Kolumne

«Ich meinti»: Die Kleinen hängt man ...

Romano Cuonz ärgert sich darüber, dass für die «Kleinen» andere Regeln gelten als für die «Grossen».

Romano Cuonz
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Romano Cuonz, Journalist und Schriftsteller aus Sarnen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Romano Cuonz, Journalist und Schriftsteller aus Sarnen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.

Bild: Corinne Glanzmann (Horw, 5. Januar 2015)

Es kommt schon einmal vor, dass weder ein aromatisch duftender Kaffee noch ein knuspriges «Gipfäli» meine bereits am frühen Morgen verdorbene Laune verbessern können. Die Schuld trägt dann meist die Zeitung – beziehungsweise eine Geschichte, die ich darin entdeckt habe. Gerade kürzlich ist mir dies wieder passiert. Ich las, wie einer 70-Jährigen, zuvor unbescholtenen Rentnerin eine Busse von 120 Franken – und dazu noch unverschämte 150 Franken Gebühren – aufgebrummt wurden, nur weil sie sich im Datum geirrt und ein korrekt zusammengeschnürtes Zeitungsbündel eine Woche zu früh auf die Strasse gestellt hatte. Sogar mit «unbedingtem Gefängnis» drohte der Staatsanwalt der Frau, sollte sie die Busse «schuldhaft» nicht bezahlen! Und das Verrückte dabei: Nicht in einem totalitären Staat hat sich dies zugetragen. Nein, in der als sozial und grün hoch gepriesenen Stadt Zürich. Als ich dies las, schwoll mir die Zornesader an, und durch den Kopf ging mir eine alte Spruchweisheit: «Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen!»

In der Tat: je länger man über diesen Spruch nachgrübelt, desto mehr aktuelle Beispiele fallen einem dazu ein. Ungefährliche, kleine Parksünder beispielsweise können Gift darauf nehmen, dass ihnen eifrige Hilfspolizisten einen Bussenzettel an die Frontscheibe klemmen. Autoraser und Töff-Rowdies hingegen geniessen ihren ebenso ohrenbetäubenden wie umweltschädlich riskanten Spass oft jahrelang, ohne je in eine Radarfalle zu tappen. Solche sind ja – auf Geheiss bürgerlicher Politiker – eher sparsam einzusetzen! Wird ein Teenager beim Ausspucken eines Kaugummis von einem Polizisten beobachtet, riskiert er vielerorts eine dreistellige Busse. In vier Schweizer Seen aber liegen über 800 Tonnen von der Armee ausgespuckte Munition, ohne dass das Eidgenössische Departement für Verteidigung und Bevölkerungsschutz vom Gesetzgeber dafür ernsthaft an die Kandare genommen würde. Massnahmen wären zu gefährlich, wird argumentiert! Und, und, und …

Grundsätzlich bin ich glücklich, in einem Staat zu leben, wo wir Bürger zu Gesetzen – mindestens bei deren Entstehung via Referenden und Volksabstimmungen – noch unsere Meinung sagen dürfen. Und ich gestehe: Zu vielen solchen Gesetzen, vor allem wenn sie vorgeben Gewässer, Luft oder Landschaft zu schützen, sagte und sage ich fast unbesehen Ja. Ich möchte doch den Enkelkindern nicht ein Land hinterlassen, in dem sie nicht mehr leben können. Doch die Krux bei Gesetzen ist: Was im Abstimmungstext noch ganz vernünftig tönt, hat in der Praxis oft erhebliche Pferdefüsse. Willkür ist zwar bei uns glücklicherweise selten. Autoritäre Sturheit der Vollstrecker beim Ausnützen ihrer Macht aber kommt vor. Je näher sie dem einfachen Bürger kommen, desto häufiger! Gerade Landwirte im Berggebiet, um nur ein Beispiel zu nennen, werden durch kleinliche Anwendungen nicht selten vor existenzielle Probleme gestellt. Dabei gäbe es – und damit sind wir auch wieder beim eingangs erwähnten Fall – stets noch einen Ermessensspielraum. Unterschiedliche Auslegungen wären – selbst juristisch gesehen – durchaus «vertretbar». Nur: Kommt es erst einmal zu einem Rechtsstreit, müssen Gerichte entscheiden. Aber: Will sich diä Chlinä Apfokaatä chuim läischtä chend, wäärdids – ämel sprichwertlich – ghänkt!