HERGISWIL/SARNEN: «Das Glasblasen kann man nicht lernen»

Hans-Peter Stöckli war 48 Jahre lang Glasmacher. Mit seiner Pensionierung endet ein Kapitel Schweizer Industriegeschichte.

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Der pensionierte Glasbläser Hans-Peter Stöckli kehrte extra nochmals an seinen ehemaligen Arbeitsplatz zurück. (Bild Corinne Glanzmann/Neue NZ)

Der pensionierte Glasbläser Hans-Peter Stöckli kehrte extra nochmals an seinen ehemaligen Arbeitsplatz zurück. (Bild Corinne Glanzmann/Neue NZ)

Es ist heiss in der Werkhalle der Glasi Hergiswil, der schweizweit einzigen Firma, in der noch von Hand Glasprodukte gefertigt werden. Die riesigen Öfen laufen ununterbrochen und machen aus dem Quarzsand flüssiges Glas. Davor stehen die Glasmacher.

«Man muss von der Muse geküsst sein»
Bei fast 40 Grad formen, blasen und giessen sie mit handwerklichem Geschick aus der glühenden Masse Gläser, Vasen, Aschenbecher oder Weihnachtskugeln. 28 Jahre lang war dies auch der Arbeitsplatz von Hans-Peter Stöckli (65) aus Sarnen. Seit April ist er pensioniert. «Der Abschied fiel mir schwer. Ich liebte meine Arbeit und den Beruf.»

Für den Fototermin war er für einen Tag nochmals ins Berufsleben, das heisst an seinen alten Arbeitsplatz zurückgekehrt. Routiniert und mit viel Feingefühl zauberte er den Gästen auf der Besuchergalerie aus dem Klumpen heissen, flüssigen Glases eine Weihnachtskugel. «Glasblasen ist ein Kunsthandwerk, ein künstlerischer Beruf, etwas äusserst Kreatives. Glasmacher sind nicht einfach Fabrikarbeiter», so Stöckli. «Lernen kann man dieses Handwerk nicht, denn es braucht dafür eine unvorstellbare Fingerfertigkeit. Dafür muss man fast von der Muse geküsst sein.»

Schnapsgläser, Vasen und eine Abschlussprüfung mit Bravour
Bei Hans-Peter Stöckli steht ausser Zweifel, dass der liebe Gott ihm das Zeug zum Glasmacher in die Wiege gelegt hat. 48 Jahre lang übte er diesen Beruf aus. Seine «Karriere» begann 1960 bei der inzwischen eingegangenen Kristallglaserei Sarnen, wo er in einer vierjährigen Lehre lernte, wie man das Glas zentriert, gleichmässig bläst, eine ausgewogene, exakte Form ohne Naht herstellt.

Aus den vorerst einfacheren Gegenständen wie Schnapsgläser wurden im Verlaufe der Lehre anspruchvollere wie Vasen und Früchteschalen. Ein Professor der Glasfachschule Zwiesel nahm ihm die Lehrabschlussprüfung ab, die Hans-Peter Stöckli «mit Bravour bestand», wie er nicht ganz ohne Stolz anfügte.

«Einen Glasmacher lassen wir nicht auf der Strasse stehen»
Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung in seinem Metier durfte er 1980 bei der Glasi Hergiswil beginnen, obwohl gar keine Stelle frei war, wie Stöckli erzählt. «Du kannst kommen, aber wir haben im Moment keine freie Stelle. Doch einen Glasmacher lassen wir nicht auf der Strasse stehen», habe ihm der damalige Glasi-Chef Roberto Niederer gesagt.

Die Zeiten änderten sich, wurden besser, die Auftragsbücher dicker. Hans-Peter Stöckli ging auf in seinem Handwerk, erlebte die Blütezeit der Firma mit und sammelte Berufserfahrung. Er wurde Teamleiter und übernahm, mittlerweile seit Jahren als einziger Schweizer, die Verantwortung für ein ganzes Team von Glasmachern, mehrheitlich Spaniern, Italienern und Portugiesen. Kulturelle Probleme habe er nie gehabt, dafür viele schöne Erlebnisse.

Die Enkelkinder wurden schon in die Kunst eingeführt
Dass kein Einheimischer mehr diesen Beruf ausübt, findet der abtretende letzte Schweizer Glasmacher schade, aber nicht erstaunlich. Vielen Schweizern sei der Beruf zu streng. «Schichtbeginn war um 4. Und eine 15 Kilo schwere Vase 12 Minuten in der Hand zu halten geht in die Knochen.»

Fehlende Perspektiven und unattraktive Arbeitsbedingungen zum Trotz: Die Hoffnung, dass der Berufsstand nicht ausstirbt, stirbt bei Hans-Peter Stöckli zuletzt. Der Meister hat seine beiden zwei- und fünfjährigen Enkelkinder schon in die Kunst des Glasmachens eingeführt.

Matthias Piazza

Den ausführlichen Artikel lesen Sie am Dienstag in der Neuen Nidwaldner Zeitung.