HERGISWIL: Peter Gysling: «Wir stehen Kriegen ohnmächtig gegenüber»

Vom Alter her wäre Peter Gysling (66) pensioniert. Doch sein erstes Jahr im Ruhestand geriet eher zum «Unruhestand». Er ist dabei sehr glücklich, in Nidwalden zu leben.

Kurt Liembd
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Der Journalist Peter Gysling wohnt in Hergiswil. (Bild: Corinne Glanzmann (20. 1. 2016))

Der Journalist Peter Gysling wohnt in Hergiswil. (Bild: Corinne Glanzmann (20. 1. 2016))

Genau vor einem Jahr zog der Journalist Peter Gysling von der Millionenstadt Moskau nach Hergiswil. Vor seiner Pensionierung arbeitete er über 30 Jahre in verschiedenen Funktionen bei Schweizer Radio und Fernsehen, unter anderem während insgesamt 17 Jahren als Auslandkorrespondent in Moskau und in Deutschland. Dabei hat er weltpolitisch historische Momente aus nächster Nähe miterlebt wie etwa den Berliner Mauerfall, den Zerfall der Sowjetunion, den Georgienkrieg, die Krim-Annexion oder den Krieg in der Ost­ukraine.

Und wie geht es ihm heute als Rentner in Hergiswil? Welches sind seine Neujahrwünsche an die Welt? «Ich fühle mich in Hergiswil und in Nidwalden ausserordentlich wohl», zieht er über das vergangene Jahr Bilanz. «Ich erlebe die Hergiswiler und Nidwaldner als freundlich, als sehr offen und verbindlich.» Auch seine Frau Olga – sie ist Geologin und kommt aus Moskau – fühle sich hier sehr wohl. Sie habe in den vergangenen Monaten äusserst engagiert einen Deutsch-Intensivkurs besucht. Mit Erfolg: Das Heimweh nach der pulsierenden Millionenstadt Moskau halte sich für beide in Grenzen. Einzig die Freunde dort würden sie vermissen, so Peter Gysling. Doch ist ihm dies nicht alles ein bisschen zu provinziell, nach 13 Jahren in der Weltmetropole Moskau und jetzt im beschaulichen Hergiswil? «Nein, überhaupt nicht», kontert er sofort. «Ich fühle mich hier zu Hause und in meiner Welt. Wir schätzen es im Übrigen sehr, dass wir hier in allernächster Nähe eine Bäckerei, Lebensmittelläden, mehrere Restaurants, sogar einen Optiker, den Bahnhof und dann natürlich den See und die Berge haben.» Auch der Umgang der Behörden mit den Einwohnern sei vorbildlich. Fast ins Schwärmen gerät Gysling, wenn er von seinem Aufenthalt im Kantonsspital Stans erzählt, wo er wegen Nierensteinen ein paar Tage verbringen musste. Ganz angetan ist er auch vom Hergiswiler Dorfadvent und dem anschliessenden Samichlauseinzug. «Das ist Lebensqualität vom Besten, wenn sich das halbe Dorf selbst engagiert und diesen Anlass auf so sympathische Weise gestaltet.» Ein kulturelles Highlight erlebte Gysling auf Niederrickenbach. Zusammen mit seiner Frau besuchte er dort eine Live-Aufführung von «Rutschi Putschili». Er genoss diese urchigen Stanser Gassenlieder und vor allem die schöne Atmosphäre, in der diese Lieder im Pilgerhaus präsentiert wurden.

Im Rückblick auf das vergangene Jahr sagt Gysling, dass er noch nicht im Geringsten im Rentnerdasein angekommen sei. Im Gegenteil, denn er habe vor allem viel gearbeitet. So hielt er rund 20 Vorträge in der ganzen Schweiz (auch beim Historischen Verein Nidwalden), hielt zwei 1.-August-Reden (unter anderem in Zug), nahm an einem Kongress in Kiew teil und begleitete als Fachexperte mehrere Reisen nach Zentralasien und in den Kaukasus (unter anderem eine Leserreise für unsere Zeitung). Und immer wieder kehre er gerne nach Hergiswil zurück und sagt: «Hier sind wir zu Hause.» Zurzeit schreibt er an einem Buch, das im Frühling 2017 erscheinen soll.

Weltsituation ist Besorgnis erregend

Doch trotz der Annehmlichkeiten in der Schweiz zeigt er sich über die weltpolitische Situation besorgt. Was ihn sehr bewegt, sind unter anderem der Krieg in Syrien, die ganze Situation im Nahen Osten, das Flüchtlingsleid oder auch die jüngste Verhaftungswelle in der Türkei. «Wir können diesen Entwicklungen leider nur mit Ohnmacht gegenüberstehen. Wir selbst können dort nichts oder nur ganz wenig verändern», sagt er. Deshalb wünscht er sich fürs neue Jahr vor allem eine friedlichere Welt. Und für die Schweiz, dass sie gut über die Runden kommt. «Uns geht es hier ausserordentlich gut, darauf dürfen wir stolz sein. Wir müssen aber aufpassen, dass wir dabei nicht überheblich werden», mahnt er. Und für sich und seine Frau wünscht er, dass sie im neuen Jahr etwas mehr Zeit für Persönliches finden. So möchte er – falls es endlich Schnee gibt – mehr Skitouren machen und vermehrt Freundschaften pflegen, Konzerte und Theater besuchen.

Kurt Liembd

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

Am Donnerstag im TV

Peter Gysling nimmt das Fernsehpublikum mit auf ein grosses Abenteuer: der profilierte Kaukasus- und Zentralasien-Kenner bereiste 2012 eine der Nordrouten der Seidenstrasse und erlebte eine Welt im Umbruch. Die Highlights der siebenteiligen «DOK»-Serie zeigen nochmals die interessantesten Begegnungen mit Menschen entlang der neuen Seidenstrasse. Die Tour führt von Venedig via Türkei quer durch den südlichen Kaukasus und Zentralasien ins chinesische Xi‘an. (KL)
Hinweis: Donnerstag, 29. Dezember, 20.05 Uhr auf SRF 1.