400 Nidwaldner Nachtschwärmer müssen in Massenquarantäne – das Contact-Tracing-Team kommt an seine Grenzen

Sämtliche Besucher, die am Wochenende zwei Nidwaldner Ausgehlokale besucht haben, müssen in Quarantäne. Betroffen sind rund 400 Personen.

Drucken
Teilen
Das Jugendkulturhaus Senkel in Stans.

Das Jugendkulturhaus Senkel in Stans.

Bild: Matthias Piazza (Stans, 27. August 2020)

(dvm/mu/fpf) Nicht nur im Kanton Uri wurde eine Massenquarantäne angeordnet. Auch in Nidwalden müssen zahlreiche Partygäste nun zehn Tage zu Hause bleiben. Wie der Kanton am Donnerstagvormittag mitteilt, hat eine jüngere Person am 9. und 10. Oktober die Bar Happy-Day in Wolfenschiessen und das Jugendkulturhaus Senkel in Stans besucht und wurde nachträglich positiv auf Covid-19 getestet.

Zwar verfügen beide Lokale über ein gültiges Schutzkonzept, eine Maskenpflicht oder getrennte Sektoren sind darin aber nicht enthalten. Da eine Durchmischung des Publikums stattfand, war eine klare Eingrenzung der Kontakte nicht möglich, weshalb der Kantonsarzt für sämtliche Gäste und Mitarbeiter eine zehntägige Quarantäne angeordnet hat. Betroffen sind rund 400 Personen.

Schlecht lesbare Gästelisten erschweren das Contact-Tracing

Die betroffenen Personen wurden laut der Mitteilung des Kantons Nidwalden per SMS informiert. In der grossen Mehrheit seien die 400 Personen Nidwaldnerinnen und Nidwaldner, hält Gesundheits- und Sozialdirektorin Michèle Blöchliger fest. «Alle wurden zunächst vom Nidwaldner Contact Tracing kontaktiert. Ausserkantonale Personen wurden anschliessend an den Wohnkanton gemeldet.» Im Moment wisse man noch nicht, ob unter den 400 Personen, die sich in Quarantäne begeben mussten, auch Leute sind, die ebenfalls infiziert sind. Nur bei Symptomen soll getestet werden, so Blöchliger.

Die beiden Ausgehlokale seien vom Gesundheitsamt umgehend kontaktiert worden und diese hätten innert kurzer Frist die Gästelisten aushändigen können. Allerdings seien laut der Mitteilung «nicht bei allen die Angaben vollständig und gut lesbar gewesen, namentlich bei den von Hand ausgefüllten Zetteln».

Daher appelliert das Gesundheitsamt an Betroffene mit Wohnsitz in Nidwalden, die sich am vergangenen Freitagabend im Happy-Day oder am Samstagabend im Senkel aufgehalten und bislang noch keine SMS zur Quarantänepflicht erhalten haben, zu Hause zu bleiben und sich baldmöglichst unter der Telefonnummer 041 618 43 34 oder helpline@nw.ch zu melden. Personen, die sich via E-Mail melden, werden gebeten, eine Telefonnummer anzugeben. Weitere betroffene Personen hätten sich an die zuständige Stelle in ihrem Wohnkanton zu wenden.

«Wir haben am Donnerstagmorgen bereits Anrufe erhalten», sagt Michèle Blöchliger. Oft läuft das auch so, dass sich Kolleginnen und Kollegen gegenseitig informieren und sich dann bei uns melden. «Wir hoffen, dass sich alle melden, die in einem oder beiden Lokalen waren und von uns noch nicht kontaktiert worden sind.» Es sei für den Kanton wichtig, möglichst alle Personen in Quarantäne schicken zu können, um mögliche weitere Infektionsherde zu verhindern und die Infektionsketten zu unterbrechen.

Erfassung mittels App ist weniger fehleranfällig

Die hohe Anzahl Betroffener, die nun in Quarantäne müssen, bringen die Rückverfolgung des Coronavirus im Kanton Nidwalden an ihre Grenzen. Eine zumindest temporäre Aufstockung beim Contact-Tracing-Team ist laut dem Kanton unumgänglich. «Wir sind daran, Personen aus anderen Direktionen für das Contact-Tracing zu rekrutieren», sagt die Regierungsrätin. «Aufgrund der Entwicklung der Fallzahlen brauchen wir deutlich mehr Ressourcen.» Bis jetzt seien vier Personen mit dem Contact-Tracing befasst, jetzt werde man den Bestand praktisch verdoppeln, so Blöchliger. Im Bedarfsfall könne über eine Vereinbarung beim Schweizerischen Roten Kreuz Unterwalden weitere personelle Unterstützung angefordert werden, heisst es in der Mitteilung weiter.

Im Zusammenhang mit Gästelisten, die für das Contact-Tracing unerlässlich sind, rät der Kanton Nidwalden den Bars, Clubs und auch Restaurants auf eine dafür entwickelte App zu setzen. Dies würde sowohl für Betreiber als auch für Gäste die Erfassung von Kontaktangaben wesentlich vereinfachen. Zudem empfiehlt das kantonale Gesundheitsamt weiterhin allen, die SwissCovid-App des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) herunterzuladen und auf dem Smartphone zu installieren.

«Die beiden betroffenen Lokale sind weiterhin geöffnet. Grundsätzlich hatten sie ein gültiges Schutzkonzept», betont Blöchliger. «Wir sind mit Ihnen in Kontakt, um allfällige Anpassungen zu diskutieren.» Der Senkel teilt auf Anfrage mit, dass die geplanten Veranstaltungen der kommenden beiden Wochenenden abgesagt wurden. Die Verantwortlichen warten ab, bis das kantonale Gesundheitsamt zur aktuellen Lage kommuniziert. Sie betonen, dass das Schutzkonzept eingehalten und die entsprechende App gebraucht wurde, um das Contact-Tracing einzuhalten.

Nidwalden ruft zu erhöhter Vorsicht auf

Da die Fallzahlen im Kanton Nidwalden jüngst zumeist aufgrund von Krankheitsübertragungen im privaten oder beruflichen Umfeld gestiegen sind, mahnt das Gesundheitsamt, «die geltenden Verhaltens- und Hygienemassnahmen weiterhin auch im Kreise von Angehörigen, in der Freizeit und am Arbeitsplatz bestmöglich einzuhalten». Dort, wo Abstandhalten nicht möglich ist, soll eine Maske getragen werden. Von grösseren privaten oder öffentlichen Feiern und Anlässen wird in der aktuellen Situation abgeraten. Angesichts des rasanten Anstiegs der Fallzahlen seien auch in Nidwalden weitere Massnahmen zu erwarten, sagt Michèle Blöchliger. «Wir sind daran, diese auszuarbeiten. Den Entscheid darüber muss der Gesamtregierungsrat fällen.»

Mehr zum Thema

Das sagt der Urner Kantonsarzt zur Massenquarantäne

Sämtliche Besucher, die am Wochenende die Altdorfer Tellenbar oder das «Londoner» besucht haben, sind in Quarantäne. Kantonsarzt Jürg Bollhalder sagt, weshalb beinahe niemand auf eine Ausnahme hoffen kann.
Florian Arnold