Kolumne

«Ich meinti»: Eine scharfe Einstellung – mit, aber auch ohne Brille

Franziska Ledergerber macht sich Gedanken über ihre Sehschärfe.

Franziska Ledergerber
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Franziska Ledergerber

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Bild: PD

Nachdem mich mein Mann bereits schon zweimal bei seinem Optiker für einen Sehtest angekündigt hatte, meldete ich mich letzte Woche endlich an. Bis dahin dachte ich, eine gewöhnliche Lesebrille mit einfachen Vergrösserungsgläsern würde für meine Bedürfnisse vollends genügen.

Meine Brillen kaufte ich jeweils bei Fielmann, in der Landi oder beim Globus. Gelegentlich war nach einem Selbsttest im Laden auch wieder einmal ein höherer Vergrösserungswert fällig. Bis zum professionellen Sehtest beim Optiker lag dieser bei Punkt Zwei. Diese Lesebrillen deponierte ich überall dort im Haus, wo Fallstricke mit kleinem Schriftgrad lauern. Im Bad, in der Küche, der Waschküche oder im Keller.

Beim besagtem professionellen Sehtest gab ich mir Mühe, genau den Anweisungen des Optikers zu folgen, denn eine individuell massgeschneiderte Brille sollte perfekt sein. Mal legte er beim rechten Auge, dann wieder beim linken sukzessive verschiedene Gläser in den Autorefraktometer. «Es darf auch einmal beidseits gleich scharf sein», sagte er augenzwinkernd, als ich Unschärfen suchte, wo keine vorhanden waren.

Schliesslich verglich mein Optiker das Ergebnis mit meiner eigenen Punkt-Zwei-Einschätzung und meinte, dass ich sehr anspruchslos sei, was das Sehen anbelangt. Denn meine Sehunschärfe liege höher, als ich angenommen habe. Dasselbe war auch bei der Weitsicht der Fall, die ich bis anhin als hervorragend beurteilte. Anspruchslos – das musste erst einmal verdaut werden!

Abgesehen von der physisch messbaren Optik kann unsere Sehschärfe bisweilen auch in anderen Bereichen leicht getrübt sein. Da kommt es sehr oft auf den Standpunkt an und den Blickwinkel, aus dem wir eine Sache beurteilen. Spezialisten zum Beispiel fokussieren manchmal einseitig auf ihr Fachgebiet.

Das freut bestimmt die Kosmetikindustrie

In einem Interview Anfang Sommer sagte eine Dermatologin, man müsse jeden Tag Sonnencrème einstreichen. Fünf Suppenlöffel verteilt auf den ganzen Körper und drei Teelöffel im Gesicht, egal ob die Sonne scheine oder nicht. Es ist ja mittlerweile jedem bekannt, dass übermässige UV-Strahlen krebserregend sind, dass die Ozonschicht durch die Klimaerwärmung dünner geworden ist und uns nicht mehr so zuverlässig vor diesen Strahlen schützt. Aber ist ein löffelweises Auftragen von Sonnenschutzmitteln auch an Körperstellen, die von Kleidern bedeckt sind, die Antwort darauf? Aus Sicht der Ärztin bestimmt, denn sie als Dermatologin richtet ihr Augenmerk auf die Haut. Das freut bestimmt die Kosmetikindustrie, derweil sich die Ozonschicht weiter abbaut.

Nun werden die Tage herbstlich kühl und die Sonne brennt nicht mehr gnadenlos auf unsere zarten Häupter. Dafür erhitzt die Maskenpflicht die Gemüter. Einige bestreiten die Gefährlichkeit des Virus, beschwören die individuelle Freiheit des Bürgers und foutieren sich um das Tragen von Masken. Leider werden in dieser Hinsicht auf politischer wie auch auf wissenschaftlicher Ebene unterschiedliche Signale gesendet, je nach Einstellung und Blickwinkel auf das zu untersuchende Objekt, das nicht einmal mit einem Lichtmikroskop sichtbar wird.

Wie dem auch sei, ich erfreue mich seit kurzem an meiner neuen, coolen Brille. Es geht doch nichts über eine optimale Einstellung für eine klare, ungetrübte Nah- und Weitsicht – mit, aber auch ohne Brille.

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