinde. «Eine spezielle Vollmondnacht, ein Vogel, der einen eine gewisse Zeit begleitet.»

Dokumentarfilm über Einheimische

Ohne grosse Erwartungen versuche sie den Inuits – den Einheimischen – zu begegnen, sagt sie. Vor drei Jahren hat Binsack eine Ausbildung als Dokumentarfilmerin absolviert. Wenn sie von ihrem Projekt, einen Dokumentarfilm über Inuits zu drehen, erzählt, gerät sie regelrecht aus dem Häuschen: «Man hat ihnen das Leben schon genug erschwert», sagt sie. «Es geht darum klarzumachen, dass es sich um ein indigenes Naturvolk handelt, das vom Aussterben bedroht ist. Sie sind in ihrer Mentalität nicht vorbereitet auf zivile Vorstellungen. Sie haben keinen eigenen Besitz. Das sind Werte, die in unserer leistungsorientierten Marktwirtschaft keinen Platz haben.» Über die Wirkung ihres Films macht sich Evelyne Binsack zwar keine Illusionen, aber: «Mit Vorträgen sensibilisieren zu können, wäre einfach schön.»

Bergsteigerin von Jugend auf

Binsack kann bei ihrem neuesten und wohl auch anspruchsvollsten Abenteuer auf ihre Erfahrung zählen. Schon mit 16 Jahren machte sie ihre ersten Touren zum Mont Blanc, mit 22 bezwang sie im Winter die Eiger-Nordwand – zwei Jahre später war sie diplomierte Bergführerin.

Denkt man manchmal auch daran, dass man von einer Tour möglicherweise nicht mehr zurückkommt? «Dieser Gedanke hat bei mir keinen Platz», sagt Binsack. «Wenn ich das vorabnehmen würde, dann würde ich gar nicht erst starten.» Ein einziges Mal habe ihre Schwester ihr gegenüber geäussert, dass sie ein ungutes Gefühl habe. Evelyne Binsack nahm sie ernst: «Ich habe umgeplant und sie gefragt, ob sie mit dem neuen Vorschlag leben könne.» Sie konnte. Und Evelyne Binsack kehrte unversehrt zurück.

Erste Schweizerin auf Mount Everest

Person red. Die Extremsportlerin Evelyne Binsack (48) wuchs in Hergiswil NW auf und wohnt heute in Geissholz BE. Nach der Schule startete sie eine Ausbildung zur Sportartikel-Verkäuferin. 

Geschichte geschrieben

1991 liess sie sich dann als eine der ersten Frauen Europas zur Bergführerin ausbilden und bestieg 2001 als erste Schweizerin den Mount Everest. Auf der Expedition «Antarktica» war sie während 16 Monaten – von 2006 bis 2008 – unterwegs: Zuerst fuhr sie alleine mit dem Velo von der Schweiz bis nach Südchile, dann mit Ski und Schlitten bis an den Südpol. Im Rahmen einer Filmarbeit kehrte sie 2013 zum Mount Everest zurück und drehte den Film «Überlebenswille». 

Sie bricht zu neuen Abenteuern auf: Evelyne Binsack (48). (Bild: Bruno Petroni/PD)

Sie bricht zu neuen Abenteuern auf: Evelyne Binsack (48). (Bild: Bruno Petroni/PD)