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HUMANITÄRE HILFE: Jürg Frei: «Ausrasten wäre das Schlimmste»

Der in Stans geborene Jürg Frei engagiert sich seit 24 Jahren beim Roten Kreuz. Während seiner Auslandarbeit leistete er Hilfe an Notleidende oft auch unter Lebensgefahr.
Romano Cuonz
Jürg Frei begab sich für Notleidende immer wieder in Lebensgefahr. (Bild: Romano Cuonz (Stans, 24. August 2017))

Jürg Frei begab sich für Notleidende immer wieder in Lebensgefahr. (Bild: Romano Cuonz (Stans, 24. August 2017))

Romano Cuonz

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

«Absolut unerlässlich ist, dass man seine Emotionen im Zaum halten kann, selbst wenn es einmal hektisch und schwierig wird», sagt der 57-jährige Jürg Frei. Als Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) leistete er jahrelang humanitäre Einsätze in Krisen-und Kriegsgebieten: etwa in Osttimor, Burundi, Liberia, Südafrika oder auch im Kosovo. Heute ist er Leiter der Abteilung Asien und Europa im Departement Internationale Zusammenarbeit des Schweizerischen Roten Kreuzes, verantwortlich für 14 Landesprogramme. Jürg Frei wurde 1960 in Stans geboren, wo sein Vater das Café und die Konditorei Frei führte. Der Mann, der heute fünf Sprachen – darunter sogar die seltene Papuasprache Fatakulu –spricht, studierte vorerst in Bern Kommunikations­wissenschaften, Ethnologie und Geschichte. «Man kann zwar aus der Geschichte lernen, bei meinen IKRK-Einsätzen in Konfliktgebieten aber war ich oft froh, wenn ich die Geschichte gar nicht kannte», sagt Frei. In der Geschichtsschreibung gebe es Gute und Böse, Verlierer und Gewinner. Indessen, so Frei: «Wenn man humanitäre Hilfe leisten und Leiden lindern will, sollte man sich nicht mit Gut und Böse befassen.» Im Gegenteil: Das Credo für IKRK-Delegierte laute: «Stets neutral sein und neutral auftreten!»

Unterdrücker und Unterdrückte

Der erste IKRK-Einsatz von Jürg Frei erfolgte nach einer dreiwöchigen Grundausbildung 1993 in Südafrika. Gerade stand die Wahl Mandelas zum Präsidenten an. In den Townships herrschte unerbittlicher Krieg zwischen politischen Gruppierungen. «Ich musste mein Schwarz-Weiss-Bild von bösen Unterdrückern und armen Unterdrückten korrigieren», erinnert sich der Nidwaldner. Nur ein Beispiel: «Ein Gefängnisdirektor – ein sogenannt Böser – hat uns gar um Tipps gebeten, wie er seine Arbeit besser machen könne, ohne dabei Menschen zu plagen!» Ja, bei seiner Arbeit habe er oft auch die Machtlosigkeit Mächtiger in zerbrochenen Staaten gesehen, sagt Frei.

Die grosse Trauer um Freunde

Das Rote Kreuz oder der Rote Halbmond wirkten in den meisten Ländern wie Türöffner. Es gebe eine grosse Hemmschwelle, IKRK-Mitarbeiter anzugreifen. Trotzdem sei man oft Gefahren ausgesetzt. Doch kämen sie oft nicht von Menschen. «An erster Stelle stehen da Verkehrsunfälle auf meist unsicheren Strassen mit unausgebildeten Automobilisten und fehlenden Polizisten», erklärt Frei. Eine Gefahr seien auch Krankheiten. «In Osttimor hatte ich gleichzeitig das von Mücken übertragene Dengue-Fieber und Typhus», erzählt der Delegierte. Weil er seinen Posten trotzdem nicht verlassen wollte, flog ihn das IKRK zwangsweise in ein indonesisches Spital aus. «Zu meinem Glück», wie Frei heute weiss.

Eine böse Erinnerung bleibt ihm aus dem Jahr 1996 in Burundi. «Unsere Aufgabe war es, Tausenden von Vertriebenen, die seit Wochen von Nahrungsmitteln und medizinischen Hilfsgütern abgeschottet waren, Hilfe zukommen zu lassen», erzählt er. Dabei sei man über Strassen gefahren, wo niemand mehr war. Bei einem Versuch, ins umkämpfte Gebiet von Cibitolke vorzudringen, wurden seine Freunde und Kollegen Cédric Martin, Juan Ruffino und Reto Neuenschwander bei einem Angriff auf die Fahrzeuge getötet. Frei selber war nur zwei Wochen zuvor in die Schweiz ausgeflogen worden. «Als ich die Nachricht im Auto­radio hörte, stand für mich die Welt still», erinnert er sich.

Im Moment höchster Gefahren

Um sein Leben bangen musste Jürg Frei im Kosovo. Er versuchte mit Serben auszuhandeln, dass das IKRK einige Bauernhöfe, die seit Wochen von der Aussenwelt abgeschnitten waren, aufsuchen dürfe. Die Stimmung war aufgeheizt. Selbst das Rote Kreuz galt jetzt als Feind. Verbündet mit den Kosovo-Albanern. «Plötzlich bezeichneten zwei ältere Bauern meine Übersetzerin als Verräterin, fesselten sie an einen Zaunpfosten und bedrohten sie mit einem Gewehr», erinnert sich Frei.

«Nun begann ich zu reden. Zwei Stunden habe ich verhandelt, am Schluss banden sie meine Kollegin, die unter Schock stand und doch immer weiter übersetzte, los.» Und Frei, der bei seinen Einsätzen für Bedrängte und Hilflose oft ähn­- liche Situationen erlebt hatte, zieht aus heutiger Sicht ein Fazit: «Oft ist man da selber erstaunt, wenn man ruhig bleibt und nicht locker lässt. Ausrasten wäre das Schlimmste!» Ja, die Sicherheit beim humanitären Einsatz hänge meistens vom eigenen Verhalten ab!

Hinweis

Ein ausführliches Interview mit Jürg Frei über seine Arbeit als IKRK-Delegierter und heutiger SRK-Mitarbeiter liest man im Nidwaldner Kalender 2018, erhältlich in der Buchhandlung Martin von Matt oder auf unserer Redaktion in Stans.

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