Kolumne

Ich meinti: Vom Betrachten der Welt

Christian Hug über Beobachtungen im OWI-Land.

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Christian Hug.

Christian Hug.

Als mein Freund Thomas am Verkehrskreisel bei der Kaserne in Oberdorf noch sein Antiquitätengeschäft führte, gingen meine Liebste und ich fast jeden Samstagmorgen dorthin. Thomas machte uns einen Kaffee, und ich setzte mich damit vor den Laden an die Strasse, rauchte eine Zi­garette und betrachtete die vorbeifahrenden Autos. Und die Berge. Und die Fussgänger. Und den Baum auf dem Kreisel. Und die Rindviecher, wenn Viehschau war. Ich sagte dem: Welt gucken. Das hatte im besten Sinne des Wortes etwas Beschauliches. Dieser stete Fluss von Kommen und Gehen in den verschiedensten Geschwindigkeiten – und ich mittendrin als ruhender Pol.

Für mich waren das immer irgendwie tröstliche Momente. Manchmal habe ich dann im Laden sogar was gekauft.
Eine schöne Buddhafigur zum Beispiel oder ein Bild von einer Kuh.

Leider hat Thomas seinen Laden vor zwei Jahren geschlossen. Seither bin ich am Samstagmorgen oft etwas hibbelig. Ich trinke zwar Kaffee und rauche Zigaretten, aber der Kreisel fehlt mir.

Bis letzte Woche. Da waren wir unterwegs ins Berner Oberland und machten einen Zwischenhalt im OWI-Land. Das ist die grosse Tankstelle mit Restaurant am Anfang der Bergstrecke zum Brünig, wo ein indischer Investor vor ein paar Jahren nebenan ein Bordell einrichten wollte. Es war herrliches Ausflugswetter.

Wir holten uns einen Kaffee, setzten uns draussen auf eine Bank, rauchten und betrachteten das Treiben von tankenden Töfffahrern, sandwichessenden Touristen, quengelnden Goofen und verwirrten Hunden. Ringsherum thronten die majestätisch schönen Berge, die Bäume im Wald ennet der Strasse leuchteten förmlich in ihrem satten Grün, und irgendwo grasten Kühe auf einer Weid. Es war herrlich. Mehr noch: Es war fast ein bisschen buddhistisch, still und gemütlich, mitten in diesem Gewusel zu sitzen und nichts anderes zu tun als Kaffee zu trinken und zu rauchen. Okay: Gesundheits­fanatiker würden jetzt eher Tee trinken und rauchen, aber das ändert nichts an der Freude, zuzusehen, wie sich die Wege von Dutzenden und Hunderten von Reisenden für einen kurzen Moment an dieser Tankstelle kreuzen.

Mir gefällt diese Vorstellung. So viele Lebensgeschichten kommen hier zufällig zusammen, aber das ist völlig ohne Bedeutung. Das führt mich dann zur Frage, was genau denn wirklich von Bedeutung ist im Leben. Und darüber wiederum kann man lange nachdenken. Und zwischendurch taucht dann die Frage auf: Warum ist eigentlich nie was geworden aus dem geplanten Puff?

Christian Hug, Journalist aus Stans, äussert sich abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.