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HERGISWIL: Er wünscht sich sehr eine offene Kirche

Freude herrscht im Lopperdorf. Mit Steffen Michel aus Deutschland hat die Kirche zwar keinen Pfarrer, aber einen hoffnungsvollen Seelsorger.
Kurt Liembd
Steffen Michel arbeitet seit 1. Mai 2015 als Gemeindetheologe in der katholischen Pfarrei Hergiswil. (Bild Kurt Liembd)

Steffen Michel arbeitet seit 1. Mai 2015 als Gemeindetheologe in der katholischen Pfarrei Hergiswil. (Bild Kurt Liembd)

Kurt Liembd

Wer den neuen Seelsorger von Hergiswil anruft, ist erst mal leicht verunsichert. «Da ist Steffen», sagt er. Als Anrufer spricht man aber nicht etwa mit Herrn Steffen, denn Steffen ist sein Vorname. Damit ist das Eis schnell gebrochen, und man spürt seine Offenheit. Als wir ihn um ein Gespräch bitten, sagt er spontan zu und lädt ins Hergiswiler Pfarrhaus ein, wo er seit 1. Mai wohnt und wirkt. Das Gespräch mit Steffen Michel (27) wird im wahrsten Sinne ein Gespräch über «Gott und die Welt».

Er wirkt natürlich, jugendlich, unverbraucht und eloquent. Vor uns sitzt ein junger Mann, der vor Glück strahlt, dass er in der Schweiz als Theologe arbeiten darf. Glück spürt er nicht nur, weil er in Hergiswil eine ideale Anstellung fand, sondern weil er des Lobes voll ist für die katholische Kirche der Schweiz.

«Veraltet und verkrustet»

Über sein Verhältnis zur Kirche in seinem Heimatland schenkt er klaren Wein ein. Im Vergleich zu Deutschland sei die Kirche hier moderner, offener, weniger hierarchisch und nicht so zentralistisch. «In Deutschland sind die kirchlichen Strukturen veraltet, verstaubt und verkrustet», so Steffen Michel. Dies sei unter anderem auch ein Grund gewesen, weshalb er nicht Priester werden wollte, sondern Laientheologe. Da aber Laientheologen in Deutschland vielerorts verpönt seien, habe er sich auch in der Schweiz umgesehen und nun in Hergiswil eine Stelle gefunden.

Klinik- und Gefängnisseelsorge

Steffen Michel ist ausgebildeter Diplom-Theologe. Aufgewachsen ist er in Edertal, einem kleinen Ort mit rund tausend Einwohnern im Bundesland Hessen. Nach einem Vollstudium an den Theologischen Fakultäten von Fulda und Würzburg schloss er seine Ausbildung im Juli 2014 mit einem Diplom ab. Da er bereits über Erfahrungen in Klinik- und Gefängnisseelsorge sowie in Trauer- und Sterbearbeit verfügt, hat er sich in Hergiswil «nur» als Pastoralassistent und Seelsorger beworben.

Da der Kirchenrat Hergiswil aber gleichzeitig einen Gemeindeleiter suchte, hat man ihn angefragt, in naher Zukunft die Leitung der Pfarrei zu übernehmen. «Diese Herausforderung nehme ich sehr gerne an, auch wenn dies Neuland für mich ist», sagt er. Nun ist er sechs Wochen im Amt, und seine ersten Erfahrungen sind äusserst positiv. Nur schon, dass er von einer Pfarrgemeinde angestellt sei, empfinde er als ein grosses Glück. In Deutschland wäre das nicht möglich, da alle Kirchenbediensteten einzig vom Bischof entsandt und bezahlt werden. «Deshalb müssen alle nach der Pfeife des Bischofs tanzen», sagt er kritisch.

Und noch einen Unterschied zu seinem Heimatland erwähnt er: «In Deutschland gibt es die Funktion des Gemeindeleiters gar nicht.» Und mit kritischem Unterton: «Meinungsfreiheit in der katholischen Kirche auch nicht.» Es ist vorgesehen, dass Michel in den nächsten Jahren die diözesane Ausbildung zum Gemeindeleiter absolviert und später diese Funktion voraussichtlich übernimmt. Vorläufig übt Generalvikar Martin Kopp noch die Funktion des Pfarradministrators für Hergiswil aus, wie schon bei Michels Vorgänger, Pater Eugen Yurchenko aus der Ukraine.

Begeisterung fürs Stanserhorn

Auf seine Erfahrungen in den ersten sechs Wochen in der Schweiz angesprochen, kommt er ins Schwärmen. Am meisten beeindruckt hat ihn die Gemeindeversammlung, die er als «urschweizerische Demokratie» erlebte. Auch sonst setzt er alles daran, möglichst schnell «Land und Leute» kennen zu lernen. So ist er spontan dem Kirchenchor beigetreten, wo er als Tenor seinen Mann stellt, nimmt regelmässig am Mittagstisch der Hergiswiler Schule teil und war auf der Vereinsreise mit dem Kirchenchor. Zudem ist er Präses des Kirchenchors, der Pfadi und der Jungmannschaft.

Privat war er bereits auf dem Stanserhorn, was ihn sehr begeisterte. Und das Schweizerdeutsch? «Ich verstehe es zu rund 90 Prozent, aber sprechen kann ich es natürlich nicht.» Die Leute sollten ruhig Mundart mit ihm sprechen, so lerne er die restlichen 10 Prozent noch schneller. Immerhin hat er bereits zahlreiche Helvetismen gelernt wie etwa «Töff» (für Motorrad), «Hung» (für Honig) oder «poschte» (für einkaufen).

Ökumene, Jugend, Musik

Für Hergiswil wünscht sich Steffen Michel eine offene Kirche, wo auch Musik einen wichtigen Platz hat. «In der Musik kann man oft spirituelle Momente erleben», sagt er. Dies will er fördern, vor allem bei der Jugend. Er selber spielt Keyboard, Gitarre und Flöte und machte eine Gesangsausbildung. Zu einer offenen Kirche gehört auch die Ökumene, die er von sich aus anspricht. «Das ist mir sehr, sehr wichtig, und ich probiere im Rahmen meiner Möglichkeiten, das Beste daraus zu machen.»

Er liest gerne Küngs Bücher

Er selbst sei ökumenisch aufgewachsen, und die Ökumene funktioniere in Deutschland sehr gut. Dazu gibt er ein Beispiel, weshalb Ökumene für ihn so wichtig ist. In seinem Dorf, wo er aufgewachsen ist, sei eines Tages die katholische Kirche abgerissen worden. Ganz selbstverständlich und spontan seien die Katholiken dann von den Reformierten eingeladen worden, ihre Gottesdienste mit ihnen in der reformierten Kirche zu feiern. Das habe ihn tief beeindruckt. Mit Offenheit meint er nicht nur die Ökumene mit den Reformierten, sondern auch die Beziehung zu andern Religionen. So findet etwa Hans Küng zwar «provokant und herausfordernd», jedoch lese er seine Bücher sehr gerne. Mindestens so spannend wie Küngs Weltethos über die Weltreligionen findet er aber seine neue Aufgabe als Seelsorger von Hergiswil.

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