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HERGISWIL: Weltraumforschung in Hergiswil: Institut zieht um

Im Schatten des Pilatus verfügt die Zentralschweiz über einen direkten Draht zur Internationalen Weltraumstation ISS. Ein kleines Institut der Hochschule Luzern arbeitet dort an Durchbrüchen in der Weltraumforschung.
Ismail Osman
Reportage aus dem Institut für Medizintechnik. Fotografiert am 20. Februar 2018 in Hegiswil NW. Im Bild: Dr. Bernd Rattenbacher LZ Boris Bürgisser (Bild: Boris Bürgisser (Hergiswil, 20. Februar 2018))

Reportage aus dem Institut für Medizintechnik. Fotografiert am 20. Februar 2018 in Hegiswil NW. Im Bild: Dr. Bernd Rattenbacher LZ Boris Bürgisser (Bild: Boris Bürgisser (Hergiswil, 20. Februar 2018))

Ismail Osman

ismail.osman@luzernerzeitung.ch

Die Definition der Redensart «der Schein trügt» steht an der Seestrasse in Hergiswil. Was von Aussen den Anschein einer kleinen, von Wind und Wetter gezeichneten Villa macht, beherbergt im Inneren den Stoff, aus dem Wissenschaftler-Träume gemacht sind. Hinter dem ausgeblichenen Lindengrün der Fassaden befindet sich nämlich nichts Geringeres als die schweizweit einzige direkte Verbindung mit der Internationalen Raumstation ISS.

Wem hier Eintritt gewährt wird, dem eröffnet sich ein kleines Forscher-Eldorado – sprich jede Menge imposante wissenschaftliche Geräte und Apparaturen, deren genauer Sinn und Zweck für den Laien oft nur im Ansatz zu erahnen ist. Hier steht ein Inkubator, der bereits durch das Weltall schwebte, dort hängt ein Poster von Stanley Kubricks Science-Fiction-Klassiker «Space Odyssee 2001». Und dann ist da (im Dachstock, um genau zu sein) natürlich der «Control Room», von dem aus man mit den sechs Astronauten, die sich derzeit in rund 400 Kilometer Höhe auf der ISS befinden, Kontakt aufnehmen kann.

Betreuung von Biologieexperimenten

Doch von vorne: Wer den Weg in dieses so aussergewöhnliche Häuschen gefunden hat, der befindet sich im Institut für Medizintechnik der Hochschule Luzern (HSLU). Das Institut betreibt im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation ESA ein Supportzentrum zur Betreuung biologischer Experimente. «Wir machen biologische Experimente, die auf der ISS durchgeführt werden sollen, weltraumtauglich», fasst Forschungsgruppenleiter Bernd Rattenbacher die Arbeit der acht Mitarbeiter des Biotechnology Support Centers (Biotesc) zusammen.

Neben dem ESA-Support-Zentrum arbeiten acht weitere Wissenschaftler am Institut beziehungsweise am Kompetenzzentrum Bioscience and Medical Engineering an den Auswirkungen der Schwerelosigkeit, zum Beispiel auf Hefe.

Eine Illustration: Die Wirkung von Schwerelosigkeit und kosmischer Strahlung auf Hefekulturen soll erforscht werden – Bernd Rattenbacher und sein Team machen es von Hergiswil aus möglich. Vom Labor im ersten Stock aus geht es mit den Hefekulturen in den Keller, wo vis-à-vis der Waschmaschine ziemlich nonchalant eine Testapparatur zur Schwerelosigkeitssimulation (genannt «Random Positioning Machine») zu finden ist. Durch konstantes Drehen, kann diese Apparatur einen Zustand erzeugen, welcher der Schwerelosigkeit im All sehr nahe kommt. Im Keller eines Hergiswiler Altbaus finden also «Trockenübungen» von Welltraum-Experimenten statt.

Die Abläufe der Experimente werden genauestens protokoliert, um daraus eine Wegleitung für die Astronauten zu formulieren. Sind die Hefekulturen dann zur ISS hochgeschossen worden, können die Astronauten dieser Anleitung folgen und das Experiment durchführen. Vom Hergiswiler Kontrollraum aus können diese live mitverfolgt und wenn nötig in diese eingegriffen werden: Via einer sicheren Standleitung zur ESA-Zentrale in München, kann direkt mit den Astronauten kommuniziert werden.

