Kolumne

«Ich meinti:» Von Serviertöchtern und deren Selbstwertgefühl

Wie fragt man nach der Rechnung? Wie Traditionen in der Gastrobranche bröckeln.

Herbert Huber
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Meine Grossmutter war ein Goldschatz und eine sehr fleissige Frau. Geboren wurde sie 1888. Sie schwärmte oft und mit Stolz, sie sei einmal Serviertochter in einer Weinschenke gewesen. Im St. Gallischen Rheintal. Einfach so und zur Abwechslung. Und weil Sie gerne unter Menschen sein wollte. Nicht etwa weil sie es nötig gehabt hätte. Denn Ihr Mann, mein Grossvater, war immerhin Chef der Güterexpedition im Bahnhof Altstätten.

Herbert Huber

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Zurück zur Grossmutter. Für ein freundliches Lächeln gab es fünf Rappen Trinkgeld und für ein noch freundlicheres sogar zehn Rappen. Keinen Lohn also, nur Trinkgeld. Das war einmal – in den sogenannten goldenen Zwanzigerjahren. Wer nicht Essen servierte, sondern nur Getränke anschleppte, war eine Serviertochter. Und gewisse männliche Gäste waren der festen Überzeugung, dass bei einem grosszügigeren Trinkgeld «tätscheln» der servierenden Töchter auch noch inbegriffen sei. Was für Zeiten!

Geblieben ist im Volksmund bis heute die Serviertochter. «Fröilein zahle» ebenfalls. Auch wenn die Serviertöchter erwachsene Frauen und oft schon Mütter sind. Woher stammt eigentlich der Ausdruck Serviertochter? Googeln lohnt sich nicht. Mutmassen hingegen schon. Bei diesem Beruf waren ja früher Kost und Logis inbegriffen. Und so wurde die Servierende zur Tochter des Hauses mit Familienanschluss. Wie damals die Haushaltlehrtochter. Man muss also nicht Feminist sein, um zu begreifen, dass die Berufsbezeichnung Serviertochter definitiv in die Mottenkiste gehört und «Fröilein» ebenfalls.

Wie weiter? Soll der Gast nun Refa (Restaurantfachfrau) rufen, wenn er zahlen möchte? Oder Madame? Gar «He, Sie / Dui Frai»? Ich meinte, dass die in diesem sehr anspruchsvollen Beruf arbeitenden Menschen alle einen eigenen Namen haben. Sie sind ja oft auch angeschrieben. Nur lesen kann man die Namen manchmal nicht. Kürzlich sagte mir ein Gast, es hätte ihn eine als «Azubi» (Auszubildende) Angeschriebene bedient. Als er Frau Azubi rief, sei er sich dann ziemlich schräg vorgekommen ... Ja und die ganze Zeit auf den Busen respektive auf das dort angebrachte Namensschildli zu starren, geht ja auch wieder nicht. Erklären Sie mal dieser Frau, sie hätten nur den Namen lesen wollen?

Das Optimale also wäre, so meinte ich, wenn sich die Mitarbeitenden den Gästen vorstellen. Oder der Gast nach dem Namen fragt. Was nämlich das Selbstwertgefühl eines servierenden Menschen zweifelsohne stärken würde. So einfach wäre das. Eigentlich. Was zählt denn heute bei den Gästen? Wichtig ist, dass ich freundlich bedient und als Gast ernst genommen werde. Und dann merke ich mir vielleicht, wie diese nette Dame und der flotte Herr heissen, die mir mit ihrem Service Freude bereitet haben. Und werde sie das nächste Mal mit ihrem Namen ansprechen? Dann nämlich erst recht, wenn man mir beim Bezahlen der Rechnung sogar das persönliche Visitenkärtli mitgegeben hat: «Monika freut sich auf Ihren nächsten Besuch!»

Herbert Huber, Koch, dipl. Hotelier und Buchautor aus Stansstad, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.