Ich Meinti
Tief atmen mit Mahara McKay

Die Welt läuft momentan aus dem Ruder. Zum Glück gibt es genügend Angebote von Lebenstraining-Kursen. Auch wenn sie bisweilen – wie bei Kolumnist Christian Hug – nur der Aufheiterung dienen.

Christian Hug
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Ex-Miss Schweiz, Mahara McKay

Ex-Miss Schweiz, Mahara McKay

Bild: PD
Christian Hug

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Können Sie sich noch an Mahara McKay erinnern? Genau: Sie war vor 20 Jahren Miss Schweiz. Zu lange her? Das war die Miss mit dem Maori-Vater, sie wurde dann DJ, Model und Moderatorin und war mal in Los Angeles. Der Titel Miss Schweiz ist inzwischen abgeschafft, weil es niemanden interessiert, aber das interessiert Mahara McKay kein bisschen, weil sie längst in Neuseeland wohnt und dort allerlei Life-Coaching unterrichtet.

Life-Coaching heisst auf Deutsch Lebenstraining, und wie es scheint, liegt Mahara damit ganz im Trend, denn Lebenstraining interessiert zurzeit so viele Leute, dass man meinen könnte, die ganze Welt läuft aus dem Ruder. Nun denn. Mahara unterrichtet Tantra und Schamanismus, manchmal sogar beides im gleichen Kurs. Tantra hat mit Sexualität zu tun und Schamanismus mit spirituellen Wesen. Vielleicht beschwört Mahara eine Art Sexgeist, den man mit «Feminine Embodiment» anlockt, auf eine «Journey through the 5 Elements» mitnimmt und mit «Emotional Release» wieder verscheucht. So heissen ihre anderen Kurse.

Auf alle Fälle tupft sich Mahara einen roten Punkt zwischen die Augen und markiert auf gleiche Weise ihre Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer, so als könne man das dritte Auge einfach aufkleben und schwupp – sieht man alles so, wie es in echter Wahrheit wirklich ist. Andere Leute sagen dem kulturelle Aneignung, aber bei Mahara sieht das irgendwie so ernstzunehmend aus. Und sie spricht ja dann immer englisch. Und wenn dann ihre Kunden ganz konzentriert abwechselnd hecheln und die Luft anhalten, gibt Mahara die Gebrauchsanweisungen durch. «Hold your breath», sagt sie immer wieder, «halte deinen Atem an». Sie sagt das in einem Ton, der mich daran erinnert, wie man einem ungehorsamen Hund «Sitz» beibringt. Oder wie man Rekruten zu Liegestützen verknurrt. Hab ich neulich in einem Mahara-Video gesehen.

In diesem Filmli war Gülsha Adilji zu Gast. Gülsha war nie Miss Schweiz, aber sie war mal in Berlin und Moderatorin und Komikerin, wobei sie letzteres immer noch ist. Glaub ich jedenfalls. Weil immer, wenn Gülsha irgendwo in Erscheinung tritt, sagt sie Sätze wie «Boa, ich weiss ä nöd, isch irgendwie voll krass» und blickt ganz verwirrt in die nächstbeste Kamera.

Gülsha hat natürlich Maharas Tantrakurs mitgemacht, gehechelt und danach ganz erstaunt der Kamera erzählt, dass das alles irgendwie voll krass war. Mahara hat derweil mit einem abwesenden Grinsen ihr drittes Auge angeschielt. So schräg nach oben beziehungsweise innen. Spätestens da wurde mir klar, dass das nur eine Satire-Sendung sein konnte. Aber immerhin: In diesen humorlosen Zeiten heutzutage bin ich heilfroh um jede Aufheiterung.

Christian Hug, Journalist aus Stans, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema. Seine gesammelten Kolumnen «Ich meinti» sind in Buchform in jeder Buchhandlung erhältlich.