HERRENHÄUSER: 427-jähriges «Hochhaus» mit auffälligem Türmchen

In Wolfenschiessen steht das Hechhuis. Die hochgiebelige Holzkons-truktion war im 16. Jahrhundert neuartig in der Region.

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Das 1586 von Landammann und Ritter Melchior Lussy in Auftrag gegebene Hechhuis in Wolfenschiessen. (Bild Andreas Z’Graggen)

Das 1586 von Landammann und Ritter Melchior Lussy in Auftrag gegebene Hechhuis in Wolfenschiessen. (Bild Andreas Z’Graggen)

Wegen seines Türmchens sieht das Haus von weitem aus wie eine Stabkirche. Doch Stabkirchen befinden sich in Norwegen und sind erst noch protestantisch. Das Hechhuis hingegen – so heisst der imposante Holzbau – steht in Wolfenschiessen und wurde von einem sehr katholischen Herrn in Auftrag gegeben. Das war 1586, und der Erbauer hiess Melchior Lussy. Der Name Hechhuis, Nidwaldnerisch für Hochhaus, verweist auf seine hochgieblige Kons-truktion, die dort damals unbekannt war, weshalb die Wolfenschiesser wohl nicht schlecht gestaunt haben, als da wenig ausserhalb ihres Dorfes, auf dem Weg nach Engelberg, ein derart neumodisches Gebäude entstand.

Reichster Unterwaldner

Melchior Lussy war der Spross einer wohlhabenden Unterwaldner Magistratenfamilie. 1551 wählte das Landvolk den 22-Jährigen erst zum Landschreiber, später zum Landammann – ein Amt, das Lussy zwischen 1561 und 1595 elfmal innehatte. Er war zu seiner Zeit denn auch nicht bloss der mächtigste, sondern wahrscheinlich auch reichste Unterwaldner, dank Einnahmen aus der eidgenössischen Bündnispolitik und der Reisläuferei. Seinen grossen Wohlstand demonstrierte Melchior Lussy mit seinem eigentlichen Wohnsitz, dem eindrücklichen Winkelried-Haus in Stans. Hinzu kam viel Ehre: von Papst Paul IV. wurde er zum Ritter der Heiligen Römischen Kirche geschlagen, nach einer Reise nach Jerusalem anno 1583 durfte sich Lussy Ritter vom Heiligen Grab nennen, und in Santiago de Compostela war er ebenfalls zu Besuch.

Erschöpft von der Politik, den Geschäften und der damals wohl recht mühevollen Reiserei wollte sich Melchior Lussy weltflüchtig aus der Öffentlichkeit zurückziehen und ein Leben der Kontemplation führen – wie einst sein Vorbild, der Wolfenschiesser Bruder Konrad Scheuber, dessen verlassene Einsiedelei er zu beziehen gedachte. Daneben liess Lussy ein Haus für Gattin und Gesinde bauen, eben dieses Hechhuis. Es ist ein sogenannter Blockbau mit zwei Voll- und zwei Dachgeschossen auf einem gemauerten Sockelgeschoss. Das Steilgiebeldach erforderte eine komplizierte Sparrendachkonstruktion und ist von Schindeln gedeckt, die – eine kostspielige Angelegenheit – mit Nägeln befestigt werden mussten. Die Nägel mussten einzeln vom Schmied angefertigt werden.

Festsaal unter dem Dach

Unter dem neuartigen Dach entstand ein grosser Raum, genutzt für festliche Anlässe, der sogenannte «Firstsaal». Ein Fliessboden und ein hölzernes Tonnengewölbe geben ihm ein vornehmes Gepräge. Der Grundriss des Wohngeschosses richtet sich nach dem Schema, welches auch in gewöhnlichen Bauernhäusern verbreitet war. Die Stube und die Elternschlafkammer im Vorderhaus sowie das Wohnstübli und die Küche im Hinterhaus werden durch einen breiten, quer zur Firstrichtung verlaufenden Mittelgang erschlossen. Im ersten Obergeschoss befinden sich verschiedene Schlafkammern und ein Arbeitszimmer. Die stilistische Ausgestaltung setzt sich im Wesentlichen aus Elementen der Bauzeit und eines Umbaus von 1733/34 zusammen. Wie der Kunsthistoriker Edwin Huwyler schreibt, galt die grösste Aufmerksamkeit der Ausstattung der Stube. Die spätgotische Bohlen-/Balkendecke aus der Bauzeit ist noch fast vollständig erhalten, Stuben- wie Stübliofen stammen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, während ein reich verziertes Buffet später herausgebrochen und verkauft wurde.

Über der Tür zur Elternschlafkammer steht geschrieben: «Do man zalt nach christi Jesu vnnseres liebenn Herren vnnd seligmachers/ geburt Tusennd fünfhundert achzig sechs Jar ist dissers Hus gebüw(en) worden ...got geb dem fromen/ husvater der dies hüs besicz glück vnnd heill Amen».

Ritter Lussy zog gar nie ein

Aus Glück und Heil wurde nichts, bezogen hat Ritter Lussy das Hechhuis nie. Seine vierte Ehefrau, Agatha Weingartner, eine offenbar recht böse, habsüchtige Person – die ersten drei Gattinnen waren gestorben, eine an der Pest –, wollte nicht in Wolfenschiessen wohnen. Nach einem Schlaganfall und langem Siechtum starb Melchior Lussy 1606, von seinen Freunden verlassen und vom Volk kaum mehr beachtet. Eine Tochter, Anna, verheiratet mit dem Wolfenschiesser Kommissar Wolfgang Christen, erbte die Liegenschaft samt dem noch immer dazugehörenden Bauernhof.

Während der nächsten 250 Jahre blieb das Hechhuis in der Familie Christen, später wechselte es oft die Hand, bis 1921 der im Chemiegeschäft tätige Basler Emanuel Stickelberger das Hechhuis erwarb und es wieder instand stellen liess. Bekannt wurde Emanuel Stickelberger als Autor von Theaterstücken und Verfasser von Novellen und Romanen über historische Persönlichkeiten wie Hans Waldmann, Huldrych Zwingli, Johannes Calvin oder Hans Holbein.

Das Hechhuis ist nach wie vor im Besitz der Nachkommen von Emanuel Stickelberger, die in Wolfenschiessen gelegentlich ihre Ferien verbringen.

Innerschweizer Landsitze

In den sechs Zentralschweizer Kantonen gibt es viele herrschaftliche Landsitze. Während der Sommerwochen stellen wir ausgewählte historische Herrenhäuser in einer Serie vor.

Herrschende Familien

Der historische Kontext unserer Sommerserie: Bis zum Untergang der Alten Eidgenossenschaft 1798 lag im Kanton Luzern wie auch in der übrigen Innerschweiz die Macht in den Händen einiger weniger herrschender Familien, bei denen der Besitz von prächtigen Landsitzen dazugehörte.

Diese oft geadelten Patrizierfamilien pflegten einen sehr stark durch Frankreich inspirierten Lebensstil. Einige dieser Herrenhäuser befinden sich nach wie vor im Besitz der einst führenden Innerschweizer Familien.