HERGISWIL: Kopp: «Kann Pfarrer nicht verpflichten»

Der Kirchenrat wollte über die Situation in der Pfarrei diskutieren lassen. Das Gespräch kam am Sonntag aber nicht richtig in Gang. Ob es das noch tut?

Markus von Rotz
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Christina Sasaki Wallimann erfasst den Pegel des Summens mit dem Handy. (Bild: Markus von Rotz)

Christina Sasaki Wallimann erfasst den Pegel des Summens mit dem Handy. (Bild: Markus von Rotz)

«Für mich ist es etwas schwierig zu sehen, in welche Richtung Sie gehen wollen», sagte der Theologe und Moderator Thomas Wallimann am Sonntag nach knapp eineinhalb Stunden. Er hatte am Pfarreiforum vieles versucht, viele Anreize gegeben, Fragen in den Raum geworfen, doch die Diskussion kam nicht in Fahrt, blieb bei einzelnen Vorwürfen oder Wortmeldungen stecken. Er wollte vom eher älteren Publikum wissen, was es tun würde, falls es frei entscheiden könnte. Die meisten der 40 Anwesenden blieben stumm – im Gegensatz zu den vielen Meldungen, die schriftlich eintrafen (siehe Kasten).

Die Kapitel Modernität und Tradition, Herausforderungen an christliche Werte und die Ökumene hatten in der Wertung der Anwesenden am meisten Punkte erhalten. In einer Abstimmung per Summ-Laut entschied sich die Versammlung hauchdünn, die Ökumene als erstes zu thematisieren. Mehr war am Sonntag aus zeitlichen Gründen auch gar nicht mehr möglich.

Ungewohnte Entscheidungsrolle

Einen grossen Teil des Gesprächs bewältigte der langjährige Kirchenrat Wallimann selber. Er suchte nach Erklärungen für die heutige Situation der Kirche. «Die Rolle der Kirchenräte hat sich in den vergangenen 20 Jahren massiv verändert», sagte er. Der Kirchenrat komme immer mehr in Entscheidungsrollen, die er sich nicht gewohnt sei. Früher habe er sich um Budget und Bauten kümmern müssen, der Rest war Sache des Pfarrers.

Zwischen örtlicher Kirche (politischer Behörde) und dem Bischof entstehe ein Spannungsfeld. «Darin gibt es Sachen, die sich historisch entwickeln, was viele als gut katholisch und normal empfanden», spielte Wallimann auf die gemeinsamen Gottesdienste mit Reformierten an. «Dass nicht alle Seelsorger diese Form mittragen können, ist nicht eine Frage des Gewissens, sondern des Kirchenrechts», so Wallimann. «Der Generalvikar muss sagen, dass das verboten ist, er vertritt die Hierarchie der Kirche, oder er sagt, macht weiter, ich nehme dann alle Schläge auf mich.» Der selber anwesende Generalvikar Martin Kopp betonte, er habe jahrzehntelang im Kanton Zürich als Pfarrer Ökumene gelebt, «aber so etwas wie hier habe ich noch nie erlebt. Ich habe davon nur stückchenweise erfahren. Ich weiss, dass die Ökumene von Herzen gelebt wurde, und ich glaube das auch, aber ich kann einen katholischen Pfarrer nicht dazu verpflichten.» Den Wunsch nach einer Abstimmung lehnte der Gesprächsmoderator ab. «Das nützt im Moment nichts. Wir kennen dann Verlierer und Gewinner, aber die Spannung bleibt.»

Es gab an der Versammlung auch die andere Seite. Da meinte ein Mann, die Gottesdienste von Pfarrer Freddy Nietlispach, der die gemeinsame Ökumene seinerzeit eingeführt hatte, seien ihm nie sympathisch gewesen. Er könne sich aber zwei Wortgottesdienste vorstellen, oder allenfalls drei bis vier, den einen davon am Bettag. Daraus könnte eine schöne Tradition entstehen. «Du hast mir aus dem Herzen gesprochen«, meinte ein anderer. «Aber leider sind wir heute eine so kleine Minderheit hier. Es ist ein toller Anfang, aber wir müssen versuchen, auch jene einzubinden, die heute nicht da sind.» Er meine, im Pfarreiblatt habe es noch viel Platz für mehr Information als bisher. Eine ältere Frau schlug den Bogen noch weiter und meinte: «Wir haben doch alle den gleichen Herrgott, aber warum lassen uns die Reformierten nicht in Ruhe? Sie haben einen Pfarrer und eine Kirche und wir auch.»

Am Schluss wurden Zettel verteilt, auf denen sich alle eintragen konnten, die an einer Fortsetzung der Diskussion interessiert sind.

Stimmen aus der Bevölkerung: «Suchen Sie neue Teamleute»

In fünf Kapiteln waren die Antworten auf den rund 70 zurückgeschickten Fragebogen zur Situation in der katholischen Pfarrei Hergiswil fürs Pfarreiforum vom Sonntag (Ausgabe von gestern) zusammengefasst. Dabei ging es bei weitem nicht nur um den vorgestern diskutierten Themenkreis der Ökumene.

Hier ein paar wörtliche Auszüge zu den anderen drei Kapiteln:

Modernität und Tradition: Den Glauben zeitgerecht interpretieren, von unnötigem Ballast (Zölibat) befreien. – Wo ist die Kirche heute stehen geblieben, wo einzelne Führungskräfte versuchen, das Rad um Jahrhunderte zurückzudrehen. – Dass die Jugend mehr mitgerissen werden sollte mit interessanten Themen. – Das Kirchweihfest soll am ersten Sonntag im Oktober sein, andere Festtage verschiebt man auch nicht beliebig. – Aufklärung statt Festhalten an weltfremden Dogmen wären wirklichkeitsgerechte Ansätze für eine Kirche, die nicht mehr die allein selig machende Botschaft zu verkünden hat.

Administration: Bitte suchen Sie neue Teamleute. – Pater Eugen den Rücken stärken durch klare Personalentscheide. – Was ist von einem Team zu erwarten, das einen jungen Seelsorger mit Mobbing vertreibt. – Personalführung in neue Hände legen. – Der seit Jahren unfähige Kirchenrat ohne Personal- und Führungsqualität will die Verantwortung der Kirche an die Bevölkerung übertragen. – Wer sind die Berater des schlechten Kirchgeheimrates? – Zu viele Bibelleser im Chor der Kirche.

Herausforderungen für christliche Werterhaltungen: Mehr menschliche Wärme, Vertrautheit und Zeit für den Menschen. – Könnte man nicht einmal alle Vorschriften, Verordnungen, Anordnungen, Dekrete und den ganzen undurchsichtigen Dschungel von menschlichen Schreiben durchforsten, auf Notwendigkeit prüfen, ihren Gehalt untersuchen? – Zugang für Frauen und Andersdenkende. – Was ist das für eine Kirche, die Geschiedene, die ihr Versprechen nicht einhalten können, vor die Tür setzt, Frauen verachtet, ausstösst, Kinder aus der eigenen Gemeinschaft verheimlicht, ein Leben lang leiden lässt?

Gottesdienst: Die Predigten und Ansprachen oft voll von Worthülsen und Phrasen. – Keine Diktatur von oben, sondern gemeinsam (Pfarrer, Katecheten und Kirchgänger) den Gottesdienst leben und erleben. – Offen sein für kreative Feste und Feiern. – In der Kirche Hergiswil rückt das Kirchenvolk immer weiter nach hinten und ist zunehmend älter, umgekehrt rückt der Klerus immer weiter weg vom Volk Richtung Hochaltar.