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HERGISWIL: Wie ein Ausserirdischer empfangen

Mit seinem Gleitschirm hat Philipp Steinger in Brasilien den Schweizer Rekord im Weitflug geknackt. Nebst Können spielten auch Geier und Zufälle eine Rolle.
Christoph Riebli
Der Hergiswiler Philipp Steinger wird nach seinem Rekordflug von begeisterten brasilianischen Dorfbewohnern belagert. (Bild: PD)

Der Hergiswiler Philipp Steinger wird nach seinem Rekordflug von begeisterten brasilianischen Dorfbewohnern belagert. (Bild: PD)

Weit weg am Horizont sieht er plötzlich etwas Helles aufblitzen. Philipp Steinger fliegt mit seinem Gleitschirm über ein Meer von Palmen. Es ist Abend. Der tiefe Sonnenstand verunmöglicht eine genaue Positionsbestimmung. Das reflektierende Autodach lotst ihn schliesslich zu einer Asphaltstrasse. Daneben liegt eine kleine Wohnsiedlung. «Während dem Landeanflug auf die Strasse sah ich plötzlich, wie mir Leute entgegen liefen», erinnert sich der 33-jährige Hergiswiler. Noch nie hätten sie etwas Derartiges gesehen, erzählen ihm die eintreffenden Einheimischen später. «Ich wurde richtig belagert. Ich fühlte mich ein wenig wie ein Affe im Zoo.» Fast eine Stunde danach trifft sein automobilisierter Begleiter ein. «Da konnte ich das erste Mal in aller Ruhe Wasser lassen – eine Wohltat!»

Bis zu 100 km/h schnell

10 Stunden und 17 Minuten hatte Philipp Steinger am 22. Oktober in den Gurten seines Hochleistungsschirmes gehangen. Der Wind hat ihn 405,9 Kilometer weit über das brasilianische Flachland getragen. Das ist die Distanz zwischen Quixada und Barras im Nordosten des Landes – oder in europäische Verhältnisse umgerechnet zwischen Basel und Paris – und gleichbedeutend mit einem Schweizer Rekord im Gleitschirmfliegen. Dies hat der schweizerische Aeroklub soeben erst offiziell anerkannt.

Schweizer Rekord in Brasilien, geht das überhaupt? «Ja, das geht», sagt Steinger, der am Nidwaldner Kantonsspital als Rettungssanitäter arbeitet. In der Schweiz sei es schon nur wegen der Berge nicht möglich, eine solch grosse Distanz zu fliegen. Im brasilianischen Flachland hingegen schon. Dort herrscht, ähnlich einer Bise, ein konstanter Ostwind vor, der vom Meer ins Landesinnere strömt. Mittels Thermik (aufsteigende Luftmassen) liess sich Steinger bis zur Wolkenuntergrenze auf teilweise 3400 Meter über Meer hochtragen, um dann im sinkenden Gleitflug an Distanz zu gewinnen – dank Rückenwind mit einer Spitzengeschwindigkeit von bis zu rund 100 km/h. Sein Gleitschirm ist jedoch bloss für maximal 60 km/h gebaut, kann aber pro 10 Höhenmeter rund 100 Meter weit gleiten. «Er ist leistungsfähiger, aber anspruchsvoller zu fliegen als ein herkömmlicher Schirm», verdeutlicht Steinger die technische Herausforderung.

Mentale Hochleistung

Mittels GPS hat er seinen Flug aufgezeichnet. Um einen offiziellen Rekord aufzustellen, braucht es nebst entsprechenden Lizenzen einen Start- und Landezeugen des Schweizerischen Hängegleiter-Verbands. Das alles hatte Steinger. Und noch mehr: «Um soweit zu fliegen, braucht es Glück.» Drei Wochen verbrachte er insgesamt im Gleitschirmcamp in Brasilien. Der Traum des passionierten Hochleistungsfliegers ging dabei bereits in der ersten Woche in Erfüllung: «Obwohl ich in der Nacht zuvor nur zwei Stunden geschlafen hatte, waren meine ‹Batterien› genügend aufgeladen.» Trotz zahlreicher weiterer Versuche mit voller «Batterienladung» habe er es lediglich noch auf maximal 350 Kilometer Distanz geschafft. «Die Wind- und Wetterbedingungen müssen einfach stimmen.»

Zehn Stunden in der Luft, ist das nicht langweilig? «Nein, es ist ein mentaler Hochleistungssport. Man muss ständig taktieren, um die beste Fluglinie zu finden», sagt der Leistungsflieger, der jährlich 200 bis 300 Flugstunden absolviert. Oftmals ist er auch am Pilatus anzutreffen. Doch während man sich hierzulande mehrheitlich an den Bergen orientiere, sei das Fliegen im Flachland speziell. Man wisse nie genau, wo es Thermik gäbe. So orientierte er sich in Brasilien etwa auch an Geiern, welche die Aufwinde ebenfalls nutzen, oder verliess sich auf seine eigene Intuition.

«Landegestell» zu früh ausgefahren

Wie weit er es mit seinem 20-Kilogramm-Rucksack schaffe, mache für ihn die Faszination am Sport aus. «Leistungsfliegerei ist der Inbegriff von Freiheit. Es gibt nichts Schöneres, als in einen Sonnenuntergang zu fliegen.» Und kein grösseres Abenteuer als zu schauen, wo man lande. In Brasilien sei er teilweise nur 50 Meter ob Boden geflogen: «Ich hatte mein ‹Landegestell› schon einmal ausgefahren, als ich wieder zu steigen begann», erinnert sich Steinger. Er konnte von einem «Low Safe» profitieren, einer speziell starken Thermik in Bodennähe. Eine solche sei äusserst selten und ein Glücksfall: «Ich war nur noch am Grinsen, dass ich nicht vorzeitig landen musste.»

In der Schweiz gibt es rund 500 bis 750 Streckenflieger. Der vormalige Schweizer Rekordhalter ist Alfredo Studer mit einer geflogenen Distanz von 297,1 Kilometern. Der aktuelle Weltrekord hält ein Südafrikaner mit 502 Kilometern. Weltweit haben erst rund 20 Gleitschirmpiloten jemals die 400-Kilometer-Grenze geknackt. Der weiteste Flug in Brasilien war über eine Strecke von 470 Kilometer.

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