Kolumne

«Ich meinti»: Kosmische Erleuchtung mit Tapioka

Christian Hug macht sich auf die Suche nach schwer auffindbaren Tapioka-Chügeli. Und findet beim Znacht heraus, dass sie das Weltall erklären.

Christian Hug
Drucken
Teilen

Letzthin kam mir mit grosser Bestürzung in den Sinn, dass ich schon seit vielen Jahren keine Tapioka-Chügeli mehr gegessen habe. Wenn Sie ein bisschen weiterlesen, werden Sie verstehen, warum es nötig ist, dass ich zuerst erkläre, was Tapioka-Chügeli sind. Also: Tapioka gewinnt man aus der Maniok-Pflanze, die dicke Knollen im Boden macht, ähnlich wie Kartoffeln. Aus deren Stärke presst man eben kleine Kugeln, die unsere Eltern früher, als man noch nicht so im Wohlstand schwelgte, in die Suppe gaben als klassische Sättigungsbeilage. Das Lustige daran: Tapioka-Kugeln sind billig und weiss, und wenn man sie in der Suppe kocht, werden sie durchsichtig. Das hat mich als Kind immer fasziniert: Man sieht sie nicht, und Geschmack haben sie auch überhaupt keinen, aber man kann es essen.

Christian Hug, ist Journalist aus Stans.

Christian Hug, ist Journalist aus Stans.

Bild: PD

Ich machte mich also auf die Suche nach Tapioka-Chügeli. Aber in den sieben Läden, in denen ich mich erkundigte, hatte niemand eine Ahnung, wovon ich sprach. Tapi-was? Tapir? Tampons? «Nein», sagte ich dann jeweils, «Tapioka.» Eine Verkäuferin schickte mich in die Fisch-Abteilung. Ich lernte: Es gibt schon so lange kein Tapioka mehr bei uns, dass es in Vergessenheit geraten ist. Vielleicht, weil in den Ländern, in denen Maniok wächst, jetzt nur noch Palmen angebaut werden, deren Öl wir dann importieren und als eine Art neue Sättigungsbeilage in unser industrielles Essen mischen.

Im Asia-Laden in Luzern fand ich schliesslich, was ich suchte. Sogar in kleinen und in grossen Chügeli. Ich kaufte mir von beiden je zwei Pfundsäcke und kochte meiner Liebsten und mir am Abend eine klare Bouillon mit saisonalem Gemüse und vielen Tapioka-Chügeli. Ich war begeistert. Meine Liebste hingegen stocherte lange mit dem Löffel im Teller herum und starrte in die Suppe. «Sieh mal», sagte sie schliesslich, «das ist ein bisschen wie im Weltall.»

«Wie meinst du das?», fragte ich ungerührt, und sie antwortete: «Die Chügeli sind wie Planeten. Es sind mehr, als man denkt, man sieht sie kaum, und wenn man mit dem Löffel rührt, bewegen sie sich voneinander weg und niemand weiss wohin und weshalb.»

Ich beobachtete aufmerksam meine Suppe. Jedes Chügeli ein Planet, und der Teller ist das Weltall. «Und eines dieser Chügeli sind wir», sagte ich schliesslich, «und wir haben keine Ahnung weshalb und wohin das führen soll.»

«Sag ich ja», sagte meine Liebste, «Tapioka erklärt das Weltall, aber nachher sind wir auch nicht schlauer.»

Zum Dessert gab’s einen chinesischen Glückskeks. Auf meinem Zettel stand: «Niemals aufgeben. Weitermachen. Immer weitermachen. Oliver Kahn.» Warum in einem chinesischen Glückskeks das Zitat eines deutschen Torwarts zu lesen war, ist mir bis heute ein Rätsel. Aber wo er recht hat, hat er recht.