Wer schon Bilder von der ISS gesehen hat, weiss um die sehr verknappten Platzverhältnisse an Bord der Raumstation. Unbeabsichtigt spiegelt sich diese Enge auch in der Institutsvilla wider – vom Keller bis zum Dachstock lässt sich kaum ein freier Quadratmeter Boden finden. «Was Forschungsstandorte angeht, ist dieses Haus – mit dem Blick auf den See und den Pilatus, in Sachen Charme natürlich unübertroffen», sagt Rattenbacher. «Wenn hier allerdings grössere Tests durchgeführt werden und weitere Wissenschafter im Haus sind, wird es schnell sehr, sehr eng.» Das soll sich nun mit einem Umzug in neue Räumlichkeiten ändern. «Bei uns dreht sich alles um Space – und jetzt brauchen wir mehr davon», sagt Rattenbacher. Die nun anstehende Umsiedlung des Institutes war aber sowieso nur eine Frage der Zeit, da die kleine Villa zu Gunsten einer neuen Überbauung bald abgerissen werden soll.

Astronauten haben keine Zeit für irdische Zügeltermine

Gezügelt wird nur wenige 100 Meter weiter, in das ehemalige Gebäude des Marktforschungsinstituts GfK. Dieses wurde umgebaut und soll neben Büros künftig auch Studenten beherbergen. Passenderweise trägt das Gebäude den Namen «Universe 9». Trotz der kurzen Distanz erweist sich der nun anstehende Umzug um einiges herausfordernder, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Bernd Rattenbacher erklärt: «Das Leben der Astronauten auf der ISS ist bis auf die Minute genau durchgetaktet.»

Tatsächlich folgt der Tagesablauf der Astronauten, von der Dauer der Morgentoilette bis zur Schlafenszeit, einem minutiös erarbeiteten Zeitplan. «Ein Umzug auf der Erde steht nicht auf ihrem Kalender», sagt Rattenbacher mit einem Schmunzeln. Es gilt also zuerst einmal ein Zeitfenster von etwa zwei Tagen zu finden, in dem keine von Biotesc betreuten Aktivitäten anstehen. «Dann gilt es auch die sichere Leitung ins Münchner Kontrollzentrum aufrechtzuerhalten.» Neben der physischen Verlegung der Glasfaserleitung ist damit auch der Transfer des speziell sicheren Netzwerks angesprochen. Dafür wird ein Spezialist der ESA vor Ort anwesend sein.

Im Keller steht «Space Bier»

Auf dem Anschlagbrett im Sitzungs-/Esszimmer des Institutes ist der nächste mögliche Umzugstermin in dicken roten Lettern vermerkt. Dieser ist für den kommenden Donnerstag vorgesehen. «Sollte es nicht klappen, gibt es mehrere Ausweichdaten», so Rattenbacher. Zügelkisten in verschiedenen Stadien der Befüllung zeugen von einer gewissen Aufbruchstimmung. Ansonsten herrscht bei unserem Besuch aber eine Ruhe vor, die wohl am akkuratesten mit «geschaffig» beschrieben werden kann. Es sind Gespräche auf Englisch, Deutsch und Mundart zu hören. Etwa darüber, wie nachmittags Zellkulturen mittels Schweizer Kampfjets auf Parabelflüge (Flugmanöver zum erreichen von Schwerelosigkeit) gesendet werden sollen.

Im Labor wird derweil, wie man das von einem Biologielabor so erwartet, konzentriert in ein Mikroskop geblickt, und im Keller summen diverse Kühlaggregate beständig vor sich hin. Dort entdeckt man dann noch eine Kiste Bier, die sich bei näherer Inspektion als eine hauseigene Kreation herausstellt: Die zuvor erwähnten Hefekulturen wurden während sieben Tagen im genannten Schwerelosigkeitssimulator gehalten und sind dort, im künstlichen Weltraum, gewachsen. Danach wurden sie an die Brauerei Luzern AG übergeben, welche daraus das institutseigene «Space Bier» braute. So prickelnd kann Wissenschaft also sein.

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